March of the Living

»Vieles ist kaum zu glauben«

Die Reise durch Polen bewegt die jungen Juden aus Deutschland. Foto: Jan Opielka

Am Vorabend des March of the Living am 5. Mai in Auschwitz sitzen die rund 20 Jugendlichen und jungen Erwachsenen bei gedämpftem Licht in einem Krakauer Hotel zusammen. Die Auschwitz-Überlebende Eva Szepesi aus Frankfurt hat gerade ihre Erlebnisse geschildert, da ergreift Religionslehrer Benny Pollak das Wort. »In unseren Köpfen ist ein großes jüdisches Archiv – seien es nun 3000 Jahre seit der Vertreibung durch den Pharao oder 70 Jahre seit der Hitler-Zeit –, die Zeit spielt keine Rolle.«

Pollak spricht voller Leidenschaft, etwa davon, dass, seit Gott die Welt erschaffen hat, der Mensch noch nie so barbarisch gewesen sei wie während des Holocaust. »Doch wir sind jüdisch, wir werden es bleiben – und wir werden nie im Leben vergessen, was damals geschah.« Bei dem Gedenken in Auschwitz, beendet Pollak seinen Satz eindringlich, »werden junge Leute wie ihr das gesamte jüdische Volk vertreten«.

Die Mehrheit der Teilnehmer kommt aus Deutschland, aber nicht nur. Denn auch junge Israelis, die ihre Schul- und Militärzeit hinter sich haben, haben sich der von der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden (ZWST) in Deutschland organisierten fünftägigen Polenreise angeschlossen.

Erinnerungsarbeit Ihre Aufgabe sei es, noch mehr Jüdischkeit nach Deutschland zu bringen, sagt die angehende Studentin Shaked Hadar, die für ein halbes Jahr in einer Frankfurter jüdischen Schule mitarbeitet. Denn in Deutschland sei die Bildung über den Holocaust anders als in Israel, bestätigt auch Doron Golan. »In Deutschland wissen viele nicht, wie schlimm es wirklich war«, sagt der Israeli.

Einer der Jugendlichen aus Deutschland ist Giorgi. Der 15-Jährige war bereits einmal in Polen und hat in Deutschland die Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald gesehen. Doch die Führung durch das Vernichtungslager Majdanek hat ihn offenbar tiefer beeindruckt. »Majdanek mit seinen Gaskammern war nochmal eine Stufe schlimmer als Buchenwald und hat bei mir einen tiefen Krater hinterlassen. Ich habe für mich nun den Entschluss gefasst, dass ich in die israelische Armee gehen werde«, sagt Giorgi, während die Gruppe auf dem jüdischen Friedhof bei der Krakauer Remuh-Synagoge steht. Er habe das Gefühl bekommen, sagt der Jugendliche, dass er »irgendetwas machen muss, damit so etwas nicht noch einmal passiert«.

Und das könne jederzeit der Fall sein, nicht nur in Deutschland, sondern in vielen Ländern, auch in Amerika. »Deswegen will ich irgendetwas unternehmen – es reicht schon, dass es das jüdische Volk erleben musste.«

Viel haben die jungen Teilnehmer schon gesehen, bevor sie am Vorabend ihres Oswiecim-Besuches in Krakau Station machen: den Umschlagplatz in Warschau etwa, das KZ Majdanek bei Lublin oder den Geburts- und Wirkungsort von Elimelech von Lyschansk, einem der wichtigsten chassidischen Rabbiner. Dazu kamen Gespräche mit einem ehemaligen Buchenwald-Häftling.

Realität Nun fährt die Gruppe vom jüdischen Viertel Kazimierz, das mit seinen sechs Synagogen wie ein jüdischer Mikrokosmos inmitten der quirligen Großstadt Krakau wirkt, in das 1941 eingerichtete ehemalige jüdische Ghetto. Auf dem Weg erzählt auch Ilia von seinem Eindrücken. 2010 kam der Student mit seiner Familie als Kontingentflüchtling nach Deutschland. Seine aserbaidschanischen Vorfahren waren nicht direkt vom Holocaust betroffen. Dennoch will er hier sein – und verstehen.

»Ich glaube, alle Menschen sollten die ehemaligen Ghettos und die Vernichtungslager sehen, weil es sonst für viele kaum zu glauben ist.« Bücher oder Filme geben die Realität schlicht nicht wirklich wieder, sagt Ilia. Am ehemaligen Freiheitsplatz, der einstigen Ghetto-Grenze, erzählt die Reiseführerin von der Geschichte des einst grauenhaften Ortes. Sie will es anschaulich machen und bei der Lebenswelt der Jugendlichen ansetzen – sie zeigt ein Bild und erzählt die Geschichte des jüdischen Mädchens Justyna, das sich mit ihrem Liebsten gegenseitig versprochen hatte, sich selbst der Gestapo auszuliefern, wenn einer von ihnen beiden gefasst würde.

Beide wirkten im Widerstand, wurden später gefangen, gefoltert und schließlich ermordet. Doch zuvor hatte Justyna auf Toilettenpapier Gedanken notiert, die die Reiseführerin nun vorliest: »Von diesen Gemäuern, aus denen wir nicht entkommen werden, senden wir einen letzten Segen von uns jungen Kämpfern, die gefallen sind für ihren größten Wunsch: dass wir einst in Zukunft erinnert werden.« Adressiert waren die Zeilen an einen Kibbuz in Israel – und wurden später tatsächlich als Buch veröffentlicht.

Yarden ist nicht nur von dieser Geschichte bewegt, sondern auch von den Erlebnissen der Tage zuvor. »Wir waren heute bei einem Massengrab von Kindern, und ich habe mich immer wieder gefragt: Warum? Nur weil sie Juden waren?«, sagt die Schülerin aus Frankfurt, während die Gruppe durch die einstigen Ghettostraßen geht.

Unverständnis Sie sei in ihrer Schule die einzige Jüdin, berichtet Yarden, und bei ihren nichtjüdischen Mitschülern vermisst sie Respekt vor dem, was die Opfer erlitten haben. »Sie wissen sehr wenig, machen Judenwitze, und überhaupt erfahren wir in der Schule zu wenig darüber, nur das Oberflächliche«, sagt sie.

Auf ihrer Polenreise erleben Yarden und die anderen viele Tiefen. Nachdem am Abend vor der Abreise zum March of the Living Eva Szepesi, Autorin des Buches Ein Mädchen allein auf der Flucht, ihren Vortrag beendet und die letzten Fragen der Schüler beantwortet, ergreift nochmals Religionslehrer Pollak das Wort.

Er setzt sich in die Mitte des Kreises und erzählt eine Geschichte über einen Rabbi und einen jüdischen Schneider, bei der es vor allem um jüdische Identität geht, die man niemals verleugnen dürfe. Und Pollak spricht von der Schoa und von Rache – aber in einer besonderen Form. »Die größte Rache von uns Juden ist es, dass wir leben und uns ewig erinnern werden.« Dann stimmt er ein jüdisches Lied an. Und alle Teilnehmer singen laut mit.

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