Porträt

Venedig im Herzen

Eine kleine Messing-Menora, Bilder eines befreundeten Künstlers aus Mailand mit hebräischen Schriftzeichen, ein Foto vom Markusplatz und einer der Brücken, die ins ehemalige Ghetto von Venedig führen – das sind die Erinnerungen, die Mose Aboaf in seiner Berliner Küche immer im Blick hat, wenn er Espresso kocht.

Den würzt er am liebsten mit Qwaich, einem selbst gestampften jemenitischen Gewürz, das ihm eine Bekannte jedes Mal mitbringt, wenn sie ihre Großmutter in Israel besucht. Venedig im Herzen, Zusammenhalt unter Freunden, eigene Traditionen – das sind die Dinge im Leben, auf die es Mose ankommt.

Seit einem Jahr lebt der 31-jährige Musiker in Berlin. Er hat seiner Heimatstadt bewusst den Rücken gekehrt. Heimweh hat er immer. Doch es ist nicht das Venedig von heute, nach dem er sich zurücksehnt, sondern der Mikrokosmos seiner Kindheit, den er vermisst – das Ghetto der Lagunenstadt.

ghetto Aboafs Familie lebt dort, seit Napoleons Armee dessen Tore Ende des 18. Jahrhunderts öffnete. Die Namen seiner Vorfahren – einer von ihnen ein Schamasch, ein Synagogendiener – fand der 31-Jährige auf einem Dokument von 1797. Sie waren einst über Flandern von der Iberischen Halbinsel nach Venedig geflohen.

Denn der frühere jüdische Wohnbezirk, diese Insel im Cannaregio-Viertel, ist für Aboaf vor allem eines: Heimat. Wegen der Gemeinschaft, in der man füreinander da war, der Offenheit und Toleranz anderen gegenüber, des Respekts vor der Vielfalt jüdischer Traditionen, vor allem aber wegen des Zusammenhalts untereinander – für ihn sind all das gelebte jüdische Werte.

»Wenn ich aus der Schule nach Hause kam, brauchte man keinen Schlüssel«, erzählt Aboaf. »Unsere Tür war immer offen, 24 Stunden lang. Ich war nicht nur das Kind meiner Eltern – ich war das Kind aller Nachbarn im Ghetto.« Auf der Insel lebten Juden, Christen, Muslime zusammen. Ohne Polizeischutz, ohne Sicherheitsleute, ohne Begrenzung – diese Gemeinschaft sei das Gegenteil des Begriffs Ghetto gewesen, sagt Aboaf.

lebenseinstellung »Als ich aufwuchs, lebten auf der Insel etwa 20 Juden, die sich, wie ich, vor allem als eines fühlten – Venezianer.« Venezianischer Jude zu sein, bedeutete vor allem, so zu leben, wie man aufgewachsen war – assimiliert und mit dem Judentum als Lebenseinstellung. »Das mag aus halachischer Sicht vielleicht nicht immer richtig gewesen sein«, sagt Aboaf. Aber es sei eben typisch jüdisch-venezianisch gewesen.

»Wir hatten unsere eigenen, genuinen Traditionen – eine Orgel in der Synagoge, echten Wein statt Kiddusch-Wein, am Schabbat besuchten wir die Großeltern im Altersheim, und an Purim gingen wir auf die Straße und betranken uns gemeinsam, koscher gegessen hat kaum jemand. Mein Großvater zum Beispiel sagte immer, er habe während des Krieges so viel gehungert, dass es keinen Grund mehr für ihn gebe, jemals wieder zu fasten – auch nicht an Jom Kippur«, beschreibt Mose Aboaf das jüdische Venedig seiner Kindheit.

Den starken Zusammenhalt führt der Musiker auf die Insellage zurück. »Man kann sich nicht einfach ins Auto setzen und wegfahren. Wir lebten auf einer Insel, um uns herum das Wasser des Kanals. Wer dort wohnte, musste einfach miteinander auskommen – ob der katholische Buchhändler, der jordanische Pizzabäcker, der jüdische Museumsmitarbeiter oder die Chabad-Nachbarn. Das Ghetto ist ein Symbol für Miteinander und Offenheit.« Außerdem sei Venedig jahrhundertelang ein Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit gewesen.

Kommerz All das gehört heute der Vergangenheit an. Das liege an der zunehmenden Vermarktung des historischen Ortes, auch durch die Gemeinde, sagt Aboaf. Die venezianischen Besonderheiten böten genug Potenzial, um den Tag der Ghettogründung vor 500 Jahren mit Leben zu füllen, meint der Musiker. Doch stattdessen habe die neue Gemeindeverwaltung Stück für Stück das verändert, was Aboaf »unsere wirkliche Tradition« nennt. Zu viel Politik und Kommerz seien mittlerweile im Spiel.

»Unsere Orgel wurde verkauft, weil sie auf einmal ›unpassend‹ war, für fünf Synagogen findet sich nach 500 Jahren nicht einmal ein Minjan, und statt unsere Mikwe zu restaurieren und anlässlich des 500. Jahrestages der Ghettoerrichtung lebendiges jüdisches Leben zu zeigen, machte man daraus ein Hotel«, bedauert Aboaf. Als er zeitweise als Kantor in der Synagoge aushalf, blieb er meist mit dem Rabbiner allein. Inzwischen seien alle jungen Leute fortgegangen, so wie er.

Letztes Rosch Haschana sei er nach Hause gereist, um Familie und Freunden seinen gerade geborenen Sohn zu zeigen. Ihm will Aboaf das verlorene jüdisch-venezianische Ideal weitergeben, indem er so lebt, wie er selbst aufgewachsen ist – weltoffen und tolerant. Das könne er überall, sagt der Venezianer. Auch in Berlin.

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