Gemeindearbeit

Generation dreißig plus

Warum junge Juden als Funktionäre in die Fußstapfen ihrer Eltern treten

von Heide Sobotka  21.01.2010 00:00 Uhr

Laufrichtung: Die 30- bis 50-Jährigen müssen ihren eigenen Weg gehen. Foto: imago

Warum junge Juden als Funktionäre in die Fußstapfen ihrer Eltern treten

von Heide Sobotka  21.01.2010 00:00 Uhr

Sie widersprechen der landläufigen Meinung, die mittlere Generation gehe den Gemeinden verloren. Sie sind zwischen 30 und 50 Jahre alt und arbeiten als Geschäftsführer von jüdischen Gemeinden und Landesverbänden, oder vertreten sie als Vorsitzende: Daniel Neumann, Judith Neuwald-Tasbach, Micha-
el Rubinstein und Alexander Sperling. Und sie tragen bekannte Namen, denn auch ihre Eltern und Großeltern stellten sich in den Dienst der jüdischen Gemeinschaft.

Für die Kinder manchmal eher eine Bürde als ein Vorteil. »Die Schuhe sind relativ groß«, sagt der 36-jährige Daniel Neumann, Geschäftsführer des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden in Hessen. Seine Großeltern bauten nach der Schoa die Gemeinde Fulda auf. Sein Vater Moritz war wesentlich bei der Wiedergründung der Gemeinde Darmstadt beteiligt.

Zukunftsplanung Daniel Neumann, Jurist und Rechtsanwalt, bezeichnet sich selbst als Spätstarter, was die Arbeit im jüdischen Umfeld angeht. Erst nach dem Referendariat und zweieinhalb Jahren Ausflug in die Finanzwelt habe er sich Gedanken über die Zukunft gemacht. »Als ich heiratete und meine Familie plante, überlegte ich, wie ich leben möchte, aus welcher Familie ich komme und habe mich mit meiner jüdischen Tradition ausein- andergesetzt.« Sich beim Landesverband als Geschäftsführer zu bewerben, war nicht ohne Hindernisse. »Viele haben mich gefragt: ›Willst du dir das wirklich an-
tun?‹ Ich wollte, und heute ist mir die Aufgabe Beruf und Berufung«, sagt Neumann.

Auch die anderen drei hatten Schlüsselerlebnisse, die sie über ihre jüdische Zukunft nachdenken ließen. Bei Judith Neuwald-Tasbach war es der Tod des Vaters im Februar 2001. Lange Zeit habe sie überhaupt nicht daran gedacht, in die Gemeindearbeit einzusteigen. Vom Vater hatte sie immer nur mitbekommen, dass sie mit viel Arbeit, Zeitaufwand, Abwesenheit von zu Hause und Ärger verbunden war.

Kurt Neuwald ist im deutschen Judentum so etwas wie ein Urgestein der Wiederaufbaugeneration. Über Jahre prägte er das jüdische Leben in Gelsenkirchen. Als er starb, fragte sich Judith Neuwald-Tasbach: »Wie geht es weiter? Was geschieht mit der Gemeinde? Wer kann sie in Zukunft führen?«

Fragen, die entscheidend waren. Sie engagierte sich beim Neubau der Synagoge ihrer Heimatgemeinde Gelsenkirchen und merkte, da kommt etwas zurück. »Die Gemeindemitglieder freuen sich über das schöne Gebäude. Und jetzt sollen sie darin auch ein neues jüdisches Zuhause finden.« Mit diesem Anspruch an sich selbst führt die 50-Jährige auch die Gemeinde: in einer familiären Atmosphäre.

Vorbereitung Ihr Studium als Verkehrsbetriebswirtin habe sie allerdings nur unzureichend auf die unterschiedlichen Aufgaben einer Gemeindeführung vorbereitet. Da schon eher die Managementaufgaben, die sie bei ihren verschiedenen beruflichen Stationen bewältigt hat. »Die Ansprüche sind gestiegen. Gemeindeführung kann man nicht als Nebenjob betreiben. Heute sind Controlling, Finanzwissen, bauliche Kenntnisse, Eventmanagement und organisatorisches Wissen gefragt. Ich weiß zwar etwas«, sagt Neuwald-Tasbach, »nehme aber immer gern Unterstützung in Anspruch.« Ihr Tipp einer guten Gemeindeführung: Herz und Offenheit, auch in die nichtjüdische Gesellschaft.

