Keren Hayesod Stuttgart

Provokant für Israel

Henryk M. Broder liebt die politische Zuspitzung, um Dinge sichtbar zu machen, die oft unter dem flauschigen Mäntelchen der Political Correctness versteckt sind», sagte Michael Kashi. Das Vorstandsmitglied der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg (IRGW) bezeichnete den 70-jährigen Journalisten als einen der einflussreichsten Meinungsmacher Deutschlands und hatte ihn deshalb zur Magbit-Eröffnung des Keren Hayesod nach Stuttgart eingeladen. Zuvor hatte das Duo Even Yerushalayim die Gäste im voll besetzten Veranstaltungssaal der IRGW mit Gitarre und Gesang auf den Spendenabend eingestimmt.

Broder unterhielt seine Zuhörer denn auch wie erwartet mit einem kurzweiligen Vortrag zu einem ernsten Thema: «Ist Antizionismus der Antisemitismus von heute?». Diese Frage hätte er mit einer bejahenden Antwort kurz und knapp schließen können, zumal seine Hunde zu Hause auf ihn warteten, er erkältet sei und Hunger habe, begann Broder. Unter herzlichen Lachern aus dem Publikum argumentierte er. Es gebe keinen Antizionismus, der seinen Ursprung nicht im Antisemitismus habe. Der Antizionismus sei für Nichtjuden wie für Juden selbst nur eine Ausrede, Antisemitismus in einer politisch aseptischen Form präsentieren zu können. Wer Antisemit sei, spreche einem Juden das Existenzrecht ab, wie ein Antizionist das in Bezug auf Israel tue.

Vorurteile Unterscheiden müsse man zwischen Ressentiments und Vorurteilen. «Vorurteile sind harmlos, die hat jeder», sagte Broder. «Wenn wir sagen, wir sind das Volk des Buches, dann ist das ein Vorurteil, das wir lieber hören als das, wir seien für schlechtes Benehmen bekannt.»

Ein Ressentiment beziehe sich im Gegensatz dazu immer auf die Person selbst. «Ein Antisemit nimmt einem Juden alles übel. Es bringt nichts, zu versuchen, ihn vom Gegenteil zu überzeugen.» Die Gesellschaft müsse klarmachen, dass sie Antisemitismus und Antisemiten verachte. «Der Gebrauch antisemitischer Argumente muss so verpönt sein wie der Verzicht auf Deodorant und Seife.»

Broder macht einen Wandel antisemitischer Tendenzen aus: «Antisemitismus ist ja keine fixe Größe, so wie Armut heute auch nicht mehr das ist, was sie zu Zeiten von Oliver Twist oder Aschenputtel war.» Der moderne Antisemit, ist sich Broder sicher, «bekennt sich zum Antizionismus».

Broder zitierte in seiner Rede Politiker wie Hans-Christian Ströbele von Bündnis 90/Die Grünen und Norman Paech (Die Linke), die irakische Raketenangriffe als logische Konsequenz auf die Politik bezeichneten und behaupteten, man könne dem Iran nicht verweigern, was man Israel und Pakistan gewähre. «Das ist so, als würde ich sagen, wenn man Polizisten das Tragen von Waffen erlaubt, kann man es Verbrechern nicht verwehren», sagte Broder.

US-Wahl Der Vorsitzende des Keren Hayesod Württemberg, Martin Widerker, pflichtete Broder in dessen Einschätzung bei, dass es noch immer große Probleme mit dem Antisemitismus auf der Welt gibt. In diesem Zusammenhang habe die Wahl von Donald Trump zumindest ein Gutes: «Mein politischer Kompas ist immer auf Israel gerichtet, und im engsten Kreis von Trump sind viele israelfreundliche Politiker», sagte Widerker.

«Als schwäbische Juden nehmen wir das mit dem Sparen ja sehr ernst», scherzte Kashi, als es endlich ans Geldsammeln ging. «Aber wir haben uns nicht lumpen lassen und freuen uns, uns wieder mit einem Barscheck an der Spendenaktion zu beteiligen.»

Wie schon im Vorjahr überreichte Kashi dem Keren Hayesod 15.000 Euro. Das Geld soll wieder Projekten in Israel zugutekommen, vor allem der Jugend.

«Denn wir als jüdische Diaspora fühlen uns verpflichtet, diejenigen zu unterstützen, die in Israel Hilfe benötigen.» Schließlich funktioniere das im schlimmsten Fall auch umgekehrt. Das habe das große Engagement der Jewish Agency gezeigt, die nach den Anschlägen von Paris, die sich am Sonntag zum ersten Mal jährten, viel für größere Sicherheitsvorkehrungen getan hat. «Auch bei uns in Stuttgart», sagte IRGW-Vorstandsmitglied Michael Kashi.

Meilenstein

Endlich Batmizwa

Unsere Autorin hatte vor Kurzem ihren großen Tag. Wie sie sich darauf vorbereitet hat, was ihr Dvar Tora war und wie das Motto ihrer Party lautete, das hat sie uns erzählt

von Madeleine Prinz  13.10.2026

München

Einstimmige Zwiesprache

Kunstexperte Konrad Bernheimer stellte seine Familiengeschichte zwischen Südamerika und Deutschland in Briefen an den Vater vor

von Vivian Rosen  13.10.2026

9. November

Bautzen erinnert an Novemberpogrome 1938

Der Bautzener Kornmarkt war Schauplatz der Novemberpogrome von 1938. Eine temporäre Installation soll am authentischen Ort an NS-Opfer erinnern

 13.10.2026

Berlin

Guy Katz mit Margot-Friedländer-Preis ausgezeichnet

Geehrt wurden neben dem Hochschullehrer, eine Europaschule und ein Projekt des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend

 13.10.2026

Frankfurt

Vielfalt an Stimmen

Erstmals wurde der Georg-Stefan-Troller-Preis vergeben - auch an zwei Journalisten der Jüdischen Allgemeinen

von Anja Baumgart-Pietsch  12.10.2026

Berlin

Jüdische Kulturtage müssen Hauptausstellung absagen

Wegen einer Finanzierungslücke fällt die Ausstellung aus. Die Jüdische Gemeinde kritisiert die Förderentscheidung des Senats

 12.10.2026

Mitglieder der JSUD vor dem Eingang zum Synagogenhof der Jüdischen Gemeinde Halle

Sachsen-Anhalt

So instrumentalisiert die AfD den Eklat von Halle

AfD-Rechtsaußen Hans-Thomas Tillschneider geriert sich als Opfer »fanatisierter Studenten«. Eine Einordnung

von André Anchuelo  12.10.2026

Darmstadt

Musik, Schabbat und Comedy

Die Jüdischen Kulturwochen der Gemeinde bieten bis Anfang Dezember ein vielfältiges Programm

von Chris Meyer  12.10.2026

München

Fairness jenseits des Spielfelds

Bernd Neuendorf, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, war zu Gast in der Kultusgemeinde

von Luis Gruhler  12.10.2026