Halle

Jüdisches Leben im Würfel

Erstmals ist der Zentralrat in diesem Jahr mit einem eigenen Beitrag zum Tag der Deutschen Einheit vertreten. Foto: Fotowerk Halle

Dieses Jahr gibt es gleich zwei Besonderheiten zum Tag der Deutschen Einheit. Zum einen finden die offiziellen Feierlichkeiten nicht wie sonst zumeist üblich in einer Landeshauptstadt statt, sondern in Halle an der Saale, der bevölkerungsreichsten Metropole von Sachsen-Anhalt. Zum anderen ist 2021 zum ersten Mal bei einer solchen Veranstaltung der Zentralrat der Juden in Deutschland mit an Bord.

Der Zentralrat hat einen der 34 EventCubes mitgestaltet, die das Rückgrat der EinheitsEXPO – so der Titel der eigens anlässlich des Nationalfeiertags konzipierten Freiluftausstellung – bilden. Auf diese Weise kommt ein etwa 4,5 Kilometer langer Rundgang zustande, in dem sich die einzelnen Bundesländer, aber auch verschiedene staatliche Institutionen und zahlreiche Akteure der Zivilgesellschaft präsentieren.

»Noch immer haben die Bürgerinnen und Bürger in Deutschland in der Regel wenige Berührungspunkte mit dem Judentum«, skizziert Zentralratspräsident Josef Schuster die Idee dahinter. »Der Event-Cube macht niederschwellig und anschaulich eine erste Begegnung mit dem heutigen jüdischen Leben möglich. Ich bin überzeugt, dass er viele Menschen neugierig machen wird.«

Der frei begehbare Kubus, der von Hannah Dannel, Kulturreferentin des Zentralrats, kuratiert und am 17. September der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, ist noch bis zum 3. Oktober in Halle zu sehen.

Initiative Die Initiative für den Kubus zum Thema »Jüdisches Leben« ging von Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff sowie dem Antisemitismusbeauftragten des Bundeslandes, Wolfgang Schneiß, aus. Schließlich gibt es 2021 mit dem Jubiläum »1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland« einen weiteren guten Grund zum Feiern.

»Der Zentralrat der Juden wurde gefragt, ob er die Trägerschaft für das Projekt übernehmen möchte«, berichtet Zentralratsgeschäftsführer Daniel Botmann. »Dieser Aufgabe wollten wir uns gern stellen und haben dann gemeinsam mit dem Verein ›321 – 2021: 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland‹ angefangen, über Konzepte nachzudenken.«

»Das war schon eine Herausforderung.« Denn wie kann man einen derart langen und ereignisreichen Zeitraum in so einem Konzept wie dem Cube überhaupt sinnvoll präsentieren? Deshalb kamen alle Beteiligten auf die Idee, vor allem die Vielfalt des jüdischen Lebens der Gegenwart in den Vordergrund zu rücken.

»Unser Kubus zeigt Menschen, die offen mit ihrem Jüdischsein umgehen und darüber sprechen, was es für sie bedeutet«, erklärt Andrei Kovacs, leitender Geschäftsführer des Vereins »321 – 2021: 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland«.

Jewersity-Clips Er verweist dabei unter anderem auf die »Jewersity«-Clips von Jan Feldmann. Auf einem großen Monitor wird in Dauerschleife ein Drei-Minuten-Video mit den Kurzporträts junger Jüdinnen und Juden gezeigt. Darüber hinaus gibt es eine Art »Best of« jüdischen Lebens von heute in Bildern, beispielsweise vom Gemeindetag, dem Mitzvah Day oder der Jewrovision sowie Makkabi-Sportveranstaltungen.

Hierzu werden weiterführende Informationen zur Verfügung gestellt. »Auf diese Weise erhalten die Besucher Einblicke, wie aktuelle jüdische Diskurse aussehen können«, ergänzt Zentralratsgeschäftsführer Botmann. Gewürzt wird das Ganze mit einer Prise Humor. »Schließlich kommt in dem Konzept auch die beliebte Comic­figur Jewy Louis zum Einsatz.«

Auch der Anschlag auf die Synagoge in Halle wird im Kubus thematisiert.

