Porträt der Woche

»Ich bin gerne Außenseiterin«

»In jedem Bild steckt ein Teil meiner Seele«: Noga Shtainer (33) aus Berlin Foto: Stephan Pramme

Porträt der Woche

»Ich bin gerne Außenseiterin«

Noga Shtainer ist Fotografin und will mit ihren Bildern Menschen berühren

von Alice Lanzke  23.11.2015 20:18 Uhr

Als ich 2010 nach Berlin zog, hatte ich den Eindruck, sehr fremd zu sein, und fühlte mich von Menschen angezogen, die selbst als Außenseiter gelten. So kam ich zu dem Thema für meine Porträtreihe »Wagenburg«: Bei meinen Streifzügen durch die Stadt entdeckte ich diese Kommunen in umgebauten Wohn- und Bauwagen, die sehr eigen leben. Sie haben regelmäßige Treffen, bei denen sie etwa gemeinsam über neue Mitbewohner entscheiden.

Ich selbst komme aus einem Moschaw im Norden Israels – auch dort gab es monatliche Treffen, sodass ich mich den Wagenburg-Bewohnern noch näher fühlte. Am Anfang waren sie äußerst vorsichtig. Sie zögerten, mich mit der Kamera zuzulassen. Zumal die Wohnräume in den Wagenburgen sehr klein und damit entsprechend intim sind. Meine Arbeit hat sie dann aber überzeugt – sie wollten ein Teil davon werden. Zudem war ich einfach ich selbst. Am Anfang kam ich immer alleine und später dann mit meiner Tochter, die während dieser Zeit geboren wurde.

In dem Dorf, aus dem ich stamme, sind alle sehr offen: Jeder spricht über jeden. Als Kind habe ich darunter gelitten – als ich etwa neun Jahre alt war, ließen sich meine Eltern scheiden, und alle haben darüber geredet. In den Wagenburgen ist das komplett anders. Obwohl alles so klein ist und die Wagen dicht an dicht stehen, hat jeder doch einen Raum für sich, seinen Freiraum. In diesen Raum haben mich die Bewohner hineingelassen.

moment Meine Bilder sind eine Mischung aus Inszenierung und Momentaufnahme: Ich versuche zwar, den Moment zu kontrollieren, aber die besten Fotos sind jene, in denen etwas passiert, das ich nicht mehr kontrollieren kann.

Insgesamt kommt mir die Kamera manchmal vor wie eine Waffe: Sie verleiht Macht und bringt die Menschen, auf die ich ziele, dazu, zu posieren und sich von ihrer besten Seite zu zeigen. Es braucht meistens eine Weile, bis sie sich so geben, wie sie wirklich sind. Das kann fünf Minuten dauern, aber auch zwei Stunden – auf diesen Moment warte ich. Denn ich will die Menschen in meinen Bildern so sein lassen, wie sie selbst sind. Sie sollen sich in den Fotos selbst erklären. Wenn sie dabei nicht ehrlich sind, wird auch das Bild nicht stark.

Gleichzeitig enthalten die Fotografien immer auch etwas von mir, es ist also stets eine Mischung. Was allerdings nicht passieren darf, ist, dass ich meine Motive zu gut kennenlerne, sonst kann ich sie nicht gut aufnehmen. Etwas Distanz muss bleiben, daher habe ich zum Beispiel meinen Mann noch nie für eines meiner Projekte fotografiert. Etwas anderes sind die Bilder von meiner jüngeren Stiefschwester Ella, die in der Reihe »Near Conscious« zu sehen sind.

kindheit Mein Vater hat nach der Trennung schnell wieder geheiratet. Ella war das erste Kind, das er mit seiner neuen Frau bekam. Da ich zu meiner Mutter zog, wurde mein altes Kinderzimmer Ellas Zimmer. Mein Bett, mein Schreibtisch, alle meine Möbel wurden ihre. Als ich 15 Jahre alt wurde und sie drei, fing ich an, sie zu fotografieren – und mir auf diese Weise meine Kindheit zurückzuerobern, an die ich nur wenige Erinnerungen habe.

Zwölf Jahre lang trafen wir uns regelmäßig, durch sie redete ich in meiner Arbeit über meine Kindheit, das Erwachsenwerden, den Übergang vom Mädchen zur Frau. Als sie schließlich 15 wurde, so alt wie ich, als ich das Projekt begann, hörte ich auf. Ich hatte das Gefühl, dass sie meine Geschichte nun nicht mehr erzählen könnte.

Ella hat das geliebt: Für sie war es unsere gemeinsame »quality time«. Mit der Zeit wurden immer mehr Familienmitglieder Teil des Projekts: mein später geborener Stiefbruder, mein Vater, seine neue Frau, meine Mutter. Am liebsten fotografiere ich aber Kinder. Sie zeigen immer, wie sie sich gerade fühlen, gleichzeitig können sie morgen schon wieder jemand vollkommen anderes sein. Das ist das Wahre, nach dem ich suche.

