Berlin

Zwischen Fussball und Tora

Religion und Alltagskultur: Dazu trafen sich 60 junge Juden aus ganz Europa Foto: Heinz-Peter Katlewski

»Sehen Sie auf dem Namensschild einen Vornamen?« Tom, der Tourguide durch das jüdische Berlin, deutete auf den Wachmann im Bode-Museum. Er nahm ihn als Beweis dafür, dass man in Deutschland nicht zu Vertraulichkeiten neigt, während man seinen Job ausübt. Der studierte Historiker machte seine Gruppe satirisch überspitzt mit den Deutschen von heute und ihren Eigenarten vertraut: Förmlichkeit, Effizienz, Pünktlichkeit, schwacher Humor. Ein amüsanter Schlusston nach drei Tagen intensiver Begegnungen zwischen jungen Juden aus ganz Europa.

Eingeladen zu dem Treffen »Jewish Journeys in a Secular World« hatten drei Partner aus dem progressiven Judentum: die internationale Dachorganisation junger Erwachsener TaMaR, die britische Initiative TENT und – federführend – Jung und Jüdisch Deutschland. Es solle für die Teilnehmer eine von vielen künftigen Reisen sein auf dem lebenslangen Weg, die eigene jüdische Identität zu entwickeln, meinte Lea Mühlstein, Rabbinerstudentin am Londoner Leo Baeck College und Vorstandsmitglied von Jung und Jüdisch. Mehr als 60 junge Juden aus allen Teilen Europas kamen in das Tagungshotel im Spandauer Johannisstift, 20 von ihnen aus Deutschland.

Selbstverteidigung Im Wartburgsaal des Hotels roch es am frühen Freitagnachmittag nach frischem Schweiß. Nach den ersten Debatten lockte die meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Möglichkeit, gemeinsam eine Verteidigungstechnik aus Israel auszuprobieren. Imrich Lichtenfeld hatte sie vor rund 90 Jahren im heutigen Bratislawa entwickelt. Anlass dafür waren wiederholte antisemitische Ausschreitungen. Juden sollten künftig über ein natürliches Mittel verfügen, um sich wehren zu können: Kraw Maga, hebräisch für Kontaktkampf. Diese Verteidigungskunst steht für etwas, was der neue Schaliach für die Zionistischen Jugendorganisationen in Deutschland, Roy Siny, den Muskeljuden nannte – die israelische Alternative zum körperlich schwachen, aber gelehrten und intellektuellen Juden, der einst für Europa so typisch war.

Israel Dass es ein jüdisches Selbstverteidigungssystem aus Israel gibt, war für viele an diesem letzten Oktoberwochenende eine Entdeckung. Darüber, wie Israel aber ansonsten als Vorbild taugt, herrschten unterschiedliche Ansichten, sowohl im Plenum als auch unter den Referenten. Rabbiner Rich Kirschen vom Anita-Saltz-Center der World Union for Progressive Judaism in Jerusalem warb für die jüdische Alltagskultur in Israel. Nur dort seien der Schabbat sowie die jüdischen Fest- und Feiertage ein selbstverständlicher Bestandteil des öffentlichen und privaten Lebens. Nicht einmal Nichtjuden könnten sich dem entziehen.

Säkular Eine Tendenz zum Säkularismus gibt es allerdings hier wie dort. Das sei nichts, was sie schrecken könnte, meinte die liberale Rabbinerin, Judith Rosen-Berry. Sie sei selber säkular, und ihre Gemeinde auch. Der Komponist und jüdische Aktivist Joseph Finlay aus London sprang ihr bei und wagte sogar die These: »Juden haben im 19. Jahrhundert den säkularen Staat erfunden. Eine Art neutralen öffentlichen Raum mit freier Presse und Universitäten, wo Menschen sich treffen können, unabhängig von Volks- und Religionszugehörigkeiten und Aristokratie.« Die Gesellschaft dagegen sei keinesfalls säkular, sondern huldige unabhängig von ihren Religionszugehörigkeiten vielen Göttern, zum Beispiel der Idee des perfekten Marktes.

Man könnte auch die Fankulturen um den Fußball als Beispiel heranziehen. Roy Siny scharte am Samstagnachmittag die größte Gruppe von Zuhörern um sich, als er die Entwicklung der großen Fußballvereine in Israel schilderte. Sie hätten eine starke Bedeutung für die Ausprägung jüdischer Identität, hat er beobachtet, zumindest in Israel. Durch die Ideologien und das Auftreten der Fans würden die Vereine quasi spiritualisiert – allerdings in extremen Formen.

