27. Januar

Aufeinander zugehen

Abraham Sharnopoldky, Sergey Sushon, Lia Shertov, Gita Koifman und Alexander Berman (v.l.) beim »Abend der Freundschaft und Begegnung« Foto: Mike Minehan

Für Sergey Sushon ist es ein besonderes Wochenende. »Ein alter Traum wird wahr.« Als Jude, als Verfolgter, einmal als freier Mann in Berlin, dem Zentrum der Vernichtung stehen und in freundliche Gesichter sehen zu können. Noch heute, gesteht er, könne er die Dimension des Verbrechens, das vor 70 Jahren am Großen Wannsee beschlossen wurde, nicht richtig begreifen.

Er sagt, es sei schwierig, Vertrauen zu fassen, Vertrauen in Gerechtigkeit und das Gute im Menschen: »Wir danken allen für ihre Unterstützung. Doch wichtiger als alles Geld ist das Gefühl, Freunde zu haben. Wir brauchen Freunde, denn wir haben viele Feinde«, sagt der Schoa-Über-lebende.

Motto Anlässlich des 70. Jahrestages der Wannsee-Konferenz hatte die »Initiative 27. Januar« am Wochenende zu einer Reihe Gedenkveranstaltungen in Berlin eingeladen. Bereits am Freitag hatte der Verein eine Gedenkfeier in der Französischen Friedrichstadtkirche abgehalten. Alle Veranstaltungen einte das Motto: »Gedenken und Begegnen – 70. Jahrestag der Wannsee-Konferenz«. Die Jüdische Gemeinde zu Berlin war Kooperationspartner.

Am »Abend der Freundschaft und Begegnung« in einem Berliner City-Hotel nahmen am vergangenen Samstag nicht nur Vertreter verschiedener christlicher und jüdischer Organisationen, sondern auch mehrere Holocaustüberlebende und die Knesset-Abgeordnete Lia Shemtov (Israel Beitenu) teil. Die Veranstaltung diente nicht allein der stärkeren Vernetzung politischer und religiöser Gruppen, die sich an der Seite Israels sehen, sondern auch, um auf die teils prekäre Situation der Überlebenden in Israel hinzuweisen.

In Israel leben heute noch rund 200.000 Holocaust-Überlebende. Viele von ihnen seien verarmt und einsam. Bereits in zehn Jahren gäbe es diese Zeitzeugen kaum noch, betonte Shemtov. Deshalb sei es wichtig, ihre Erinnerungen weiterzugeben. Dies waren die zentralen Punkte der Veranstaltung: Gedenken, der Versuch zum Zeugen der Zeitzeugen zu werden, wie es der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler einmal formulierte und die Opfer zu unterstützen. »Das Gedenken wahren, den Gefahren wehren«, lautet dann auch das Motto der »Initiative 27. Januar«.

Organisationen Von deutscher Seite waren die Organisationen Israel-Connect, Christen an der Seite Israels und die European Coalition for Israel beteiligt, die sich, vor allem in Brüssel, mit Lobbyarbeit gegen Antisemitismus und Antizionismus engagieren. Von israelischer Seite waren die Organisationen Amcha und Helping Hand Coalition vertreten.

Auch Gita Koifmann war an diesem Abend zu Gast: Überlebt hat die ältere Dame, weil ihre Eltern sich für sie opferten. Doch damit wird sie bis heute nicht fertig. Kein Tag vergeht, keine Mahlzeit nimmt sie zu sich, ohne an ihre Familie zu denken, an die »Schuld der Überlebenden«. Gita Koifmann ist sich sicher, dass die Toten nie in Vergessenheit geraten werden, so wie auch sie nie vergessen kann. »Aber das Leben geht weiter«, seufzt sie. »Die Welt braucht dieses Gespräch, um ihre Wunden zu heilen – auch wenn es nie einfach sein wird.« Seit Jahren besucht die Israelin Deutschland regelmäßig. Sie kommt gerne, doch hier zu leben, das kann sie sich nicht vorstellen. »Ich weiß nicht, ob es Angst ist, aber mein Herz schnürt sich zusammen, wenn ich nach Deutschland komme.«

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