Holocaust-Überlebender

»Ich möchte, dass der Krieg endlich vorbei ist«

Der Holocaust-Ueberlebende Leonid Kamenskij ist aus der Ukraine geflohen und lebt jetzt in einem Altenheim in Hannover. Foto: epd-bild/Jens Schulze

Mit geradem Rücken sitzt Leonid Kamenskij im Sessel seines Zimmers in einem Seniorenheim in Hannover. Ein Sofa für die Gäste, ein Tisch, ein Stuhl, ein Bett, der Fernseher - die kleine Wohnung ist sparsam eingerichtet. Wenn der schlanke Mann dort Persönliches verwahrt, dann hinter den Türen des Einbauschrankes.

Kamenskij ist im Mai vergangenen Jahres aus der Ukraine nach Deutschland geflohen. »Ich war in einem Schockzustand beim Gedanken, die Heimat zu verlassen«, sagt er leise.

60 Jahre lang hat er mit seiner Frau zusammen in Mykolajiw gelebt, bis sie vor acht Jahren starb, übersetzt Tatjana Teichler, was er auf Ukrainisch erzählt. Sein Sohn floh schon zu Kriegsbeginn nach Deutschland, auch beide Enkel leben inzwischen hier. »Doch ich wollte nicht mitkommen«, sagt Kamenskij.

Dann las er, dass der Stadt das gleiche Schicksal drohen könnte wie Mariupol, das zu der Zeit wie kaum ein anderer Ort von Leiden und Zerstörung des russischen Angriffskrieges betroffen war. »Ich habe in zwei Tagen alles gepackt und bin mit Bussen über Moldawien nach Deutschland.«

Kindheitstrauma Leonid Kamenskij wird in einigen Tagen 89, so steht es in einer nachträglich ausgestellten Geburtsurkunde. »Eigentlich werde ich schon 90«, fügt er an. Seine Papiere gingen verloren, da war er noch ein Kind. Seine Mutter hatte sie vergraben, um sich und den Jungen zu schützen. Sie sei in der kommunistischen Partei gewesen, sein Vater Jude, erläutert er. 1941 überfiel das nationalsozialistische Deutschland die Ukraine. Seine Mutter sei mit ihm vor den deutschen Besatzern geflohen, viele Hunderte Kilometer weit und größtenteils zu Fuß.

Als kleiner Junge habe er Bombenangriffe erlebt, Tote an Straßenrändern gesehen und in eine Grube mit Menschenleichen geblickt. »Da ist mir schlecht geworden«, sagt er und Übersetzerin Teichler fügt an, was er beschreibt: »Besonders ist ihm eine Frau mit blauem Kleid in Erinnerung geblieben.« Mehr als 1,5 Millionen Jüdinnen und Juden wurden in der Ukraine Opfer des Holocaust.

Hilfeleistung Das »Hilfsnetzwerk für Überlebende der NS-Verfolgung in der Ukraine« kümmert sich seit Beginn des russischen Angriffskrieges um Menschen, die wie Kamenskij den NS-Terror überlebt haben. Mehr als 50 Gedenkstätten, Stiftungen und Erinnerungsorte haben sich angeschlossen, darunter auch die Stiftung niedersächsische Gedenkstätten, die Gedenkstätten Bergen-Belsen und Esterwegen oder in Bremen der Denkort Bunker Valentin. Mit Spendengeldern unterstützt das Netzwerk vor allem diejenigen, die in der Ukraine geblieben sind, wie Koordinatorin Ragna Vogel erläutert. Es verteilt Hilfspakete oder vermittelt Patenschaften.

