Spandauer Zitadelle

Anatomie des Verbrechens

Es klingt nach Bühnendrama mit Gruseleffekt – und war doch blutiges Verbrechen. Das Grauen, dem sich seit Sonntag eine Ausstellung in der Zitadelle Spandau widmet, liegt fast genau 500 Jahre zurück: 38 Juden starben am 19. Juli 1510 in Berlin den Feuertod – wegen einer angeblichen »Hostienschändung«. Alle anderen Juden wurden aus der Region vertrieben, nichts sollte mehr an sie erinnern. Doch das Geschehene hinterließ eindeutige Spuren und lässt sich heute Schritt für Schritt rekonstruieren. Ausgerechnet im Tatjahr 1510 begannen Umbauarbeiten am Saalbau der Spandauer Zitadelle, dem sogenannten »Palas«. Seit 1955 sind dort bei Restaurierungsarbeiten dutzende Grabsteine mit hebräischen Schriftzeichen freigelegt worden. Fachleute wie die Historikerin Reena Perschke vermuten nun, dass der Spandauer jüdische Friedhof 1510 ebenfalls der Verwüstung anheim fiel und seine Steine kurzerhand für die Festung »verarbeitet« wurden.

Dokumentation Dem Züricher Publizisten Stephen Tree lässt diese »crime story« keine Ruhe mehr. Jahrelang hat er Hintergründe, Quellenmaterial und spätere Überlieferungen zusammengetragen – eine Puzzle-Arbeit von historischer wie politischer Brisanz. Schließlich wurden auch das Stadtgeschichtliche Museum Spandau, das Centrum Judaicum und das Museum für Vor- und Frühgeschichte aufmerksam und konzipierten rund um den Hostienschändungs-Prozess eine spannende Dokumentation. Im Zeughaus der Zitadelle erfährt der Interessierte nun viel über das wechselhafte Schicksal der Juden in der Mark Brandenburg, über populäre antijüdische Wahnvorstellungen bis hin zur Prozessvorgeschichte von 1510 – das meiste anhand von Gemälden, Textdokumenten und Frühdrucken.

Zwei Dutzend zeitgenössische Holzschnitte zeigen plastisch, wie das Unheil seinen Lauf nahm: Im Juni 1510 entwendet ein christlicher Hausierer in der Dorfkirche von Knobloch (Havelland) eine goldene Monstranz mit zwei Hostien. Er wird verhaftet und »bekennt«, eine der Hostien an Salomon von Spandau verkauft zu haben. Auch Salomon wird verhaftet und »gesteht« unter Folter, in Form der Hostie den Leib Christi »lästerlich geflucht und zerstochen« zu haben. Was folgt, ist eine Hetzjagd auf Juden in Stendal, Osterburg, Nauen, Perleberg und anderen Orten in der Mark. Kurz darauf sterben viele der Angeklagten auf einem dreistöckigen Scheiterhaufen nahe der damaligen Georgenkirche beim heutigen Alexanderplatz – und schaulustiges Publikum ist mit Begeisterung dabei. Dass Kirchenreformator Philipp Melanchthon drei Jahrzehnte später Kurfürst Joachim II. von der Unschuld der jüdischen Angeklagten überzeugt, gerät da eher zur Fußnote. Immerhin aber kann Josel von Rosheim die Situation nutzen, um nach dem Fürstentag von 1539 die Wiederansiedlung von Juden in der Mark Brandenburg zu erwirken. Dennoch ist das Gift der Mythen von Hostienschändung, Ritualmord und Brunnenvergiftung längst in die »Volksseele« eingedrungen – und findet auch Eingang in Julius Streichers berüchtiges Nazi-Propagandablatt »Der Stürmer«.

Der Zeughaus-Rundgang zwischen Folterinstrumenten, Anklageschriften, apokalyptischen Mord- und Vertreibungsszenen gerät so zu keiner Stunde der Beschaulichkeit, eher zum Schockerlebnis mit Aha-Effekt. Bezirksbürgermeister Konrad Birkholz sprach zur Ausstellungseröffnung von einem wichtigen Versuch, »zu zeigen, wo Intoleranz am Ende hinführen kann«. Museumsleiterin Andrea Theissen ist froh darüber, dass mit wenigen Ressourcen und viel ehrenamtlichem Engagement »Geschichte so komplex und verständlich« vermittelt wird. Berlins Gemeindevorsitzende Lala Süsskind wünscht sich möglichst viele junge Besucher, »damit der Spuk der antijüdischen Mythen endlich aus den Köpfen verschwindet«. Stephen Tree nimmt sich inzwischen vor, über die Ereignisse von 1510 ein Buch zu schreiben.

Jewrovision

Jung, laut, jüdisch

Eindrücke vom Wochenende in Stuttgart

von Nicole Dreyfus  20.05.2026

Fest

Magdeburger Synagogen-Gemeinde hat neue Torarolle eingeweiht

Mit dem Fest der Toravollendung konnte die neue Torarolle der Magdeburger Synagogen-Gemeinde eingeweiht werden. Traditionell wurden die 5 Bücher Mose von einem Sofer genannten Schreiber in Israel angefertigt

von Thomas Nawrath  20.05.2026

Programm

Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 21. Mai bis zum 3. Juni

 20.05.2026

Stuttgart

Sieg in Weiß mit »Gangsta’s Paradise«

Glitzer, Lampenfieber und große Botschaften: Bei der Jewrovision verwandelten Jugendliche aus ganz Deutschland Musik, Tanz und persönliche Geschichten in eine kraftvolle Show. JuJuBa holte den ersten Platz, gewonnen haben aber alle

von Nicole Dreyfus  20.05.2026

Meinung

Die Jewrovision sendet ein Signal

Bei dem Musikwettbewerb haben die Teilnehmer auch immer wieder den grassierenden Antisemitismus thematisiert. Die Politik muss die Angst jüdischer Kinder und Jugendlicher endlich ernst nehmen

von Nicole Dreyfus  20.05.2026

Konflikt

»Große Irritation« nach Gründung eines neuen liberalen Rabbinatsgericht

Die Jüdische Gemeinde zu Berlin und die Union progressiver Juden haben ein Beit Din gegründet. Die Allgemeine Rabbinerkonferenz kritisiert den Schritt als »Spaltungsmanöver«

von Mascha Malburg  19.05.2026

In eigener Sache

»Jüdische Allgemeine« erhält Tacheles-Preis

Der Tacheles-Preis wird alle zwei Jahre an Personen oder Organisationen verliehen, die sich für die Sicherung einer jüdischen Zukunft in Deutschland einsetzen. Die Laudatio hält der neue WELT-Chefredakteur Helge Fuhst

 18.05.2026

Chemnitz

Ausstellung zum Neuanfang der jüdischen Gemeinde Chemnitz

»Jetzt erst recht!«: Eine Ausstellung im Staatlichen Museum für Archäologie erinnert an den mutigen Neuanfang der jüdischen Gemeinde Chemnitz 1945

 18.05.2026

Magdeburg

Synagogen-Gemeinde weiht neue Torarolle ein

Große Freude in der Magdeburger Synagoge: Nach mehr als 30 Jahren des Spendensammelns erhält die jüdische Gemeinde eine neue Torarolle, die in Israel von einem spezialisierten Schreiber angefertigt wurde

 18.05.2026