Porträt der Woche

»Die Vergangenheit bleibt«

»Über die Lagerzeit wurde bei uns auch mit Freunden und Verwandten kaum geredet«: Channa Birnfeld Foto: Moritz Pieler

Porträt der Woche

»Die Vergangenheit bleibt«

Channa Birnfeld erzählt Schülern von ihrem Überleben

von Moritz Piehler  14.03.2011 16:24 Uhr

Seit fast 30 Jahren wohne ich in Alsterdorf am Rande Hamburgs, ganz nah an einem Wanderweg. Bis vor ein paar Jahren bin ich mit einer Freundin jeden Sonntag von hier bis Wellingsbüttel spaziert, zum Brunch. Heute ist das zu weit für mich. Auch Gymnastik kann ich leider nicht mehr machen. Das habe ich schon als junge Frau und dann noch lange beim Eimsbütteler Turnverein hier in Hamburg betrieben. Mit meinem Mann bin ich auch oft gewandert. Wenn ich an die Dolomiten im Frühling denke, könnte ich jetzt noch jubilieren! Aber ich sitze auch gerne hier hinter dem Haus im Garten. Im Sommer ist es ganz grün und sehr ruhig.

Ursprünglich komme ich aus Siebenbürgen. Von dort wurde ich als 18-jähriges Mädchen nach Auschwitz deportiert. Nach der Befreiung sind meine Schwester und ich nach Herne in Westfalen gezogen. Sie hatte im Lager einen Mann aus Wien kennengelernt und ihn nach der Schoa geheiratet. Da er herzkrank war, verweigerten uns die USA die Einreise, sodass wir nicht dorthin auswandern konnten. Und ins damalige Palästina wollten wir nicht mit dem Leiden meines Schwagers. Also zogen wir nach Herne, das damals ein kleines Bergarbeiterstädtchen war.

Geografie Wir waren völlige Exoten. Jüdische Familien gab es kaum, und wir fielen mit unserem noch sehr kurzen Haar sofort auf unter all den Frauen mit modischen langen Frisuren. Die Engländer wiesen uns eine Wohnung zu, die wir zu dritt bezogen. Ich traute mir damals nicht zu, in Deutschland zu studieren, weil ich dachte, zu wenig über Geschichte und Geografie Bescheid zu wissen. Meine acht Jahre ältere Schwester hatte nach ihrem Studium, das sie wegen der Judengesetze nicht beenden konnte, eine Näh- und Schneiderlehre gemacht. Das brachte sie mir bei, und so arbeiteten wir zusammen als Schneiderinnen.

Meinen Mann lernte ich während eines Besuchs bei Freunden aus Siebenbürgen kennen. Ich zog zu ihm nach Hamburg, er war schon ganz gut in die dortige Gemeinde integriert. Damals lebten hier viele Befreite aus Bergen-Belsen, einige persische Juden, die als Importeure nach Hamburg gekommen waren und etliche aus Ungarn und Tschechien. Es war eine kleine Gemeinde, aber es gab einen großen Zusammenhalt. Wir haben viel miteinander unternommen. Es war egal, woher man kam, jeder musste Deutsch sprechen. Das hat die Integration gefördert.

Heute besuche ich regelmäßig das Mittwochscafé in der Gemeinde, weil es mir wichtig ist, mit den russischsprachigen Zuwanderern in Kontakt zu kommen. Am Anfang, als nur wenige kamen, waren wir sehr glücklich, dass ihnen die Ausreise ermöglicht wurde. Es wurde zu Kennenlernabenden eingeladen, und daraus ergaben sich private Kontakte.

Dann kam die große Zuwanderungswelle, und seitdem ist es sehr schwierig geworden. Die Neuen bleiben unter sich, viele reden nicht mit uns, obwohl sie Deutsch sprechen. Ich dachte, ich könnte ihnen mit meinen Erfahrungen helfen. Ich weiß doch selbst, wie es ist, als Fremder neu dazuzukommen. Aber sie grenzen uns alte Gemeindemitglieder aus. Das finde ich nicht in Ordnung, macht mich traurig. Und das sage ich auch laut. Allerdings hat ihnen die Gemeinde dadurch, dass alles ebenso auf Russisch angeboten wird, die Ausgrenzung geradezu ermöglicht.

Stiefsohn Später, nach dem frühen Tod meiner Schwester, haben wir ihren damals neunjährigen Sohn aufgenommen. Er wuchs bei uns auf. Noch heute haben wir ein sehr enges Verhältnis. Weil ich für ihn da sein wollte, nachdem er nach dem Umzug zu uns so entwurzelt worden war, ging ich zunächst nicht arbeiten. Gelegentlich half ich bei meinem Mann aus, einem selbstständigen Importeur.

