Berlin

Die jüdische Schweiz

Rabbiner Leo Baeck war hier zu Hause, Billy Wilder und Albert Einstein, der mit seinem Nachbarn, dem ungeschlagenen Schachweltmeister Emanuel Lasker gern philosophische Gespräche führte. Im Haus gegenüber von Einstein wuchs die renommierte Fotografin Gisèle Freund auf. Ebenso wie Marcel Reich-Ranicki ging sie hier zur Schule. Den Chor der Synagoge im Kiez leitete Kurt Weill. Das Bayerische Viertel in Berlin-Schöneberg wurde in der Zeit der Weimarer Republik auch »jüdische Schweiz« genannt, denn es war ein Zentrum jüdischen Lebens. Diese spannende Geschichte erzählt Gudrun Blankenburg in ihrem neuen Buch Das Bayerische Viertel in Berlin-Schöneberg: Leben in einem Geschichtsbuch.

Die Entstehung dieses Viertels geht auf die Initiative des deutsch-jüdischen Baulöwen Georg Haberland zurück. Die von seinem Vater Salomon Haberland gegründete Berlinische Boden-Gesellschaft entwickelte zwischen 1900 und 1914 das Bayerische Viertel, das betuchte Bürger anzog, die in modernen Häusern in der Nähe der Hauptstadt, aber ohne Staub und Lärm wohnen wollten.

Die Geschichte des Bayerischen Viertels erzählt Blankenburg mit vielen aktuellen und historischen Fotos, Zeichnungen und Anekdoten, die zu einer eigenen Entdeckungstour animieren. Und diese ist mit dem Schicksal bekannter Juden eng verbunden. 1933 lebten etwa 16.000 Juden in Schöneberg, wo ihr Anteil doppelt so hoch war wie im gesamten Berlin. Im Bayerischen Viertel lebten vor allem renommierte Ärzte, Wissenschaftler, Künstler, Geschäftsleute und höhere Beamte, wobei die Zahl der Juden in diesem Stadtteil nicht ermittelt wurde. Aber einige Schulen hatten Klassen nur für jüdische Kinder eingerichtet.

Synagoge Man staunt, wie schnell die Prachthäuser entstanden, zum Beispiel die 1909 errichtete monumentale Synagoge, die Platz für über 800 Beter bot. Im vierstöckigen Wohnhauskomplex, der zur Synagoge gehörte, waren Schulräume, eine Bibliothek und eine Küche für Bedürftige. Um 1935 predigte hier auch der junge Leo Trepp, damals Schüler am Rabbinerseminar. Dank dieser engen Bebauung inmitten von Wohnhäusern wurde diese Synagoge nicht angezündet, sie überstand auch den Krieg. Aber weil die Beter entweder tot oder geflohen waren, wurde sie 1956 abgerissen.

Unter der Naziherrschaft flohen die Juden aus der »jüdischen Schweiz«, oder sie wurden vertrieben oder ermordet. Ihre gesellschaftliche Ausgrenzung formulierte unter anderem Ministerialrat Hans Globke, der spätere Staatssekretär von Konrad Adenauer, der ironischerweise in der (Salomon)-Haberlandstraße wohnte. Diese wurde, wie alle anderen nach Juden benannten Straßennamen, unverzüglich umbenannt.

Vorliebe Seinen Namen verdankt das Bayerische Viertel Georg Haberlands Vorliebe für das mittelalterliche Bayern. Als Investor durfte er die neu angelegten Straßen selbst benennen. Er starb 1933 und musste nicht miterleben, wie seine Firma arisiert, sein Bruder im KZ Mauthausen getötet und sein Elternhaus in der Haberlandstraße im Bombenhagel zerstört wurde. Die Rückbenennung eines Teils der Straße 1996 ist nur einer der Wege, mit dem sich das Viertel mit der Judenverfolgung auseinandersetzt. Dazu gehört vor allem das einzigartige Denkmal »Orte des Erinnerns«. Das sind 80 Tafeln überall im Bayerischen Viertel, die auf einer Seite ein harmloses Bild zeigen, auf der anderen eine antisemitische Maßnahme oder ein Gesetz der Nazis zitieren. Eine Uhr erinnert zum Beispiel daran, dass Juden nach acht Uhr abends (im Sommer 9 Uhr) ihre Wohnungen nicht mehr verlassen durften.

Und im Rathaus Schöneberg, wo einst Albert Einstein seine zweite Frau heiratete, erinnert heute die Dauerausstellung »Wir waren Nachbarn« an ihn und weitere 124 Juden, die im Bayerischen Viertel einst zu Hause waren.

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