Frankfurt

Klassentreffen der Lehrer

Lautstark übt die Trommel-AG auf ihren Instrumenten, eine Schülerinnengruppe studiert eine Choreografie ein, Neuntklässler lernen Französisch. In der I. E. Lichtigfeld-Schule, der staatlich anerkannten Privatschule der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, herrscht am Montagvormittag normaler Unterrichtsbetrieb. Und doch ist etwas anders. Im historischen Philanthropin-Gebäude sind etwa 20 Leiter jüdischer Schulen aus dem deutschsprachigen Raum zu Gast. Schon am Sonntag begann ihre dreitägige Konferenz mit einer Kennenlernrunde, Führungen durch das jüdische Frankfurt und einem koscheren Abendessen im Gemeindezentrum.

Die Schulleiterkonferenz findet einmal im Jahr an wechselnden Orten statt. Gastgeberin ist dieses Mal Noga Hartmann. Sie stellt am Montagvormittag die von ihr geleitete Lichtigfeld-Schule vor. »Es ist ein historischer Ort«, sagt Hartmann. Von 1908 bis zur Schließung 1942 war hier das Philanthropin untergebracht, eine 1804 gegründete jüdische Schule. Mädchen und Jungen konnten gemeinsam lernen, die Schule stand auch nichtjüdischen Kindern offen. 1928 wurden am Philanthropin erstmalig Abiturprüfungen abgenommen. 1966 wurde sie zunächst als Grundschule neu gegründet.

»Ich war damals 16, lebte in Frankfurt und habe es nicht mitbekommen«, erinnert sich Rafael Luwisch, bis 2016 Konrektor der Lichtigfeld-Schule. Seit Februar leitet Luwisch das Albert-Einstein-Gymnasium in Düsseldorf. Und ab dem kommenden Schuljahr soll auch an der Lichtigfeld-Schule wieder eine gymnasiale Oberstufe entstehen. »Ich glaube, wir
schreiben Geschichte«, freut sich Noga Hartmann.

kommunikation
Die Atmosphäre bei der Schulleiterkonferenz ist kommunikativ, Hartmanns Vortrag wird immer wieder von Fragen und Einwürfen unterbrochen. Heike Michalak, Leiterin der Jüdischen Traditionsschule Berlin, fragt nach dem Umgang mit Eltern, die sich das Schulgeld nicht leisten können. »Jedes jüdische Kind, dessen Eltern eine jüdische Erziehung wünschen, wird einen Platz bekommen«, antwortet Noga Hartmann für ihre Schule. Die Sozialabteilung der Jüdischen Gemeinde Frankfurt springe in solchen Fällen ein.

Die Privatschule steht auch nichtjüdischen Kindern offen. Etwa 80 Prozent der knapp 480 Schüler der Lichtigfeld-Schule haben mindestens einen jüdischen Elternteil. »Wir nehmen nicht jedes Kind auf«, betont Schulleiterin Hartmann.

Von einem Anteil nichtjüdischer Schüler von 30 bis 40 Prozent berichtet Aaron Eckstaedt, Leiter des Jüdischen Gymnasiums Moses Mendelssohn in Berlin. In Österreich dürfen indes nur jüdische Kinder die drei in Wien angesiedelten jüdischen Schulen besuchen. Dies gelte jedoch nicht für Lehrer, erzählt Olivier Hennes, Katholik und Direktor der Volksschule am Lauder Chabad Campus Wien. An seiner Schule gebe es eine »sehr gesunde Mischung« aus liberalen und orthodoxen jüdischen Familien.

gespräch Der Austausch unter den angereisten Schulleitern findet nicht nur einmal im Jahr statt. Die Kommunikationskanäle werden oft genutzt. »Es ist wichtig, wir lernen voneinander«, betont Hartmann die Bedeutung des kollegialen Gesprächs. Die Probleme, mit denen jüdische Schulen konfrontiert sind, seien ohnehin die gleichen, ergänzt Aaron Eckstaedt: »Wie gestaltet man in unserem Umfeld, in unserer Gesellschaft die jüdische Erziehung?«

Gemeinsame Themen seien auch Eltern­arbeit und die Anerkennung jüdischer Privatschulen durch staatliche Schulämter. »Wie jüdisch soll eine jüdische Schule sein?«, lautet denn auch das Thema eines Workshops, der auf eine Führung durch das historische Philanthropin-Gebäude folgt. Rabbiner Yaacov Zinvirt von der Berliner Heinz-Galinski-Schule spricht über die Vermittlung jüdischer Feiertage.

feiertage Es sei wichtig, die Feiertage vereinfacht und verständlich zu erklären. Auch müsse man die Thematik immer wieder aktualisieren, sagt Zinvirt. Anhand von Pessach versucht er, einen Gegenwartsbezug herzustellen: »Der Mensch ist ein moderner Sklave des Konsums geworden.« Das an Pessach verzehrte ungesäuerte Brot sei ein Symbol des Übergangs von der Sklaverei in die Freiheit, so Zinvirt. Es stehe für Verzicht als Weg aus der Sklaverei. Inwiefern sind Menschen also bereit, auf Überflüssiges zu verzichten, um mehr Zeit mit ihren Mitmenschen zu verbringen?

Die anschließende Diskussion lässt Sorgen und Probleme zutage treten, mit denen jüdische Schulen umgehen müssen. So fragt Noga Hartmann: »Wie inkludieren wir alle?« – und meint damit auch nichtjüdische Schüler. Zum anderen stelle sich die Frage, wie jüdische Kinder motiviert werden könnten, auch später in den Gemeinden aktiv zu sein. Aaron Eckstaedt beobachtet, dass an seinem Gymnasium nichtjüdische Schüler die jüdische Identität bisweilen am besten annehmen.

Das bestätigt auch Rabbiner Zinvirt. Das größte Problem sei die Akzeptanz der Identität seiner Schule unter den jüdischen Kindern. Rafael Luwisch macht darauf aufmerksam, dass die jüdischen Schulen nicht dem Rabbinat, sondern den Gemeinden unterstehen. Dort gebe es »sehr viele sehr unterschiedliche Menschen, die ihr Jüdischsein ganz anders definieren«. Luwisch folgert daraus: »Wir müssen allen gerecht werden.« Er plädiert dafür, das Profil der jüdischen Schulen genauer zu definieren.

Herausforderungen Grundlagen des Judentums seien wichtig, wirft Noga Hartmann ein. »Daher muss man bei manchen Sachen hart bleiben.« Sie spricht aber auch von einem Spagat. »Wir haben alle – wenige ultraorthodoxe, viele säkulare, auch nichtjüdische Kinder.« Man könne nie alle zufriedenstellen, weiß Hartmann. Gleichwohl müsse man Eltern und angehenden Lehrern klarmachen, dass sie an einer jüdischen Schule bestimmte Dinge zu akzeptieren haben, sagt Rafael Luwisch.

Auch Olivier Hennes macht Lehreranwärter darauf aufmerksam, »dass das Jüdische ganz oben steht«. Die Schulleiter diskutieren leidenschaftlich, es werden noch viele Argumente vorgebracht. Für eine abschließende Antwort auf den oftmals erwähnten Spagat bleibt indes keine Zeit.

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