Liberal Grenzen ziehen oder Grenzen überschreiten ist das Thema, das Gemeinden und Rabbiner in den liberalen jüdischen Strömungen häufiger als etwa in den orthodoxen Bewegungen beschäftigt. Eine Teilnehmerin aus Tschechien war fasziniert davon, erstmals eine Rabbinerin im Gottesdienst zu erleben. Für die progressiven Gemeinden Polens ist das bereits Normalität: Sie werden von einem Rabbiner betreut, der aus den USA kommt und einer Rabbinerin, die aus Moskau stammt. Schwieriger dagegen ist die Frage, wer sich einer jüdischen Gemeinde anschließen darf. In Israel legt das Oberrabbinat die Anforderungen fest. In der Diaspora handeln die unterschiedlichen Gemeinden nach eigenen Kriterien. Dass ein Übertritt zum Judentum eines Beit Din bedarf, eines Rabbinergerichts, leuchtete vielen jungen Leuten in Spandau nicht ein.

Die Grenze nach Deutschland zu überschreiten, kostete einige Teilnehmer etwas Überwindung. Doch überwog die Neugier auf vier Tage Gemeinschaft mit jungen Juden. Für die meisten aber war Berlin ein ohnehin attraktives Ziel. Eine junge Polin bekannte, dass sie jetzt das Gefühl habe, dass Berlin heute eine Stadt wie andere sei. Es gebe jetzt wieder jüdisches Leben: »da ist nichts Schlimmes mehr«. Für Joshua Edelman aus Dublin »ist Berlin eine der dynamischsten und aufregendsten Städte in Europa. Keine perfekte Stadt, aber gerade deshalb spannend.«

Nachruf

Kein Tag ohne Linie

Pavel Feinstein porträtierte Tiere, Freunde und immer wieder sich selbst. Nun ist der Maler überraschend gestorben

von Eugen El  03.06.2026

Archäologie

Forschungsgrabung zu Erfurts jüdischem Erbe beginnt im August

Bei einer archäologischen Grabung in Erfurt suchen Fachleute ab August nach Spuren des mutmaßlichen Tanzhauses der zweiten mittelalterlichen jüdischen Gemeinde. Die Archäologen hoffen auf Hinweise zur Entstehungszeit und zu späteren Umbauten

von Matthias Thüsing  03.06.2026

Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen

Leipziger Fotoausstellung zu jüdischem Leben

Die Ausstellung »Momentaufnahme. Das Fotoarchiv Mittelmann« stellt u.a. die Familie des Fotografen vor

 03.06.2026

Judenhass

Bayerisches Hotel verschickt antisemitische Nachricht an Israeli

»Tut uns leid, in unserem Hotel sind keine Juden erlaubt«: Diese Nachricht erhielten israelische Touristen vom Hotel »Zum Hirschen« in der Ortschaft Lam

von Imanuel Marcus  03.06.2026 Aktualisiert

TV-Tipp

»Robert Lembke - Wer bin ich?« -Doku-Drama über die TV-Legende

»Robert Lembke - Wer bin ich« ist ein kluger Film über Verdrängung, Volksbildung und das Schweigen einer TV-Legende über die eigene Vergangenheit

von Jan Lehr  02.06.2026

Programm

Klang, Gang und Streisand: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 3. Juni bis zum 10. Juni

 02.06.2026

Frankfurt am Main

Jüdische Gemeinde zeichnet Jugendengagement mit Beni-Bloch-Preis aus

»Wir ehren unser langjähriges Vorstandsmitglied Benjamin Bloch sel.A. und erinnern damit an seinen Einsatz für die jüdische Gemeinschaft«, sagt der Vorstandvorsitzende der Gemeinde, Benjamin Graumann

 01.06.2026

Kommentar

Tote Juden stören nicht

Unsere Erinnerungskultur liebt Stolpersteine, aber stolpert nicht über den Antisemitismus vor der eigenen Haustür. Wie der Kampf gegen Judenhass am Nekrosemitismus scheitert

von Nelly Eliasberg  31.05.2026

Bonn

»Es ist ein Bruch eingetreten.«

Rabbiner Andreas Nachama betonte, dass Jüdinnen und Juden immer weiter in eine »Defensivposition« gebracht würden. Eine Studientagung des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit lotete aus, wie es anders gehen könnte

von Leticia Witte  31.05.2026