Die Tatsache, dass die EinheitsEXPO in Halle stattfindet, weckt selbstverständlich Erinnerungen an den Anschlag auf die Synagoge der Stadt vor zwei Jahren. »Das wird auch in dem Cube thematisiert, und zwar mit Zitaten von Betroffenen, die damals dabei waren«, erklärt Daniel Botmann.

Andrei Kovacs ist es ebenfalls wichtig, dass auf die verschiedenen Bedrohungsszenarien in diesem Kontext hingewiesen wird. »Deshalb zeigt dieser Cube auch die dunklen Seiten jüdischen Lebens am Beispiel des Angriffs in Halle, bei dem zwei Menschen getötet wurden.« Und er verweist darauf, dass man von einer Normalität noch weit entfernt ist, wenn Jüdinnen und Juden immer wieder Gefahr laufen, verbal und körperlich attackiert zu werden, ein Alltag oftmals nur unter Polizeischutz stattfinden kann.

Zuwanderung Dennoch – die Wiedervereinigung ist auch für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland ein enorm wichtiges und positiv besetztes Ereignis, das es zu würdigen gelte, betont Botmann. »Ohne den Fall der Mauer im November 1989 wäre der Zuzug von Kontingentflüchtlingen aus der ehemaligen Sowjetunion wohl nicht möglich gewesen.«

Zudem kann man von einer tiefgreifenden Zäsur sprechen. Denn auf dem Gebiet der alten DDR zählten die Gemeinden vor 1989 gerade einmal ein paar Hundert Mitglieder. »Heute gibt es in fünf neuen Bundesländern wieder ein blühendes jüdisches Leben.«

Umwidmung

Kein Zeitplan für Yad-Vashem-Straße in Berlin

Nach der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem soll ein Straßenabschnitt im Herzen von Berlin benannt werden. Bislang ist unklar, wann dies erfolgt

 03.02.2026

Tu Bischwat

Erste Blätter

Wie stellen sich jüdische Kinder das Neujahrsfest der Bäume vor? Wir haben einige Mädchen und Jungen gebeten, für uns zu malen

 02.02.2026

Berlin

Lehrerin und Heimatforscher mit Obermayer Awards ausgezeichnet

Seit dem Jahr 2000 verleiht die US-amerikanische Obermayer-Stiftung jährlich einen Geschichtspreis an Heimatforscher und Gedenk- und Aufarbeitungsprojekte in Deutschland. In diesem Jahr wurden vier Personen und eine Initiative geehrt

 01.02.2026

Porträt der Woche

Willkommen zu Hause

Laurette Dassui wuchs in Paris auf und entdeckte in Berlin ihr Jüdischsein neu

von Gerhard Haase-Hindenberg  01.02.2026

München

Wege aus dem Hass

Der amerikanisch-israelische Psychologe Dan Ariely und Guy Katz sprachen im »Prof-Talk« über Antisemitismus aus unterschiedlicher Perspektive

von Esther Martel  31.01.2026

Politik

Aus ihren Leben

Die Ausstellung »An eine Zukunft glauben ...« stellt jüdische Biografien der parlamentarischen Gründergeneration vor

von Katrin Richter  30.01.2026

München

Brandstifter von jüdischem Altenheim 1970 womöglich ermittelt  

56 Jahre nach einem Anschlag auf ein jüdisches Altenheim in München verdächtigen Ermittler nun einen schon verstorbenen Neonazi. Was sie auf dessen Spur führte

von Hannah Krewer  30.01.2026

Interview

»In eine Synagoge bin ich das erste Mal in Deutschland gegangen«

Ab den 90er-Jahren fingen viele sowjetische Juden in Deutschland noch einmal von vorn an. Sind sie angekommen? Ein Gespräch über Flüchtlingsheime, nicht anerkannte Diplome und die Wiederentdeckung jüdischer Traditionen

von Mascha Malburg  29.01.2026

Meinung

Die Täter müssen sich schämen

Ein Missbrauchsskandal erschüttert derzeit die jüdische Gemeinschaft Deutschlands. Wer solche Taten besser verhindern will, muss Betroffene in die Lage versetzen, angstfrei über ihre schrecklichen Erfahrungen sprechen zu können

von Daniela Fabian  29.01.2026