Erst, als unser Ziehsohn etwa 16 Jahre alt war und sich gut eingelebt hatte, fing ich an der Wirtschaftsschule an und suchte danach eine Anstellung. Ich las die Anzeige einer amerikanischen Aluminiumfirma, die neu in Hamburg eröffnet werden sollte und bewarb mich. Prompt wurde ich genommen und blieb dort bis zu meiner Pensionierung 1986.

Holocaust Über die Lagerzeit wurde bei uns viel zu wenig geredet, nicht einmal mit Freunden und Verwandten. Wenn mich jemand fragte, habe ich immer gesagt: Es gibt Bücher darüber, lest selbst dort nach! Mittlerweile werde ich oft als Zeitzeugin eingeladen, um vor Klassen zu sprechen. Das kam aber erst spät und war ein langer Prozess.

Vor einigen Jahren wurde ich zu einem Gedenkmarsch nach Dachau eingeladen. Es war ein sonniger Tag, da sitzen die Bayern eigentlich lieber im Biergarten. Aber es liefen Hunderte mit uns mit. Viele trauten sich nicht, die ehemaligen Lagerinsassen anzusprechen. Aber einige kamen auf mich zu. Vor allem junge Eltern sprachen mich an und sagten mir: »Wir wollen, dass unsere Kinder das sehen, damit sie es nie vergessen.« Daraufhin habe ich gedacht, wenn es solche Leute gibt, dann sollen sie nicht nur in Büchern lesen, dann muss ich ihnen auch davon erzählen.

Wir hatten uns immer gesagt, dass wir ganz normale Menschen seien und nicht anders behandelt werden wollen als andere. Das hat sicher eine große Rolle gespielt. Aber das bildeten wir uns natürlich nur ein, denn die Vergangenheit ist immer präsent.

Gemeinde Ich habe mich lange bei der zionistischen Frauenorganisation WIZO engagiert. Etwa 30 Jahre lang war ich im Vorstand aktiv. Vor einiger Zeit habe ich dann den Jüngeren das Ruder überlassen. Heute gibt es leider keine Gruppe mehr in Hamburg, das bedauere ich sehr.

In der Gemeinde habe ich im Ausschuss für die Gründung eines jüdischen Altersheims mitgearbeitet. Es gab Unterstützung vom Hamburger Senat und vom Zentralrat. Aber bis heute ist es leider nicht zum Bau gekommen. Für unsere Generation ist der Gedanke, mit ehemaligen Nazis an einem Tisch zu sitzen, schwer auszuhalten.

Ich interessiere mich sehr für Kunst und Kultur. Das hat mir früher in Herne sehr gefehlt. Als ich nach Hamburg kam, war ich begeistert, endlich wieder Theater, Oper und Museen in Reichweite zu haben. Anfang der 70er-Jahre wurde ich Mitglied eines Kunstvereins, den ein Pastor leitete, der auch Kunsthistoriker war. Ich habe jedes Jahr mindestens eine Reise mitgemacht und unzählige spannende Vorträge gehört. Ich war in Petersburg, Moskau, in der Normandie und sogar zwei Mal in Rom. Nach Israel bin ich ohnehin einmal jährlich mit meinem Mann gereist, um unsere Verwandten zu besuchen.

Früher habe ich sehr viele Briefe geschrieben. Heute gibt es zum Glück das Telefon als günstige Alternative, um den Kontakt aufrechtzuerhalten. Ich besuche immer noch sehr viele Vorträge, vor Kurzem war ein sehr interessanter Mann hier, der zweite Ankläger im Eichmann-Prozess. Das war ungeheuer spannend. In der Anfangszeit in Hamburg hatte ich ein Abonnement für das Schauspielhaus und für die Oper. Heute gehe ich so gut wie nie mehr ins Theater. Dafür lese ich eine ganze Menge, vor allem über Geschichte und Politik.

Aber weder die Vereinsexkursionen noch Israelreisen kann ich weiterhin machen. Die Kraft, von Stadt zu Stadt zu fahren, um alle zu besuchen, habe ich nicht mehr. Aber ich pflege meine Beziehungen zu Verwandten und Schulfreunden sehr, auch wenn die über die ganze Welt verteilt sind. Unser Zusammenhalt ist groß, das gibt mir Kraft.

Aufgezeichnet von Moritz Piehler

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