Gemeindevorsitz

Würde mit Bürde

Nur nicht durchdrehen: Als Gemeindevorsitzender braucht man oft starke Nerven. Foto: imago

Ruth Röcher lacht herzlich, plaudert, wirkt gelöst. Selten trifft man die 56-Jährige so entspannt an. Ruth Röcher unterrichtet in drei jüdischen Gemeinden in Sachsen jüdische Religion. Zudem ist sie in der zweiten Amtszeit Vorsitzende der Chemnitzer Gemeinde. Sieben Tage die Woche, zwölf Stunden pro Tag ist sie ansprechbar. Die vergangenen sieben Wochen aber war sie krankgeschrieben. Ärztlich verordnete Ruhe aufgrund des Pfeifferschen Drüsenfiebers: »Es ist ein Zeichen für starke Erschöpfung«, sagt sie selbst

Ehrensache Auch Nora Goldenbogen hat es vergangenes Jahr gesundheitlich mehrere Monate aus dem Rennen geworfen. Die 61-Jährige arbeitet 40 Stunden pro Woche als Bildungsreferentin im Verein Hatikva und ist seit 2003 Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Dresden. Esther Haß hat bis vor einem Jahr die Kasseler Gemeinde geleitet. Jetzt wirkt die pensionierte Lehrerin weiter im Vorstand mit. Auch dieses Amt lässt die 72-Jährige häufig nervös aus dem Schlaf schrecken.

Für die drei Frauen ist es eine Ehrensache sich in ihrer Gemeinde zu engagieren, und sie möchten dafür auch kein Geld annehmen. Doch die Arbeit wird immer mehr, zudem erreicht Kritik sie häufiger als Lob. »Es läuft nichts, ohne dass ich gefragt werde«, erzählt Ruth Röcher seufzend. Die Post durchsehen, Ansprechpartnerin für die Presse sein, offizielle Einladungen wahrnehmen, damit hatte sie gerechnet, bevor sie ihr Amt als Vorsitzende antrat. »Aber ich habe nicht erwartet, dass ich mich mit dem Denkmalschutz von Bäumen beschäftigen oder wissen muss, wie viel Platz einer Linde zusteht«, zählt Ruth Röcher Fragen auf, die sie sich etwa bei der Erweiterung des jüdischen Friedhofs in Chemnitz stellen muss. Welcher Handwerker beseitigt welchen Schaden? Wie bekommt man die Hecke auf dem Gemeindegrundstück gestutzt?

»Man ist Mädchen für alles«, definiert Esther Haß die Aufgabe als Gemeindevorstand. Als sie 1982 ihre Arbeit begann, zählte die Gemeinde in Kassel gerade 80 Mitglieder. Durch die Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion sind es nun knapp 1.000. Das bedeutet neben der Freude über den Zuwachs natürlich auch mehr Arbeit, besonders in den Bereichen Integration und Bürokratie.

aufgabe Da viele der neuen Mitglieder sich ihrer jüdischen Wurzeln kaum bewusst sind, müssen viele Vorsitzende eher Konzepte entwickeln, um die Religion bekannt zu machen, statt die Religion einfach zu leben. So bemüht sich Ruth Röcher gerade, eine jüdische Gruppe in einem städtischen Kindergarten aufzubauen. Mit Freude bereitet sie auch die Feierlichkeiten anlässlich des 125-jährigen Bestehens der Gemeinde vor. Dann gibt es noch die unangenehmen Aufgaben: »Im Moment läuft der Prozess gegen den Architekten.« Erst 2002 war die neue Chemnitzer Synagoge eröffnet worden, doch schon jetzt weist das Gebäude deutliche Wasserschäden auf.

In Dresden weiß Nora Goldenbogen, dass es immer um den 13. Februar stressig wird. Um den Neonazis Paroli zu bieten, die dann durch die Stadt marschieren wollen, steht sie verstärkt in der Öffentlichkeit. So hat jede Gemeinde spezifische Anforderungen.

Esther Haß aber weiß, was wohl für Vorstände und Vorsitzenden aller Gemeinden gilt: »Ein Tag verläuft nie wie geplant.« Nicht nur merkwürdige Post oder Todesfälle erfordern schnelles Handeln. »Unseren Tag der offenen Tür wertete die Lokalzeitung vergangene Woche mit der Überschrift ›Juden öffnen Moschee‹ aus«, führt sie an. Zwar entschuldigte sich die Hessische-Niedersächsische-Allgemeine für den Fauxpas, doch Esther Haß’ Telefon klingelte an jenem Tag pausenlos. »Ich weiß oft nicht, was ich am Tag geschafft habe. Wenn ich 15 Gespräche geführt habe, ist das Arbeit, die man von außen nicht sieht.« Sie klagt, dass sie das Image als »Macherin« nicht los werde. Auch Ruth Röcher spürt, dass große Erwartungen auf ihr ruhen: »Der Vorstand berät mich super. Ich habe tolle Mitarbeiter. Aber an vorderster Front, vor der Bürgermeisterin oder dem Rechtsanwalt, stehe ich. Ich muss den Überblick haben.«

Nachfolger Die Gemeinden in Chemnitz, Dresden und Kassel gelten als mittelgroß. »Unsere Jugend findet hier keinen Job. So bilden wir nur für die großen Gemeinden in München, Frankfurt oder Berlin aus«, beobachtet Esther Haß. Die Sorge um einen Nachfolger hätte sie vielleicht nicht, wenn die Ämter der Gemeindeleitung bezahlt würden. Wie Ruth Röcher in Chemnitz bildet auch Nora Goldenbogen in Dresden thematische Kommissionen in der Gemeinde, die selbstständig arbeiten. »Wir müssen die Aufgaben ganz konkret formulieren, um sie abgeben zu können«, erklärt die Vorsitzende.

Nachdem die Behörden die Friedhofserweiterung in Chemnitz nun genehmigt haben, lässt sie auf diese Art andere entscheiden, wo dort Grabflächen, Bänke oder Bäume stehen. In Kassel wurde dem Vorsitz ein Stellvertreter zur Seite gestellt. Esther Haß plädert zudem dafür, dass immer ein Vorstandsmitglied in der Gemeinde anwesend ist, denn sie weiß: »Es trifft den, der gerade da ist.«

Doch Ausgleich zur Gemeindearbeit muss sein. Ruth Röcher liebt das Kochen. »Da sehe ich schnelle Ergebnisse«, sagt sie lachend. Nora Goldenbogen entspannt bei klassischer Musik und Esther Haß bei guter Lektüre. Vielleicht sollten sich die drei Frauen öfter erlauben, nicht da zu sein, sich selbst und ihrer Gesundheit zuliebe.

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