Rückgang Doch während die Not auch angesichts von Katastrophen wie der Zerstörung des Kachowka-Staudamms größer werde, nehme die Spendenbereitschaft ab, beklagt Vogel vom Berliner Verein »Kontakte-Kontakty«, der zu den Gründern des Netzwerkes gehört. Knapp 40.000 Überlebende der NS-Verfolgung gebe es Schätzungen zufolge noch in der Ukraine, darunter neben Juden auch Zwangsarbeiter und politisch Verfolgte. Trotz des Krieges würden die wenigsten von ihnen das Land verlassen. Den Schritt nähmen vor allem diejenigen auf sich, deren Familien bereits in Deutschland lebten. »Wir haben hier Kontakte zu einer Handvoll.«

Diskriminierung Leonid Kamenskij betont, wie dankbar er sei, dass Deutschland ihn aufgenommen habe. Er erinnert sich aber gleichzeitig an die Angst vor den deutschen Besatzern in seiner Kindheit. Der Schrecken endete auch dann nicht, als seine Mutter und er Mykolajiw erreicht hatten. Sein Großvater sei gegen den jüdischen Schwiegersohn gewesen. Auch Nachbarn hätten »Druck gemacht«, sagt er. Mutter und Sohn flohen erneut in ein Nachbardorf und kehrten doch wieder zurück. Sie hätten sich schließlich trennen müssen, um zu überleben: »Ich wurde in der Nachbarschaft versteckt«, sagt der 89-Jährige. Sein Vater kam im Krieg um.

Auch nach der Befreiung litt Leonid Kamenskij unter Ausgrenzung und Diskriminierung, wie er sagt. Doch baute er ein Leben auf, arbeitete im Schiffsbau und gründete eine Familie. Er berichtet von seiner Wohnung, die er zurückgelassen hat, vom selbst gebauten Gartenhäuschen und den vielen Pflanzen.

Auf seiner Fensterbank in Hannover setzt eine Orchidee einen Farbpunkt, an der Brüstung hängt ein Blumenkasten mit gelben Sommerblüten. »Ich will schon gerne wieder nach Hause«, sagt Kamenskij und faltet die Hände auf seinem Schoß. »Aber, ob ich dann wirklich die Kraft habe?«

Potsdam

Offene Türen, offene Fragen

Mehrere Hundert Interessierte besichtigten das Synagogenzentrum

von Pascal Beck  03.04.2025

Musik

Persisch grooven

Hadar Maoz hat die Jüdischen Kulturtage in Thüringen eröffnet und das Publikum auf eine Reise durch 2500 Jahre Musikgeschichte mitgenommen. Ein Treffen zwischen Rahmentrommel und Moonwalk

von Alicia Rust  03.04.2025

Synagogen-Gemeinde

Kölner Antworten

Der Vorstand gab beim Jahresempfang in der Roonstraße ein warmes Willkommen in schwierigen Zeiten

von Katrin Richter  03.04.2025

Pessach

Vorfreude trifft Tradition

In der Gemeinde beginnen die Vorbereitungen auf das Fest

von Luis Gruhler  02.04.2025

Berlin

»Wunder der Geschichte«: Der Zentralrat der Juden in Deutschland wird 75

Die früheren Bundespräsidenten Gauck und Wulff würdigen den jüdischen Dachverband

von Imanuel Marcus  02.04.2025

Todestag

Wenn Worte überleben - Vor 80 Jahren starb Anne Frank

Gesicht der Schoa, berühmteste Tagebuch-Schreiberin der Welt und zugleich eine Teenagerin mit alterstypischen Sorgen: Die Geschichte der Anne Frank geht noch heute Menschen weltweit unter die Haut

von Michael Grau, Michaela Hütig  02.04.2025 Aktualisiert

Kino

Am Scheideweg der Erinnerungskultur

Der Comic-Experte Michael Schleicher stellte in München den Animationsfilm »Das kostbarste aller Güter« vor

von Nora Niemann  02.04.2025

Antisemitismus

Gert Rosenthal: »Würde nicht mit Kippa durch Neukölln laufen«

Die Bedrohung durch Antisemitismus belastet viele Jüdinnen und Juden. Auch Gert Rosenthal sieht die Situation kritisch - und erläutert, welche Rolle sein Vater, der Entertainer Hans Rosenthal, heute spielen würde

 01.04.2025

Magdeburg

Magdeburg erhält 800. Stolperstein

2007 wurde der erste Gedenkstein für den früheren Magdeburger Bürgermeister Herbert Goldschmidt verlegt

 31.03.2025