DP-Camp

Fünf Jahre Warten

Umschlagfoto: Jüdische DPs aus Gabersee fordern die freie Einreise nach Erez Israel. Foto: ANTOGO

DP-Camp

Fünf Jahre Warten

Nicht allen Wasserburgern waren die Überlebenden willkommen

von Heide Sobotka  02.01.2017 18:47 Uhr

Die jüdischen DP-Camps haben es Jim Tobias angetan. Der 1953 geborene Historiker, Journalist und Drehbuchautor hat sich schon mehrfach auf die Suche nach den Heimstätten auf Zeit für jüdische Überlebende gemacht. 2002 erschien Vorübergehende Heimat im Land der Täter: Jüdische DP-Camps in Franken 1945–49; 2005: Zu Pessach nach Unterfranken: Das jüdische DP-Camp Giebelstadt 1948–49; 2006: Heimat auf Zeit: Jüdische Kinder in Rosenheim 1946–47: Zur Geschichte des »Transient Children’s Center« in Rosenheim und der jüdischen DP-Kinderlager in Aschau, Bayerisch Gmain, Indersdorf, Prien und Pürten; 2010: Leben danach – Jüdischer Neubeginn im Land der Täter und 2011: Zeilsheim: Eine jüdische Stadt in Frankfurt.

Infrastruktur 2016 beschäftigten er und die Autorin Nicola Grom sich mit den beiden DP-Lagern in Wasserburg im Landkreis Rosenheim: Gabersee und Attel. Wartesäle zur Emigration: Die jüdischen Displaced Persons Camps in Wasserburg 1946–50. Dabei ist immer wieder faszinierend zu lesen, in welch rasender Geschwindigkeit sich in den Camps soziale, politische, religiöse Strukturen entwickeln und wie das Bildungswesen funktioniert.

Die Camps bilden sich in der Regel schon kurz nach dem Krieg und lösen sich in den frühen 50er-Jahren schnell wieder auf, da nach der Staatsgründung Israels 1948 der Sehnsuchtsort der Überlebenden Gestalt angenommen hat. In diesen oftmals nur vier oder fünf Jahren werden Kinder geboren, entwickelt sich ein reges gesellschaftliches, politisches und religiöses Leben, zumeist unterstützt von der United Nations Relief and Rehabilitation Administration (UNRRA) der Vereinten Nationen.

Die meisten DP-Lager befanden sich in der amerikanischen Besatzungszone. Tobias erzählt immer wieder, wie erdrückend zunächst die Situation der Überlebenden ist, geraten sie doch von einer Internierung in die nächste. Insbesondere die Unterbringung in Lagern, die zuvor den Nationalsozialisten gedient hatten, wie auch die schlechte Versorgung dort verbitterten viele.

Das ist in Gabersee, wo die Überlebenden in der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt unterkamen, in der die Nazis ihre Euthanasie-Programme durchführten, nicht anders. Das durchaus großzügige Gebäude war schnell überbelegt. Das Kloster Attel bot Entlastung. Bis zu 2700 Personen lebten zwischenzeitlich in Gabersee und Attel. In Hochzeiten wie Januar 1948 lebten allein in Attel 425 Personen.

Zionismus Eine Zukunft schien den Bewohnern nur in Palästina möglich, und so richtete sich auch das Kulturprogramm am Zionismus aus. Mit Namen Hakoach, Kadima und Hapoel gründeten sich schon bald Sportklubs in den Camps. Die Wasserburger Bürger beobachteten das Camp offenbar misstrauisch. Aus einem Monatsbericht des Landrates lässt sich ablesen, dass viele durchaus neidisch auf die Versorgung der dort Untergebrachten waren.

Das gipfelt im Bericht 1949/1950 in der Aussage: »Die beiden DP-Lager Gabersee und Attel sind leider immer noch mit Juden belegt. (...) Die Bevölkerung vermag nicht zu begreifen, dass es nicht möglich sein sollte, die beiden Anstalten endlich ihrem eigentlichen Zwecke wieder zuzuführen.« 1950 wurde das Camp im äußersten südlichen Zipfel Deutschlands geschlossen. Das Kapitel war bislang wissenschaftlich unerforscht. Diese Lücke haben Tobias und Grom nun geschlossen.

Jim G. Tobias/ Nicole Grom: »Gabersee und Attel – Wartesäle zur Emigration. Die jüdischen Displaced Persons Camps in Wasserburg 1946–50«. Antogo, Nürnberg 2016, 174 S.,14,90 €

Fotografie

Nordisch by Nature

Der Fotograf Kay Michalak hat für sein neues Buch Jüdinnen und Juden aus norddeutschen Gemeinden porträtiert. Es sind Momente der Begegnung, die die Vielstimmigkeit des jüdischen Lebens zeigen

 21.10.2026

Frankfurt

Auf dem Schuk

Der neue Laden will mehr sein als ein koscherer Supermarkt: ein Ort zum Einkaufen, Plaudern und Ankommen – für die jüdische Gemeinde und das ganze Viertel

von Mascha Malburg  21.10.2026

Programm

BALAGAN, KUKURÍKU und Jazzy Diaspora: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 22. Oktober bis zum 28. Oktober

 21.10.2026

Engagement

Einsatz für jüdisches Leben und Verständigung: Grigory Rabinovich mit Verdienstorden der Bundesrepublik geehrt

 21.10.2026

Würzburg

Zentralratspräsident Josef Schuster kandidiert erneut

Der Würzburger Internist will auf der Ratsversammlung des Zentralrats der Juden am 29. November für weitere vier Jahre antreten

 21.10.2026 Aktualisiert

Speyer

Nach Drohbrief: Kirchen solidarisch mit Jüdischer Gemeinde

Die beiden großen christlichen Kirchen haben Drohungen gegen die Jüdische Kultusgemeinde der Rheinpfalz in Speyer verurteilt. Die Bedrohung jüdischen Lebens sei nicht hinnehmbar

 20.10.2026

Kulinarik

Koscher kochen auf höchstem Niveau

Tom Franz kreierte ein Drei-Gänge-Menü zum 20-jährigen Jubiläum der Ohel-Jakob-Synagoge

von Vivian Rosen  19.10.2026

Synagoge im sächsischen Görlitz

Görlitz

Erinnerung an das Novemberpogrom im Nationalsozialismus

Nazis und ihre Helfer zerstörten und plünderten in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 jüdische Einrichtungen, Geschäfte und Wohnungen. Juden wurden verfolgt, misshandelt und getötet

 19.10.2026

Lörrach

Tora als Zeichen der Hoffnung

Die Kultusgemeinde lässt eine historische gerettete Rolle restaurieren. Demnächst wird sie im Landtag vollendet

von Christine Schmitt  19.10.2026