Schoa

»Den Überlebenden zuhören«

Gedenken in Flossenbürg: Ein italienischer Schoa-Überlebender des ehemaligen Konzentrationslagers spricht über seine Erinnerungen. Foto: dpa

Mit zahlreichen Gedenkveranstaltungen ist am Wochenende in mehreren Bundesländern an die Befreiung der Konzentrationslager vor 71 Jahren erinnert worden, darunter in den Gedenkstätten Bergen-Belsen, Sachsenhausen, Ravensbrück und Flossenbürg.

Bei der Veranstaltung in Sachsenhausen bei Oranienburg nahmen nach Angaben der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten Überlebende aus Deutschland, Frankreich, Israel, Norwegen, Polen, der Ukraine und Ungarn teil.

Der Präsident des Internationalen Sachsenhausen Komitees, Roger Bordage, warnte vor einem erneuten Erstarken des Rechtspopulismus in Europa. Den »Verführungen von Autoritarismus und Demagogie« dürfe nicht nachgegeben werden.

mahnung »Wir dürfen auch nicht vom europäischen Modell der sozialen Demokratie Abschied nehmen, denn es bleibt weiterhin das zivilisierteste Modell für den Umgang mit Konflikten und zur Förderung sozialer Egalität«, sagte Bordage. Zugleich mahnte der Zeitzeuge eine langfristige Bewahrung der Archive und Sammlungen von KZ-Gedenkstätten an. So seien noch immer nicht die Bedingungen geschaffen, um die Dokumente langfristig gegen den Verfall zu sichern.

Am 22. und 23. April 1945 erreichten sowjetische und polnische Soldaten das kurz zuvor von der SS geräumte KZ Sachsenhausen, in dem zwischen 1936 und 1945 mehr als 200.000 Menschen inhaftiert waren. Im KZ Ravensbrück befreite die Rote Armee am 30. April 1945 rund 3000 zurückgelassene Kranke.

Dort waren zwischen 1939 und 1945 rund 132.000 Frauen, 20.000 Männer und 1000 weibliche Jugendliche inhaftiert. Die Häftlinge, darunter Juden, Sinti und Roma, stammten aus mehr als 40 Nationen. Zehntausende wurden ermordet oder starben an Hunger, Krankheiten oder durch medizinische Experimente.

riesengefahr In Anwesenheit von KZ-Überlebenden gedachte das Land Niedersachsen am Sonntag der Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen vor 71 Jahren. Niedersachsens Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) erinnerte an den Anblick des Grauens, der sich den britischen Soldaten bei der Ankunft im Lager am 15. April 1945 bot: »Zwischen bis auf die Knochen abgemagerten Gestalten, die ihre Befreiung kaum wahrnehmen konnten, lagen 10.000 unbestattete, verwesende Leichen«, sagte die Ministerin.

In Bergen-Belsen wurden mehr als 50.000 KZ-Häftlinge und rund 20.000 Kriegsgefangene ermordet oder starben an Hunger, Durst, Krankheiten und den Folgen der Haft. Die Erfahrungen der Gefangenen von völliger Ohnmacht und ständiger Gewalt- und Todesbedrohung ließen sich nicht nachempfinden. »Aber wir können den Überlebenden zuhören«, sagte Heiligenstadt bei der Gedenkveranstaltung des Landes, der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten und der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen.

Die Musikerin Anita Lasker-Wallfisch aus London, die Auschwitz und Bergen-Belsen überlebt hat, rief dazu auf, die mahnende Erinnerung an die NS-Verbrechen auch dann aufrechtzuerhalten, wenn es keine Zeitzeugen mehr gebe: »Wie Sie wissen, ist gehirnloser Antisemitismus weiterhin eine Riesengefahr«, sagte die 91-Jährige. epd/ja

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