Tagung

Judenhass im Klassenzimmer

Antisemitismus in der Schule ernst nehmen: Diskutanten in Berlin Foto: Jerome Lombard

Antisemitische Vorfälle sind an deutschen Schulen keine Seltenheit. Immer wieder kommt es zu diskriminierendem Mobbing und gewalttätigen Übergriffen. »Jude« ist auf dem Schulhof als Schimpfwort weit verbreitet.

Vor welchen Herausforderungen stehen die Pädagogen in Bezug auf Antisemitismus im Klassenzimmer? Welche Konzepte der Intervention und Prävention sind sinnvoll? Diese Fragen standen im Zentrum eines zweitägigen Fachsymposiums, das in der vergangenen Woche in Berlin unter dem Titel »Antisemitismus an der Schule – ein beständiges Problem?« stattfand. Organisiert wurde die Tagung vom Kompetenzzentrum für Prävention und Empowerment der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST).

»Antisemitismus in der Schule ist ein ernst zu nehmendes Problem. Jüdische Kinder und Jugendliche, aber auch Lehrer, sind davon betroffen. Es ist wichtig, dass wir das Thema nicht kleinreden, sondern uns gemeinsam Strategien dagegen überlegen«, sagte Daniel Botmann. Der Geschäftsführer des Zentralrats der Juden war zu der Konferenz gekommen, um über pädagogische Handlungsoptionen zu sprechen.

Dunkelziffer Nur ein kleiner Teil der antisemitischen Übergriffe im schulischen Raum werde öffentlich bekannt, betonte Heiko Geue vom Bundesfamilienministerium in seiner Begrüßungsrede. Da viele Vorfälle von den Schulen nicht gemeldet werden, müsse man von einer hohen Dunkelziffer ausgehen.

Aus dem im Auftrag der Bundesregierung vom Unabhängigen Expertenkreis Antisemitismus veröffentlichten Bericht geht hervor, dass sich rund drei Viertel der befragten Juden am Arbeitsplatz oder in der Schule mit Antisemitismus konfrontiert sehen. In der Schule zeige sich der Antisemitismus besonders bedrohlich und gewalttätig. Im Sommer hatte der Fall eines jüdischen Schülers an einer Berliner Schule bundesweit für Schlagzeilen gesorgt. Der 14-Jährige wurde von muslimischen Mitschülern über Monate hinweg antisemitisch beleidigt und geschlagen.

Gemma Michalski, die Mutter des Jungen, berichtete über ihre Erfahrungen. »Mein Sohn war wie Freiwild. Mich hat dieser tief sitzende Hass überrascht.« Ihr Sohn habe ein Trauma davongetragen. Besonders erschreckt habe sie, dass die Schulleitung das Problem überhaupt nicht ernst genommen habe, obwohl sie immer wieder das Gespräch gesucht habe.

Verharmlosung Marina Chernivsky, Leiterin des ZWST-Kompetenzzentrums, kennt dieses Problem. Viel zu häufig verharmlosten die Pädagogen antisemitische Vorfälle oder spielten sie herunter. »Die Perspektive der betroffenen Schüler und Eltern fehlt meistens. Viel zu häufig wird Antisemitismus ohne Juden verhandelt«, sagte Chernivsky. Oftmals sei den Lehrern gar nicht bewusst, wie sich Antisemitismus gegenwärtig zeigen könne. »Wir brauchen viel mehr themenbezogene Fortbildungen, um den Pädagogen das nötige Hintergrundwissen an die Hand zu geben«, so Chernivsky.

Präventionsstrategien gegen Antisemitismus an Schulen müssten zuallererst an der Ausbildung der Lehrer ansetzen, forderte Saraya Gomis, Antidiskriminierungsbeauftragte des Berliner Bildungssenats. »Angehende Lehrer müssen im Umgang mit multikulturellen Klassen geschult werden, um konsequent gegen Diskriminierungen vorgehen zu können.« Wenn man nicht wisse, wann und wo Antisemitismus anfange, könne man auch nicht bewusst mit dem Problem umgehen.

