Freiburg

Herzstück

Es war am 5. November 1987, als der damalige badische Landesrabbiner Nathan Peter Levinson eine neue Synagoge in Freiburg eröffnete. Vergangenen Samstag, fast auf den Tag genau, feierte die Israelitische Gemeinde Freiburg das 25-jährige Bestehen ihres Gotteshauses. Mit dem Festakt beschloss sie auch die ersten jüdischen Kulturtage in Freiburg, deren Programm unter dem Leitwort »dem Leben zugewandt« daherkam. Begleitet vom Chor der Basler Synagoge war der Freiburger Gemeinde ein schönes Geburtstagsfest gelungen.

Kreativ das religiöse und kulturelle Leben Freiburgs mitgestalten und als soziale Einrichtung das örtliche Gemeinwesen stärken, so beschrieb die Gemeindevorsitzende Irina Katz in ihrer Begrüßung Aufgaben und Selbstverständnis der Juden in Freiburg. Auch Avraham Radbil, seit einem Jahr Rabbiner in Freiburg, lobte die aktive Gemeinschaft, die er angetroffen habe und motivieren wolle, sich weiterzuentwickeln. »Vor 25 Jahren investierte die Gemeinde in die Zukunft und schuf ein Gemeindehaus mit der Synagoge als Herzstück. Es ist an uns, dafür zu sorgen, dass dieses Haus lebendig bleibt und nicht zum Museum vergessenen jüdischen Lebens wird«, sagte er.

Kraftakt Mit Gründung der Israelitischen Landesgemeinde Südbaden vollzogen die 45 überlebenden Juden aus dem Südwestzipfel Deutschlands im Dezember 1945 einen Kraftakt. Einen weiteren ermöglichte ihnen die Stadt Freiburg 1986. Sie stellte ihnen für den Bau der Synagoge ein Grundstück kostenlos zur Verfügung und bezuschusste die Baukosten von damals sieben Millionen Mark mit einer Million. Das Land Baden-Württemberg beteiligte sich mit 3,5 Millionen Mark.

»Wir können nicht über die neue Synagoge sprechen, ohne an die alte zu denken«, erinnerte Freiburgs Oberbürgermeister Dieter Salomon an die Pogromnacht von 1938, die sich in diesen Tagen zum 74. Mal jährt. »Wege der Versöhnung« hätten die Akteure in den 80er-Jahren beschritten, um den Juden wieder »ein Zuhause und eine geistige Mitte« zu geben, und das in der Innenstadt, nur wenige Gehminuten vom Freiburger Münster entfernt. Salomon ging auch auf den Wandel der Gemeinde in den vergangenen 20 Jahren ein. Denn auch sie ist durch die Zuwanderung osteuropäischer Juden seit 1990 stark gewachsen. Derzeit zählt sie 720 Mitglieder.

»Sie haben geholfen, dass sich diese Menschen integrieren konnten. Ihre Gemeinde ist dadurch aber auch jünger und internationaler geworden und hat dazu beigetragen, dass in unserer Stadt ein Klima der Toleranz und des Miteinanders entstanden ist.« Tatsächlich stellen die Zuwanderer aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion heute 90 Prozent der Gemeindemitglieder.

Die Gemeinde präsentiert sich als ein vielseitig aufgestelltes Beratungszentrum und bald auch als Heimat eines Kindergartens, der jüdische und christliche Kinder aufnehmen wird. Diese Funktion würdigte auch Egon Engler, Geschäftsführer des Freiburger Caritasverbandes, der sich in der unmittelbaren Nachbarschaft der Synagoge befindet.

schuldbekenntnis Vom Miteinander sprach Peter Birkhofer als Vertreter des Freiburger Domkapitels, wobei er auf die gemeinsamen Wurzeln von Juden- und Christentum einging, was die katholische Kirche erstmals mit ihrer Erklärung »Nostra Aetate« nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil bestätigte. Er erinnerte an das Schuldbekenntnis von Papst Johannes Paul II.: »Der Antisemitismus war eine Sünde«.

Verbundenheit mit den »Juden, unseren bevorzugten Brüdern«, betonte auch der stellvertretende evangelische Dekan von Freiburg, Marc Witzenbacher. Heiße es doch in der Grundordnung der Badischen Landeskirche: »Sie lebt aus der Verheißung, die zuerst an Israel ergangen ist.«

Die katholische Theologin und Kirchenhistorikerin Barbara Henze referierte in ihrem Festvortrag die Geschichte der Juden in Freiburg. Auch im Breisgau wurden Juden für die Ausbreitung der Pestepidemie verantwortlich gemacht und im Jahr 1349 Opfer von Pogromen. 1424 wurden sie aus Freiburg dauerhaft ausgewiesen, ihre Synagoge ging in städtischen Besitz über. Erst im 19. Jahrhundert entwickelte sich in Freiburg wieder jüdisches Gemeindeleben.

Staatsbürger 1809 machte das Großherzogtum Baden seine Untertanen »mosaischen Glaubens« zu »erbfreien Staatsbürgern«. 1862 erhielten sie durch das »Gesetz über die bürgerliche Gleichstellung der Israeliten« die Gemeindebürgerrechte. Im Lauf der 60er-Jahre des 19. Jahrhunderts verzehnfachte sich in Freiburg die Zahl der Juden, 1869 begann ihre Gemeinde mit dem Bau einer Synagoge. »Und zwar am Rand der damaligen Stadtgrenzen«, erklärte Henze.

Die Historikerin bescheinigte der Gemeinde Mut, sich an ihrem Festtag mit dieser Geschichte auseinanderzusetzen. »Denn sie hat mehr Schatten- als Lichtseiten.« Weiter ging Henze auf die Funktion des Gotteshauses ein, Raum zu sein, um den Glauben zu teilen, also das Bewusstsein zu nähren, mit Gott verbunden zu sein. »Uns religiösem Menschen stellt sich heute die Frage, wie unsere Gotteshäuser wahrgenommen werden, und ob es uns gelingt, die Verbindung zwischen dem Haus des Einzelnen und dem Haus der Gemeinde zu wahren«, sagte sie.

Das Motiv von der Wanderung zwischen dem großen Haus der Vergangenheit, dem kleineren der Gegenwart, der Synagoge, und dem privaten Zuhause bestimmt auch das Stück »Tehilej Bajit« (Haus-Psalmen), das Gilead Mishory von der Freiburger Musikhochschule zum Jubiläum für Klavier, Violoncello und Klarinette komponiert hat und das am Festabend uraufgeführt wurde.

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