Weiterbildung

Erleben, um zu vermitteln

Auf dem Fundament der Überlieferungen unseres Volkes ruhen jüdische Lebenswelten», sagt German Djanatliev, Religionspädagoge aus Nürnberg. Manchmal müsse man dieses Fundament buchstäblich «unter den Füßen spüren», um es weitergeben zu können, glaubt der Lehrer. Aus diesem Grund hatte die Jewish Agency in Kooperation mit der Europäischen Janusz Korczak Akademie rund 20 jüdische Pädagogen aus Deutschland zu einem Wochenendseminar nach Venedig eingeladen – ins erste jüdische Ghetto der Welt, das in diesem Jahr 500 Jahre alt wird.

Die Lehrer tauschten sich zum Thema «Jüdische Lebenswelten in der Bildungsarbeit» aus, hörten Vorträge und diskutierten. Nach ihrer Rückkehr sind sie erstaunt und berührt darüber, dass sie als Juden von heute im «Gheto Novo» tatsächlich ein Stück jüdische Lebenswelt gefunden und erlebt haben – und sogar plötzlich selbst Teil dieser Lebenswelt gewesen sind.

touristen «Auf der Straße tummeln sich Touristen, und ich werde mehrfach angesprochen, wo es zum koscheren Restaurant geht», erzählt die 24-jährige Chava Mathey von der Berliner JCommunity, einem Projekt von Lauder Yeshurun. Mark Krasnov ist 27 Jahre alt, Referendar an zwei Gymnasien in Heidelberg und Jugendleiter der Jüdischen Gemeinde Wiesbaden. Er ist ganz überrascht, wie selbstverständlich man in Venedig sein Judentum ausleben kann. «Zwischenzeitlich war ich mir sogar nicht ganz sicher, ob wir uns in Israel oder tatsächlich in Italien befinden», sagt er begeistert.

Im Gegensatz zu anderen Städten auf der Welt habe man in Venedig nicht das Gefühl, mit einer Kippa auf dem Kopf «irgendwelche Blicke auf sich zu ziehen». Es seien «so viele jüdische Leute aller möglichen Strömungen unterwegs». Eva Haller, Präsidentin der Europäischen Janusz Korczak Akademie, berichtete anschließend von «tiefen emotionalen Erlebnissen» aller Mitgereisten: «Niemand ist unberührt geblieben.»

Schabbat Zu den Höhepunkten des Seminarwochenendes gehörte am Freitagabend der Kabbalat Schabbat, die Begrüßung des Schabbat, der von so vielen mitgefeiert wurde, dass «der Raum im Chabad-Haus nicht ausreichte und viele auf dem Ghetto-Platz beteten», berichtet Nurith Schönfeld, Religionslehrerin an der Frankfurter Lichtigfeld-Schule und Leiterin des Fachbereichs Jüdische Religion.

Für German Djanatliev lag da spürbar Spiritualität in der Luft. «In einer Ecke tummelten sich amerikanische Mädchen, in der anderen unterhielt sich eine junge chassidische Frau mit einer Dame mittleren Alters, deren Kopf mit einem bunten Turban geschmückt war», beschreibt Chava Mathey das Bild.

Fasziniert nahm Mark Krasnov einige Minhagim wahr, die er bisher nicht gekannt hatte. So wird bei Chabad die Tora vor und nicht nach der Lesung angehoben und gezeigt (Hagbaa) und zwar «gemeinsam von Rabbiner und Kantor». Besonders interessant war es für ihn zu sehen, «dass das Pergament italienischer Torarollen, im Gegensatz zu allen anderen Torarollen auf der Welt, mit einem zusätzlichen Stoff unterlegt ist», sagt Krasnov.

tora Samstagfrüh seien in der Spanischen Synagoge zwei ältere Männer zum allerersten Mal in ihrem Leben zur Tora aufgerufen worden, «und danach warfen die Frauen Bonbons – wie bei einem 13-jährigen Barmizwa», berichtet Nurith Schönfeld. «Wie diese erwachsenen Männer strahlten, das war ein sehr rührender Anblick», findet die Religionslehrerin.

Aus den Vorträgen zum Thema «Zwischen Ghetto und Eretz Israel – jüdische Lebenswelten in der Bildungsarbeit» nahmen die Teilnehmer viele Ideen und Inspirationen mit nach Hause. So sprach etwa Rabbiner Shai Piron, Pädagoge und ehemaliger israelischer Bildungsminister, über die Erziehung in Israel «in einer Zeit voller Veränderungen». Er sehe «den Lehrer der heutigen Zeit» nicht nur als Wissensvermittler, sondern vor allem «als Erzieher und Lernbegleiter», sagte Piron.

Elijahu Tarantul, Religionslehrer, Historiker und Rabbinatsassistent der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich, machte in seinem Vortrag «Einführung zu jüdischen Lebenswelten im Unterricht» Vorschläge, wie man die Schüler von heute «dort abholen» könne, «wo sie stehen» – zum Beispiel, indem man ihnen Erfahrungen in der Natur ermöglicht, um ihnen die alten Erzählungen und jüdischen Feste näherzubringen.

mizwot In Gesprächsrunden diskutierten die Pädagogen, wie authentisch jüdische Lehrer gegenüber Schülern auftreten sollen. «Wie kann ein Lehrer, der selbst keine Mizwot einhält, den Kindern beibringen, Mizwot zu halten?», formulierte Chava Mathey die Frage. Die Antwort nahm sich Mark Krasnov als «eine Art Quintessenz» mit nach Hause: «Ein Religionslehrer sollte authentisch sein und sein Fach leben und vorleben. Denn als Religionslehrer ist man ein besonderes Vorbild für die Schüler und hat in ganz spezieller Weise identitätsstiftende Funktion. Man prägt die jüdische Biografie seiner Schüler.»

Die versunkenen und wieder auflebenden venezianischen jüdischen Lebenswelten vor Augen, sprach der italienische Historiker Piergabriele Mancuso über die «historischen und sozioökonomischen Aspekte des jüdischen Venedig», während am Abend zuvor Shaul Bassi, Professor für englische und postkoloniale Literatur und Koordinator der Gedenkveranstaltungen in Venedig rund um den Jahrestag des Ghettos, seinen Zuhörern Sara Copia Sullam, eine Dichterin aus dem Ghetto des 17. Jahrhunderts, vorgestellt hatte.

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