München

Tür an Tür mit Hitler

Edgar Feuchtwanger im Gespräch mit Ellen Presser Foto: Jürgen Eisenbrand

Das Erste, woran sich Edgar Feuchtwanger in Zusammenhang mit seinem Nachbarn, dem Jahrhundertverbrecher, erinnern kann, war die Sache mit der Milch: »Eines Tages sagte meine Mutter, dass es heute nicht viel davon gebe. Weil der Milchmann mehr als sonst bei Hitler lassen musste.« Bei jenem kleingewachsenen, schnurrbärtigen Menschen, der in den 30er-Jahren am Münchner Prinzregentenplatz schräg gegenüber wohnte und der Feuchtwangers Vater bei geöffneten Gardinen ins Studierzimmer schauen konnte.

80 Jahre später erzählt Edgar Feuchtwanger im mit rund 350 Zuhörern gefüllten Jüdischen Gemeindezentrum von der Zeit, Als Hitler unser Nachbar war – so auch der Titel seines jüngst im Siedler Verlag erschienenen Buchs. Im Interview mit Ellen Presser, der Leiterin des Kulturzentrums der IKG, berichtete der inzwischen fast 90-jährige Neffe des berühmten Schriftstellers Lion Feuchtwanger über die Geschichte seiner Familie.

Biografie Der Vater, Ludwig Feuchtwanger, ein Jurist, leitet seit 1915 den angesehenen Münchner Wissenschaftsverlag Duncker & Humblot. 1923 heiratet er zum zweiten Mal: die 35 Jahre alte Erna Reinstrom, deren Familie aus der Pfalz stammt und noch vor dem Ersten Weltkrieg ein Haus im Münchner Stadtteil Bogenhausen bezogen hatte: Grillparzerstraße 38, nur wenige Meter entfernt von jenem Haus, in dem ab 1933 Weltgeschichte mitgeschrieben werden wird. Ein Jahr nach der Heirat der Eltern kommt ihr einziges Kind zur Welt: Edgar, benannt nach dem jüngsten Bruder der Mutter, der 1918 als Soldat sein Leben ließ.

Sein jüdischer Name war Josef, erzählt der schmächtige, silberhaarige Herr im grauen Anzug, »aber gerufen wurde ich von allen nur Bürschi«. Abgesehen von den Lieferengpässen bei Milch – und davon, dass der unheimliche Nachbar die Gesprächsthemen der Erwachsenen dominierte – war das Leben in Hitlers Nähe für den kleinen Edgar zunächst wenig aufregend: »Man konnte lange Zeit noch völlig unbehelligt an seinem Haus vorbeigehen; da war nichts abgesperrt«, erinnert sich Feuchtwanger.

Wie auch an eine Begegnung im Jahre 1934, als Hitler bereits Reichskanzler war: »Ich stand vor dem Haus, Hitler kam heraus, ich sah ihn an, er sah mich an, Passanten riefen ›Heil Hitler!‹. Er lüftete kurz den Hut – und stieg dann in ein wartendes Auto.« Schon kurz nach der »Machtergreifung« hatte Ludwig Feuchtwanger seinen Platz an der Spitze von Duncker & Humblot räumen müssen, arbeitete aber in zweiter Reihe weiter. Sein Sohn Edgar bemühte sich in der Schule, »meiner Lehrerin zu gefallen: Ich habe mir beim Malen von Hakenkreuz-Bildern große Mühe gegeben«.

Zumutung Wovon sich die Zuhörer überzeugen konnten, als Moderatorin Ellen Presser einige Beispiele aus dem Schulheft des kleinen Edgar an die Wand projizierte. Wie ging der Vater mit solchen Zumutungen um? Hat er diese Art von Hausaufgaben widerspruchslos abgezeichnet? »Was hätte er tun sollen?«, fragt Edgar Feuchtwanger zurück. »Hätte er es nicht getan, hätte er uns alle in Gefahr gebracht!« Dass sich in Deutschland etwas veränderte, spürte freilich auch der kleine jüdische Junge: »Ich erinnere mich an den befreundeten Sohn des Kunsthistorikers Wilhelm Pinder. Lange Zeit war ich immer wieder eingeladen in dessen Haus – irgendwann dann nicht mehr.«

Der 1947 verstorbene Pinder war ein glühender Antisemit und begeisterter Anhänger des NS-Regimes – wofür man ihn mit einer großen akademischen Karriere belohnte. 1936 verlor Ludwig Feuchtwanger seine Stelle im Verlag und arbeitete in der Folge für die Jüdische Gemeinde und als Herausgeber der Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung. »Er hat noch Mitte der 30er-Jahre nicht vorausgesehen, wie sich alles radikalisieren würde«, sagt sein Sohn.

Erst seine Erfahrungen in Dachau gaben dem damals 53-Jährigen den Anstoß zur Flucht. Nach der Pogromnacht nahm ihn die Gestapo gefangen und verschleppte ihn in das Konzentrationslager vor den Toren Münchens. Erst am 20. Dezember sah ihn seine Familie wieder: »Aber ich habe ihn kaum wiedererkannt«, schreibt Feuchtwanger in einer der eindrucksvollsten Passagen seines Buches: »Er ist ein kleiner, magerer Mann mit kahl rasiertem Schädel, tief in den Höhlen liegenden Augen und einem fahlen Gesicht voller blauer Flecken. (…) Er nahm mich in den Arm, und ich wurde von Schluchzern geschüttelt.«

England Im Frühjahr 1939 verließ die Familie München und wanderte über Holland nach England aus. »Ich habe das damals wie ein Abenteuer empfunden«, sagt Edgar Feuchtwanger, »aber ich war auch froh, draußen zu sein.«

Nach College und Geschichts-Studium lehrte er zunächst Erwachsenenbildung und ab 1963 Geschichte an der Universität von Southampton. 1981/82 hatte er eine Gastprofessur an der Universität in Frankfurt/Main inne.

1957 kam Edgar Feuchtwanger zum ersten Mal nach München zurück, und »natürlich habe ich mir damals gleich unsere alte Wohnung angesehen«. Auch am Tag des Vortrags bei der IKG, der zusammen mit dem Siedler Verlag veranstaltet wurde, war Edgar Feuchtwanger zu Besuch in Bogenhausen – diesmal in Hitlers ehemaliger Wohnung am Prinzregentenplatz 16, in dem Haus, in dem heute die Polizeiinspektion 22 untergebracht ist. »Ein Beamter, der sich sehr gut auskannte, hat mir alles gezeigt. Und ich dachte nur: Ich bin noch da – und Hitler würde sich im Grab umdrehen, wenn er das wüsste.«

Edgar Feuchtwanger, Bertil Scali: »Als Hitler unser Nachbar war – Erinnerungen an meine Kindheit im Nationalsozialismus«. Siedler, München 2014, 224 S., 19,99 €

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