Rosch Haschana

Wunsch nach Stabilität

Auch in schwierigen Zeiten: An Rosch Haschana ist es Brauch, einen in Honig getunkten Apfel zu verzehren, damit das neue Jahr süß werden möge. Foto: Getty Images/iStockphoto

Zu sagen, dass das zurückliegende Jahr uns viel abverlangt hat, wäre eine grobe Untertreibung. Die Wahrheit ist: Die vergangenen zwölf Monate haben uns erst überwältigt und dann ausgezehrt und zermürbt. Was jüdische Menschen nicht nur in Israel mit dem 7. Oktober 2023 zu erdulden hatten – und noch immer erdulden – ist die größte Belastung und zugleich die akuteste Gefahr für die weltweite jüdische Gemeinschaft seit dem Ende des Holocaust.

Diese Formulierung sollte man nicht leichtfertig wählen, aber auch ich, die ich die Gesamtheit der Geschichte Israels seit 1948 miterlebt habe, kann mich nicht erinnern, dass jemals eine Bedrohungslage derart dauerhaft und intensiv auf die Schmerzpunkte der jüdischen Gemeinschaft eingewirkt hätte.

Der Blick zurück, der mit Rosch Haschana üblicherweise verbunden ist, erübrigt sich damit weitgehend. An der Schwelle zum neuen Jahr hält das alte uns weiterhin fest im Griff, der 7. Oktober ist bis heute nicht zu Ende. Nicht nur die angespannte Lage in Israel bereitet uns Sorgen, die Gewalt ist auch nahe an uns herangerückt. Am 5. September dürfte es einzig der schlechten Vorbereitung eines verhinderten Attentäters zu verdanken gewesen sein, dass München nicht eine viel größere Katastrophe erlebte.

Wir können und wollen aber auch das Gute am zu Ende gehenden Jahr in Erinnerung behalten. Dankbar denken wir zurück an Hochzeiten und Geburten, an den ersten Abiturjahrgang des Helene-Habermann-Gymnasiums, an die Eröffnung der neuen Zaidman-Seniorenresidenz. Die jüdischen Institutionen in München haben den Weltläuften getrotzt, unsere Kultusgemeinde hat ihre strategischen Ziele weiterhin verfolgt. Als Präsidentin sehe ich solche Erfolge, die ohne das haupt- und ehrenamtliche Engagement vieler helfender Hände in der Gemeinde gar nicht möglich wären, natürlich mit großer Freude. Wenn einst die Geschichte unserer Zeit geschrieben wird, sollen sie darin ihren Platz finden.

Nichts, was wir getan haben, blieb von der bleiernen Schwere unserer Zeit unberührt.

Auch sie werden jedoch im Rückblick nicht den Schleier von Betroffenheit und Angst lüften können, der sich 5784 über alle unsere Aktivitäten gelegt hat. Nichts, was wir getan haben, blieb von der bleiernen Schwere unserer Zeit unberührt, nie konnten das Andenken an die Ermordeten und vor allem die Verschleppten des 7. Oktober in den Hintergrund rücken. Trotz und Trauer waren in diesem Jahr unsere Realität.

Zuletzt kam noch wütendes Unverständnis hinzu. Mit der propalästinensisch genannten, faktisch aber vor allem anti-israelischen Zeltstadt auf dem Professor-Huber-Platz hat sich ein prominenter Ort mitten in der Stadt zu einem Hotspot des Hasses auf Israel entwickelt. Dass dieses »Protestcamp« von den Betreibern seither wiederholt verlängert wurde und die Behörden dagegen selbst dann keine Eingriffsmöglichkeit sahen, als dort – wie im Sommer geschehen – Israel »Organraub« vorgeworfen wurde wie einst Europas Juden der Ritualmord, hat mich sprachlos zurückgelassen.

An der Aufrichtigkeit der Unterstützung durch die Politik und auch einen Großteil der Gesellschaft zweifle ich zwar weiterhin nicht. Aber ich zweifle mehr und mehr an der Weisheit einer Gesetzeslage, die selbst hasserfülltem Protest mit Verständnis begegnet und Gerichte dazu einlädt, seinen Verbreitern jeden Handlungsspielraum zu gewähren.

Alle legislativen Ebenen sind dazu aufgerufen, gegenzusteuern, wenn die Versammlungsfreiheit der einen zur Gefahr für die Sicherheit und Freiheit der anderen wird.

Wir brauchen ein festes Fundament, auf dem jeder einen sicheren Stand findet.

Alle diese Entwicklungen wären leichter zu ertragen, wenn sie unsere einzige Front im Kampf gegen den Hass wären. Leider ist das aber bei Weitem nicht der Fall. Die Wahlergebnisse des vergangenen Jahres, von der bayerischen Landtagswahl über die Europawahl bis hin vor allem zu den jüngsten Landtagswahlen lassen nicht nur bei mir die Frage aufkommen, ob das Vertrauen in die Stabilität der demokratischen Strukturen in Deutschland so gerechtfertigt ist wie wir das lange geglaubt und gehofft haben. Sicher: Die Extremisten kamen in Bayern und besonders in München bei Weitem nicht auf die Ergebnisse wie zum Beispiel im neuen Thüringer Landtag. Aber die Trendlinien sind eindeutig.

In einer Zeit größter Verunsicherung für jüdische Menschen in aller Welt entsteht hier bei uns in Deutschland vielerorts der Eindruck, dass sich in Bälde auflösen könnte, worauf wir unsere Gegenwart begründen. Dass es so kommt, ist nicht in Stein gemeißelt, und es gibt viele Kräfte, die den politischen Rändern und ihrem Judenhass entgegentreten. In München etwa haben Anfang des Jahres 400.000 Menschen über die gesamte Länge der Ludwigstraße hinweg gegen den Hass demonstriert.

Das war, hier passt der Ausdruck ausnahmsweise, ein kraftvolles Zeichen. Aber dieses Zeichen ist kaum ein Dreivierteljahr später schon wieder vergessen. Stattdessen sorgen 30 Prozent für die AfD bei Landtagswahlen noch für Erleichterung, solange dies »nur« für den zweiten Platz reicht. Natürlich hätte alles noch viel schlimmer kommen können. Aber auf diesem Gedanken kann man keine Zukunft aufbauen.

Deshalb wünschen wir uns im Ausblick auf das neue Jahr vor allem ein festes Fundament, auf dem jeder einen sicheren Stand findet. Für 5785 wünschen wir uns die Rückkehr von Ruhe nach Israel und die Rückkehr der verbliebenen Geiseln aus Gaza nach Hause. Ich wünsche mir eine Wiederkehr der Stabilität, die, bei allen Fehlern, das Wiedererstehen jüdischer Existenz in Deutschland einst ermöglicht hat. Ich wünsche mir, dass das neue Jahr unsere Nöte nicht noch ärger werden lässt – und dass das Buch des Lebens nach dem kommenden Rosch Haschana praller gefüllt sein möge.

Pessach

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