Schulung Botmann forderte, die Lehrer nicht allein zu lassen. »Die Pädagogen müssen die Möglichkeit haben, die vorhandene externe Hilfe anzunehmen«, sagte er. Bei dem Zentralratsprojekt »Likrat« beispielsweise gehen zwei junge Juden an Schulen, um mit ihren Altersgenossen über ihren Alltag zu sprechen. »Durch die Begegnung auf Augenhöhe können Vorbehalte abgebaut werden«, so Botmanns Erfahrungen.

Deidre Berger, Direktorin des American Jewish Committee (AJC) Berlin, plädierte dafür, die Träger von antisemitischer Gewalt eindeutig zu identifizieren. »Der gewalttätige Antisemitismus an Schulen geht mehrheitlich von muslimisch-arabischen Schülern aus«, sagte Berger. Das bedeute jedoch keineswegs, dass nur Muslime ein Problem mit Antisemitismus hätten, das ziehe sich durch die Gesellschaft. Im Juli hatte das AJC die Ergebnisse einer Umfrage in Berlin vorgestellt. Sie zeigen, dass antisemitische und islamistische Einstellungen unter den Schülern immer mehr an Einfluss gewinnen.

Meron Mendel, Leiter der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt, fragte, warum sich in letzter Zeit antisemitische Vorfälle an Schulen häuften. »Der Aufstieg der rechtspopulistischen AfD hat das politische Klima in Deutschland vergiftet, antisemitische Gruppierungen wie die BDS-Bewegung treten selbstbewusster in der Öffentlichkeit auf, und die Situation im Nahen Osten ist allgemein brutaler geworden.« Aufgabe von Schule sei es, den Hetzern im Internet und Fake News in den sozialen Medien eine gute Allgemeinbildung entgegenzusetzen.

Dessau-Roßlau

Buch zur jüdischen Geschichte Anhalts vorgestellt

Ein neues Buch informiert über jüdische Orte in Anhalt und soll zum Besuch anregen

 16.01.2026

Weimar

Trauer um Raymond Renaud

Der französische Überlebende des NS-Konzentrationslagers Buchenwald wurde 102 Jahre alt

 15.01.2026

Antisemitismus

Schriftstellerin Funk lebt lieber in Tel Aviv

Künstlerinnen und Künstler aus Israel klagen seit Langem über Schwierigkeiten in Deutschland

 15.01.2026

Hamburg

Espresso für die Seele

Der Jugendkongress der ZWST und des Zentralrats ist für viele das Highlight des Jahres. Hier findet eine Generation, die gestalten möchte, Impulse, Gespräche und Resilienz

von Eugen El  15.01.2026

Makkabi

Slalom und Schabbat

Rund 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen in diesem Jahr zur Wintersport Week in die Südtiroler Alpen

von Helmut Kuhn  15.01.2026

Leipzig

»Jeder Hass macht blind«

Das koschere Café »HaMakom« wurde in der vergangenen Woche angegriffen. Was genau ist passiert? Fragen an den Eigentümer

von Katrin Richter  15.01.2026

Mainz

Neue Ausstellung erinnert an Synagogen, Rabbiner und Matzenbäcker

Vom uralten Grabstein bis zum KI-generierten Rabbiner-Avatar reicht die Spannweite. Die Ausstellung »Shalom am Rhein - 1000 Jahre Judentum in Rheinland-Pfalz« im Landesmuseum Mainz präsentiert so umfangreich wie nie das jüdische Erbe im Land

von Karsten Packeiser  15.01.2026

Hessen

Brandanschlag auf Gießener Synagoge: Was bislang bekannt ist

Ein 32-Jähriger setzte vor der Beith-Jaakov-Synagoge einen Papiercontainer in Brand und zeigte den Hitlergruß. Er wurde von der Haftrichterin in die Psychiatrie eingewiesen

von Michael Thaidigsmann  15.01.2026

Thüringen

Juden fordern klare Haltung zu Iran-Protesten

Der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde in Thüringen, Reinhard Schramm, zeigt sich solidarisch mit den Demonstranten im Iran und wirbt für deren Unterstützung

 14.01.2026