Das kann Michael Rubinstein nur bestätigen. Mit seinen 37 Jahren ist er in der Geschäftsführung der Jüdischen Gemeinde Duisburg-Mülheim-Oberhausen schon fast ein alter Hase. Die Arbeit seiner Eltern in der jüdischen Gemeinschaft hat ihn seit früher Kindheit geprägt. Von ihnen hat er Verbindlichkeit, offene Ohren und die Kontakte in die nichtjüdische Gesellschaft geerbt. Vater Herbert war viele Jahre Geschäftsführer des Landesverbandes Nordrhein, Mutter Ruth gehört dem Gemeindevorstand von Düsseldorf an. »Ich selbst habe alle jüdischen Angeboten mitgemacht, ging in die Jugendgruppe, wurde Madrich, fuhr zum Jugendkongress der ZWSt.«
familienbande In der kleinen Welt des deutschen Judentums kennt fast jeder Rubinstein von Kind auf. »Das ist nicht immer von Vorteil«, findet er. »Ich habe zwar glänzende Kontakte, das habe ich sicherlich vielen jungen Zuwanderern voraus. Aber mich kennt auch jeder seit Urzeiten.« Dass die Eltern in Düsseldorf führende Posten besetzten, war für ihn fast ein »K.-o.-Kriterium«, nicht als Geschäftsführer in Duisburg angestellt zu werden.

»Letztlich werden wir doch an der Leistung gemessen«, sagt der Neuling in der Runde, Alexander Sperling. Für den Jüngsten unter den vieren passte plötzlich alles zusammen. Sein Volkswirtschaftsstudium in Berlin hatte er abgeschlossen und suchte einen Job, der ihm Zeit ließ, seine Doktorarbeit zu schreiben. Seine Heimatgemeinde Dortmund suchte Unterstützung für den alternden Geschäftsführer Wolfgang Polak. Ein Jahr assistierte Sperling, seit Jahresanfang muss er sich nun allein bewähren, schon längst ruht die Doktorarbeit. Mutter Hanna Sperling, viele Jahre im Gemeindevorstand, habe ihm eher abgeraten, den Job zu übernehmen, gesteht Sohn Alexander. Man müsse manchmal unpopuläre Entscheidungen treffen. Das habe schon sein Großvater Chaim Nachman Sperling gesagt, der bis in die 80er-Jahre Gemeindevorsitzender in Essen war.

Mit viel Elan nimmt Sperling seine neue Aufgabe an. »Die Gemeinde muss stabilisiert werden. Wir müssen verhindern, dass sie nach dem Zuwandereungsrückgang jetzt noch durch etwaige Austritte geschwächt wird. Und unser Ziel muss es sein, die bestehenden Mitglieder umso aktiver an die Gemeinden anbinden.«

In den gleichaltrigen Zuwanderern sieht Sperling keine Konkurrenten. Für ihn sprechen, so sagt er: die guten gewachsenen Kontakte durch eine jüdische Sozialisation, die Sprache, da Deutsch »immer noch die Amtssprache ist« und inzwischen die Außendarstellung der Gemeinde eine wichtige Rolle spielt, sagt Sperling.

Für die 20- bis 25-jährigen Zuwanderer spiele es zwar keine Rolle mehr, wer alteingesessen ist und wer nicht. Doch noch sind sie zu jung, die Gemeinden als Geschäftsführer oder Vorsitzende zu leiten. Dass sie es können, davon ist auch Judith Neuwald-Tasbach überzeugt. Was ihnen allerdings in den meisten Fällen fehlt, ist eine tiefe jüdische Verwurzelung in der Tradition.

Tradition Was die dritte Generation grundsätzlich von den jungen Neuen unterscheidet, beschreibt Neumann so: »Wir sind mit der inneren Aufgabe groß geworden, die jüdische Gemeinschaft in Deutschland unter Beibehaltung der Tradition zukunftsfähig zu machen.« Als jüdischer Vater sieht Neumann darin eine überlebenswichtige Aufgabe. Wie sie zu meistern ist, darin sind sich alle vier einig: Überregionale Netzwerke bilden, die Jugend ansprechen und junge Familien ins Boot holen. Die Art und Weise, wie dies geschehen sollte? »Wärme bieten: Das Gespräch mit den Menschen ist genauso wichtig wie die Kontrolle der Finanzen.«

Warum sich die Anstrengung lohnt? »Der Mehrwert, den man von den Gemeindemitgliedern zurückbekommt«, sagt Michael Rubinstein. »Sicher verdient man in den Gemeinden weniger als in der freien Wirtschaft und es gibt viel Ärger, aber wenn ich mal auf meine Arbeit zurückschaue, weiß ich, ich habe den richtigen Weg eingeschlagen«, ist sich Daniel Neumann sicher.

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