Leipzig

Beispiel Julius Hirsch

Alon Meyer (l.) und Jürgen Zielinski sprechen über Antisemitismus im Fußball. Foto: Esther Goldberg

Juller darf nicht mehr spielen. Denn Julius Hirsch, von 1911 bis 1913 siebenmaliger Nationalspieler, war nicht nur ein begnadeter Fußballer, sondern für die Nazis vor allem Jude. Am 1. März 1943 wird er nach Auschwitz deportiert und ermordet. Das Bühnenstück Juller über sein Leben wurde jetzt am Leipziger Theater der Jungen Welt uraufgeführt – mit Unterstützung der Kulturstiftung des Deutschen Fußballbundes und der Stiftung »Erinnerung, Verantwortung und Zukunft«. Regie führte der Intendant des ältesten deutschen Jugendtheaters, Jürgen Zielinski.

Nach der Aufführung lud der RB-Leipzig-Fanclub »Rasenballisten« zu einer Diskussion über »Antisemitismus im Fußball heute« ein. Auf dem Podium saßen neben Regisseur Zielinski auch Makkabi-Präsident Alon Meyer und Buchautor Ronny Blaschke. Gibt es tatsächlich Antisemitismus im Fußball? Ja, lautete die einhellige Meinung. »Ich glaube nicht nur, dass er sogar wächst, sondern ich bin fest davon überzeugt«, sagte Meyer. »Wir werden als Juden in die Gesamthaftung für den einzigen jüdischen Staat genommen«, ist seine Erfahrung. Judenfeindlichkeit verstecke sich häufig hinter einer realen oder auch vorgetäuschten Israelkritik.

Ausschreitungen Meyer, der auch Präsident von Makkabi Frankfurt ist, zählt etwa 20 bis 30 Spiele im Jahr auf, die er als kritisch bewertet, und hält Ausschreitungen vor allem dann für möglich, wenn Makkabi-Mannschaften auf gegnerischem Rasen gewinnen. »Genau deshalb fahren wir manchmal vor einem solchen Punktspiel zum Training der gegnerischen Mannschaft, um uns neben dem Rasen zu treffen und nicht erst, wenn es um Punkte geht.«

Auch Jürgen Zielinski geht davon aus, dass man bereits verbaler Gewalt entgegentreten muss. Deshalb habe er Juller gern inszeniert. »Wenn Menschen erst einmal im Theater geweint haben, und das war bei Juller der Fall, dann ist schon viel erreicht«, erklärte der Theatermann. Mit der Inszenierung will er Menschen ansprechen, die sonst nicht ins Theater gehen. Längst gehöre nach seinem Verständnis der Fußball in Deutschland zur Kultur, sagte Zielinski. Kunst müsse dafür genutzt werden, Diskriminierung anzuprangern. Er, dessen Lieblingsclub Borussia Dortmund ist, musste miterleben, wie vermeintliche Fans der Borussen die Leipziger Fans mit »Jude, Jude«-Rufen begrüßten. »Ich war selbst in Dortmund, als die RB-Fans im Februar von bescheuerten Hools mit Dosen und Steinen beworfen wurden«, erzählt er – bis heute erbost darüber. Der Jude als Sündenbock ist immer noch in manchen Köpfen.

Fußballindustrie Der Sportjournalist Ronny Blaschke (Angriff von Rechtsaußen: Wie Neonazis den Fußball missbrauchen, erschienen 2011), der sich auch in seinen Büchern immer wieder mit Fußball beschäftigt und diese »Gesellschaftsspiele« (Gesellschaftsspielchen. Fußball zwischen Hilfsbereitschaft und Heuchelei von 2016) gewissermaßen entlarvt, kritisiert darin vor allem die Fußballindustrie. »Man muss den gesamten Fußballapparat fragen, was er gegen Diskriminierung und Antisemitismus tut«, sagte Blaschke. Kleine Vereine und Verbände täten ungleich mehr als die Großen dieses Sports. Zudem sei der Ausschluss von Fans keine Lösung. Denn damit würde bei diesen Menschen kein Denkprozess einsetzen. Man habe sich ihrer sozusagen nur mental entledigt.

Für Jürgen Zielinski spielen zudem die sozialen Medien eine ungute Rolle. »Wenn wir nicht endlich die Sprachverkürzung aufheben, verroht die Sprache immer mehr. Wir aber wollen miteinander reden«, sagt der Regisseur.

Deshalb ist er jetzt nach Israel geflogen. Er möchte das Puppentheater für Kinder, das Train-Theater aus Jerusalem, nach Leipzig einladen.

Programm

Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 22. Januar bis zum 29. Januar

 21.01.2026

Auszeichnung

Großer Kunstpreis Berlin geht 2026 an Meredith Monk

Die sechs Sektionen der Akademie der Künste wechseln sich bei der Vergabe des Großen Kunstpreises Berlin ab. In diesem Jahr ist die Sparte Musik dran. Sie ehrt eine US-amerikanische Sängerin und Komponistin

 21.01.2026

Entscheidung

Noam Bettan startet beim ESC für Israel

Mehrere Länder boykottieren wegen Israels Teilnahme den Eurovision Song Contest 2026. Jetzt wurde entschieden, wer für das Land in diesem Jahr bei dem Musikwettbewerb an den Start geht

von Cindy Riechau  21.01.2026

München

Ein lebendiger Ort der Begegnung

Das neue Familienzentrum lud in der Reichenbachstraße zu einem »gemein(de)samen« Nachmittag ein

von Esther Martel  20.01.2026

Würdigung

Oldenburgerin Elke Heger erhält den Albrecht Weinberg-Preis

Die Oldenburger Pädagogin Elke Heger erhält für ihr jahrzehntelanges Engagement für die Gemeinschaft zwischen Juden und Christen den Albrecht Weinberg-Preis. Zur Verleihung wird der niedersächsische Ministerpräsident Olaf Lies erwartet

 20.01.2026

Essen

»Holo-Voices«: Zeitzeugen des Holocausts sollen für immer sprechen

Auf der ehemaligen Zeche Zollverein in Essen startet ein Medienprojekt, das Zeugen des Holocausts mit Besuchern in einen Dialog bringt. »Holo-Voices« soll Zeitzeugen »eine Stimme für die Ewigkeit« geben

 20.01.2026

Gedenktag

Weltweit noch 196.600 jüdische Holocaust-Überlebende

Am 27. Januar wird an die Befreiung des KZ Auschwitz vor 81 Jahren erinnert. Dort und an vielen anderen Orten ermordeten die Nationalsozialisten Millionen Juden. Noch können Überlebende von dem Grauen berichten

 20.01.2026

Interview

»Man tut sich mit den toten Juden leichter als mit den lebenden«

Die Münchnerin Eva Umlauf ist Präsidentin des Internationalen Auschwitz-Komitees. Auf eine bestimmte Art des Gedenkens an die Opfer der Schoa schaut sie kritisch – und sagt, was sie sich wünscht

von Leticia Witte  20.01.2026

Warnung

Holocaust-Überlebende besorgt um Zukunft der Demokratie

Sieben Holocaust-Überlebende berichten in dem Buch »Nach der Nacht«, welche politischen Entwicklungen ihnen Sorge bereiten

 19.01.2026