Janusz Korczak Akademie

Flüchtlinge sind doch alle

»Hilfe ist im Judentum eine Selbstverständlichkeit«: Gesprächsrunde bei der Janusz Korczak Akademie Foto: Stefan Laurin

Eigentlich lautete das Thema der von der Europäischen Janusz Korczak Akademie in den Räumen der Duisburger Synagoge veranstalteten Podiumsdiskussion »Im modernen Ghetto – stehen unsere Identitäten Kopf?«. Doch gesprochen haben die Teilnehmer vor allem über Flüchtlinge, den Umgang der Juden und der jüdischen Gemeinden mit ihnen, den Erlebnissen mit ihnen, und was das alles mit den Erfahrungen zu tun hat, die viele Juden nach ihrer Flucht aus der Sowjetunion gemacht haben.

Die Journalistin und Schriftstellerin Lena Gorelik lebte, nachdem sie mit ihren Eltern aus Russland nach Deutschland kam, über ein Jahr lang in einer Barackensiedlung, umgeben von einem Stacheldrahtzaun. »Es gab Kinder, die durften mich nicht besuchen, weil ihre Eltern es ihnen verboten hatten. Klar ist, dass die Menschen möglichst schnell aus diesen Lagern heraus müssen, wenn man möchte, dass sie sich integrieren.«

Globalisierung Aber was ist Integration, und in was sollen sich die Flüchtlinge überhaupt integrieren? Für Gorelik war das eine Frage, die sich nicht mehr so eindeutig beantworten lässt, wie das vielleicht in früheren Zeiten einmal der Fall war. »Viele sehen Integration als einen abgeschlossenen Prozess, aber in einer globalisierten Welt ist das nicht mehr so. Es gibt Teile der deutschen Gesellschaft, wo ich mit meinem multikulturellen Hintergrund integrierter bin als ein Alois aus einem niederbayerischen Dorf.«

Was ihr und vielen anderen Juden die Integration leicht gemacht habe, sei der bildungsbürgerliche Hintergrund ihrer Familien gewesen. »Die meisten von uns stammen aus Akademikerfamilien, und es wurde von uns erwartet, sehr schnell sehr gut in der Schule zu sein. Das hat geholfen, die Sprache zu erlernen.« Entscheidend sei aber gewesen, sagte Gorelik, dass Menschen da waren, die Türen geöffnet haben. »Ob das in der Schule oder in der Gemeinde war: Da war immer jemand, der gesagt hat: ›Komm mit.‹«

Hilfe, sagte der Historiker und Pädagoge Awi Blumenfeld, sei für Juden schon von ihrem Glauben her eine Selbstverständlichkeit. »Da liegt jemand auf der Straße. Hilf ihm!« Als im Spätsommer 2015 die Züge mit Kriegsflüchtlingen in München ankamen, sei er einfach zum Bahnhof gegangen und habe mit angefasst. »Das war aber nicht immer gewollt. Ich hatte meine Kippa auf und habe dreimal gehört, dass man von einem Judenhund keine Hilfe annehme.« Viele Flüchtlinge seien in antisemitischen Gesellschaften groß geworden, und dies würde man auch oft merken.

Infrastruktur Mit der Situation der Juden aus Russland sei die der Flüchtlinge aus Nordafrika und dem Nahen Osten kaum zu vergleichen. »Es gab eine jüdische Infrastruktur in Deutschland, und es gab eine Auswanderung aus Russland seit den frühen 70ern. Wer hier ankam, konnte auf diese Strukturen zurückgreifen.« Eine Besonderheit sei es zudem gewesen, dass mit den Juden aus den Ländern der GUS, zumindest was die Gemeinden betraf, eine »Mehrheit in eine Minderheit« integriert wurde.

Laut Gerd Hankel, Mitarbeiter der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur sowie Fachmann für den Völkermord in Ruanda, ist es eine Schande für Europa, dass Deutschland 2015 fast alle Flüchtlinge habe aufnehmen müssen. Die Bandbreite der Menschen, ihre Fluchtgründe, ihr Bildungshintergrund, die Staaten, aus denen sie kommen, sei sehr groß, was die Integration erschwere. »Alles ist sehr komplex, und wir befinden uns in einem Lernprozess.«

Auf die Frage, ob Nordrhein-Westfalen auf der Suche nach Unterstützung bei der Integration der Flüchtlinge auch auf die jüdischen Gemeinden zugehe, musste Rainer Bischoff (SPD), Landtagsabgeordneter aus Duisburg, passen: »In einer idealen Welt wären die jüdischen Gemeinden ein normaler Teil der Gesellschaft, deren Wissen nutzbar wäre. Aber auf dieses Wissen wird nicht zugegriffen.«

Dresden

Gemeinde feiert Rückkehr mit Konzert und Ausstellungen

Rund 200 Besucher feierten die Rückkehr der jüdischen Gemeinde in ihre Synagoge, die nach rund dreieinhalb Jahren Bauzeit wiedereröffnet werden konnte

 15.09.2026

Bayern

Nach Morddrohung gegen Charlotte Knobloch – jetzt äußert sich die Polizei

Die Hintergründe

 15.09.2026

Audiowalk

Schritte durch die Vergangenheit

Das Junge Theater Köln erzählt die Geschichte des jüdischen Viertels und verbindet dazu Schauspiel und digitale Technik

von Annette Kanis  15.09.2026

München

Wadephul trifft Charlotte Knobloch nach Morddrohung

Die Präsidentin der Israelitischen Gemeinde München und Oberbayern wurde nach dem AfD-Erfolg in Sachsen-Anhalt Opfer einer Gewaltandrohung. Der Bundesaußenminister demonstriert Solidarität

 15.09.2026

Mascha Malburg und Joshua Schultheis

In eigener Sache

Mascha Malburg und Joshua Schultheis werden mit dem Georg-Stefan-Troller-Preis ausgezeichnet

Die Redakteurin der Jüdischen Allgemeinen und der freie Mitarbeiter erhalten die Auszeichnung für ihre Interviewreihe mit Juden aus Deutschland

 15.09.2026 Aktualisiert

Rheinland-Pfalz

SchUM-Kulturtage Speyer präsentieren jüdisches Leben

Ob ein Kochkurs mit dem Landesrabbiner oder jiddische Lieder mit dem Oberkantor: Die SchUM-Kulturtage laden ab Oktober mehr als einen Monat lang dazu ein, die jüdische Kultur kennenzulernen

 14.09.2026

Kino

»Ich habe keine Heimat«

Eine Dokumentation über Albrecht Weinberg erzählt von Verfolgung, Erinnerung und der schwierigen Rückkehr in das Land der Täter

von Esther Martel  14.09.2026

Porträt der Woche

Der Barockmusiker

Moshe Haas stammt aus Israel, ist Kantor und liebt Johann Sebastian Bach

von Anja Bochtler  14.09.2026

Berliner Leuchtturmprojekt

Musikalische Stolpersteine jetzt in fünf Bundesländern

Mehrere Tausend in Gehwegen eingelassene »Stolpersteine« halten europaweit die Erinnerung an Verfolgte des Naziregimes wach. Jetzt gibt es auch »Stolperstein«-Podcasts

 14.09.2026