Eichstätt

Hin und her gestoßen

In der barocken Bischofsstadt gab es von 1946 bis 1949 mehrere Lager für DPs. Foto: imago/Westend61

Die Wirren der Zeit haben die Familie von Yaffa Orenstein hin und her gestoßen. Heute lebt die pensionierte Fernsehproduzentin in Tel Aviv, geboren wurde sie vor bald 73 Jahren im österreichischen Linz. Zufällig. Denn wie Orenstein erzählt, stammten ihre Eltern – Juden – eigentlich von woandersher: der Vater aus Polen, die Mutter aus Rumänien. Doch mit Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939 floh der Vater vor den Deutschen nach Russland. Dort traf er seine spätere Frau, sie heirateten 1945. Damals ging auch der Krieg zu Ende. Alles gut also?

Mitnichten. »Meine Eltern gingen zurück in die Heimat meines Vaters«, berichtet Orenstein. »Dort stellten sie fest, dass seine gesamte Familie ausgelöscht worden war.« Orensteins Eltern schlossen sich jüdischen Flüchtlingsgruppen an, landeten irgendwie in Linz. Da erhielten sie eine gute Nachricht.

auschwitz »Mein Vater erfuhr, dass sein älterer Bruder Auschwitz überlebt hatte und in München wohnte«, erklärt Orenstein, die seinerzeit drei Monate alt war. Die junge Familie machte sich auf nach Bayern. Sie wurden aber nicht an der Isar heimisch, sondern gut 100 Kilometer weiter nördlich: in Eichstätt. In der barocken Bischofsstadt gab es von 1946 bis 1949 mehrere Lager für Menschen wie die Familie Yaffa Orensteins – für »Displaced Persons« (DP), für im und nach dem Krieg entwurzelte Menschen.

Es gab auch Lager in benachbarten Dörfern, etwa für Balten, Polen und Ukrainer.

»Es existierten allein zwei große Camps für Juden mit in Hochzeiten zusammen an die 2000 Bewohnern: für säkulare die Jägerkaserne, für orthodoxe die Landwirtschaftsschule«, erläutert Julia Devlin. Sie ist Geschäftsführerin des Zentrums Flucht und Migration (ZFM) der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Familien seien separat untergebracht worden. Überdies habe es Lager in benachbarten Dörfern gegeben, etwa für Balten, Polen und Ukrainer.

Eingerichtet habe die Camps das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen UNRRA. »Für Eichstätt als Standort sprach, dass es nur wenig zerstört und wegen des landwirtschaftlich geprägten Umlandes gut versorgt war«, sagt Devlin. Daher hätten die US-Besatzer übrigens weniger Skrupel gehabt, Bewohner aus ihren Häusern zu werfen, um auch darin heimatlose Flüchtlinge einzuquartieren. »In Eichstätt konnten die Betroffenen leichter zu Verwandten ziehen als anderswo.«

forschung Das ZFM erinnert nun mit einem internationalen Symposium an die DP-Geschichte Eichstätts, zumal die jüdische. Vom 22. bis 24. September werden dabei aktuelle Beiträge aus der DP-Forschung ebenso vorgestellt wie die künstlerische und museale Verarbeitung von Flucht, Deportation und Migration. Ferner berichten einstige Bewohner von den Lebensgeschichten der Menschen in den DP-Camps.

Menschen wie Yaffa Orenstein. »Mein Vater war Künstler«, sagt sie. »Er gehörte zu den Gründern des jiddischen Theaters im Camp und trat als Schauspieler und Sänger auf.« Ihre Mutter habe als Strickerin gearbeitet.

Zum Brückenschlag zwischen DPs und Alteingesessenen kam es nicht.

Displaced Persons hätten einen normalen Alltag mit Beruf und Freizeit gehabt, so Julia Devlin, und ihre Lager weitgehend selbst organisiert. »Die Camps hatten eine eigene Polizei, Schulen und Zeitungen, ich weiß sogar von einem Verschönerungsverein. Dessen Mitglieder pflanzten Bäume und Blumen und bauten eine Brücke über die Altmühl« – den Fluss, der durch Eichstätt fließt.

kontakte Zum Brückenschlag zwischen DPs und Alteingesessenen kam es indes nicht. »Zwar gingen manche Handwerker zu Meistern außerhalb der Camps in die Lehre. Doch intensivere Kontakte sind nicht bekannt, man lebte wohl nebeneinanderher«, sagt Devlin. Die meisten Bewohner seien dann spätestens nach Schließung der Lager nach Amerika und Israel emigriert, so wie Yaffa Orensteins Familie. Durchaus hätten sich aber auch Einzelne in der Region angesiedelt.

Dennoch: »In Eichstätt gibt’s kaum Resonanz auf das Symposium. Es haben sich, abgesehen von Uni-Leuten, mehr Teilnehmer aus Washington angemeldet als von hier«, sagt die Wissenschaftlerin, »seltsam« sei das. Warum die lokale Erinnerungskultur die DP-Camps ausspare, könne sie sich nicht erklären. »Hier hat sich doch Weltgeschichte im Kleinen abgespielt.«

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