Bevor ich nach Berlin kam, hatte ich mir als Fotografin bereits in Israel einen Namen gemacht – ich zog nicht fort, weil es dort schlecht war. Doch wenn ich mit meiner Arbeit wirklich erfolgreich sein wollte, müsste ich nach Europa gehen, dachte ich. Mein Mann hat mich darin sehr unterstützt. Weil meine Familie europäische Wurzeln hat, besitze ich einen französischen Pass.

weg Dass ich überhaupt Fotografin geworden bin, beruht eigentlich auf einem kleinen Schwindel: Ursprünglich wollte ich in Haifa Kunst und Theater studieren, wurde aber nicht angenommen. Als zweite Wahl hatte ich Fotografie angegeben und wurde nach Arbeitsproben gefragt – die ich nicht hatte. Also nahm ich Fotos, die mich zeigten, aus dem Familienalbum und behauptete, ich hätte diese von meiner Schwester gemacht – es klappte. Es dauerte jedoch nicht lange, bis ich merkte, dass es tatsächlich der richtige Weg für mich war.

Die Kamera gab mir Kontrolle zurück und half mir, mich selbst besser zu verstehen. Themen für meine Projekte zu finden, ist für mich immer sehr schwierig. Habe ich gerade keines, mache ich mir Sorgen. Manchmal beginne ich zudem mit etwas und merke erst nach einiger Zeit, dass es doch nicht funktioniert.

Als Fotografin oder Künstlerin ist es generell nicht einfach: mit jedem Projekt bei null anzufangen. Wie ich genau zu meinen Themen komme, kann ich gar nicht sagen. Am Anfang liegt immer irgendetwas in der Luft, das mich beschäftigt. Zu diesem Zeitpunkt versuche ich, das nicht übermäßig zu analysieren, sonst besteht die Gefahr, dass es nicht authentisch wird. Stattdessen sollen sich die Themen meiner Bilder ganz natürlich selbst entwickeln.

ausstellung An der Wagenburg-Reihe etwa habe ich drei Jahre gearbeitet. Sie ist nun auch Teil meiner ersten Soloausstellung in Berlin, zusammen mit Aufnahmen aus der »Near Conscious«-Reihe, auf die ich mich sehr freue. Hier ist das Tempo viel langsamer als in Israel oder New York. Nun bin ich gespannt, wie die Leute reagieren.

Ich hoffe, dass ich die richtigen Menschen erreiche und sie mit meiner Arbeit berühre. Das ist mein größter Wunsch. Kritik nehme ich dabei immer sehr ernst, denn in jedem Bild steckt ein Teil meiner Seele. Wenn eine Ausstellung von mir 20 Kritiken bekommt und davon 19 gut sind, dann erinnere ich mich vor allem an die eine schlechte.

Mein Vater wird allerdings nicht zur Ausstellungseröffnung anreisen. Seine Mutter war in Auschwitz, deswegen besucht er Deutschland nicht. Würde sie noch leben, könnte sie es wahrscheinlich nicht akzeptieren, dass ich in Berlin wohne.

gegensätze Nach fünf Jahren in der Stadt merke ich, dass Judentum für mich wichtiger wird. In Israel hat es eigentlich keine Rolle gespielt, da dort ohnehin fast jeder Jude ist. Hier in Berlin, und auch als Mutter zweier Kinder, ändert sich das. Und es beeinflusst meine Arbeit.

So geht es in meinem aktuellen Projekt darum, wie ich als Jüdin, Israelin – und damit letztlich als Fremde – in Berlin lebe. Dabei arbeite ich viel mit Doppelbelichtungen und Masken. Sie symbolisieren, dass wir jeden Tag ein anderer sein können, ohne, dass es jemand bemerkt.

Die Bilder für das aktuelle Projekt entstanden rund um den Weißensee: eine wunderschöne Kulisse mitten in der Stadt. Aber diese schönen Bilder sind für mich typisch deutsch: Viele KZs befanden sich auch inmitten wunderschöner Wälder.

Einen ähnlichen Gegensatz empfinde ich, wenn ich daran denke, dass ich an einem der schönsten Plätze der Welt lebe und mich gleichzeitig allein fühle. Das klingt, als würde ich in Berlin leiden, aber das trügt: Ich bin sehr gerne hier. Den Schmerz, den ich empfinde, kennt wahrscheinlich jeder, der aus Israel nach Deutschland kommt. Und dann muss ich auch zugeben, dass ich es ein wenig mag, Außenseiterin zu sein.

Aufgezeichnet von Alice Lanzke.

www.artnoga.com

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