Porträt der Woche

Absolute Herzenssache

»Als Kind war ich auf einer katholischen Schule – das war ein innerer Konflikt«: Sarah Burkhard (42) lebt in Köln. Foto: Jörn Neumann

Porträt der Woche

Absolute Herzenssache

Sarah Burkhard dreht Filme zu jüdischen Themen und leitet den Kosher Culture Club

von Naomi Bader  09.01.2017 17:02 Uhr

Vor ein paar Wochen haben wir bei uns im Haus mit den Nachbarn eine Filmnacht veranstaltet. Wir saßen mit Decken auf dem Boden, haben gewartet, bis es dunkel war, und dann hat jeder einen Film vorgestellt. Kurzfilme natürlich, und es waren super Filme dabei! Gerne hätte ich an dem Abend einen Ausschnitt aus dem neuen Film, den ich mit meinem Partner und Tuvia Tenenbom gemeinsam gemacht habe, gezeigt. Wir haben Tuvia bei seiner Reise durch Amerika begleitet.

Tuvias Buch erschien Ende 2016, aber der Film ist noch nicht fertig. Ich habe alles im Voraus geplant und ein Drehbuch geschrieben, und mein Partner hat Tuvia und seine Frau dann mit der Kamera bei der Reise begleitet. Ich konnte leider nicht mitkommen, dafür war das Budget zu knapp. Leider ist das sehr typisch, man findet nur schwer Investoren für Filme mit jüdischer Thematik. Wer sind die Einzigen, die Geld für solche Filme geben? Die jüdischen Stiftungen natürlich. Einmal haben wir Gelder bei der Filmstiftung in Düsseldorf beantragt, aber die Antwort lautete: »Gehen Sie doch zu Ihrer jüdischen Kirche, die haben doch Geld.« Schade, aber ich halte dann einfach meinen Mund, viel kann man da nicht machen.

jeckes Ein anderes meiner aktuellen Projekte sind die Jeckes, die deutschen Juden. Die Jeckes sind meine absolute Herzenssache. Investoren zu finden, ist auch hier ein Problem. Dennoch sage ich: Dieser Film wird fertig! Vor allem, weil die Jeckes in Israel nachfragen: Ist der Film fertig? Sie erzählen darin ihre gesamte Geschichte. Sie haben sich überallhin begleiten lassen – zum Kaffeetrinken, Schwimmen, Boulespielen. Klar, dass sie sich natürlich auch sehen wollen!

Die Jeckes sind ein Stück deutsche Geschichte, obwohl sie in Israel leben: pedantisch und steif, alte Preußen eben. Diese Menschen sind damals nach Israel ausgewandert, unter ihnen waren Professoren und Ärzte, die dann den Spaten in die Hand nehmen mussten. Und trotz allem hängen sie an der deutschen Kultur. Solche guten Menschen, die überlebt haben, kenne ich schon aus meiner Kindheit in Heidelberg, wo ich aufgewachsen bin. Dort habe ich Überlebende in der Synagoge getroffen. Ich erinnere mich ganz besonders an eine Dame, die immer in ihrer Handtasche suchte, bis sie die Mentos für mich darin fand.

Mich haben diese Menschen schon als Kind total bewegt, deshalb liegen sie mir bis heute am Herzen. Nur sind sie mittlerweile so alt, dass ich oft denke: Diese Menschen dürfen nicht sterben, sie sollen für immer bleiben. Denn sie tragen doch am meisten Geschichte in sich, und das muss weitergegeben werden. Genau das sehe ich ein bisschen als meine Aufgabe. Wenn ich die verwirrte Dame aus dem jüdischen Altenheim bei uns um die Ecke die Straße überqueren sehe, dann fühle ich mich verpflichtet, mit ihr ein paar Schritte zu gehen.

familie Meine Mutter ist kurz nach dem Krieg zur Welt gekommen, in Bayern, weil meine Großmutter in einem Auffanglager bei München gelandet ist. Mein Vater war als kleines Kind mit seinen Brüdern im Konzentrationslager. Wie lange und wo genau mein Vater im KZ war, weiß ich nicht, darüber sprachen wir nicht. Wahrscheinlich, weil ich noch zu klein war. Er ist gestorben, als ich noch ein Kind war.

Meine Mutter weiß bestimmt mehr, sie kennt seine Geschichte, aber ich habe da nicht groß nachgehakt. Es war nicht einfach für sie, deshalb lasse ich sie mit ihrem Leben, so wie es ist, lieber in Ruhe. Ich denke aber, dass dieses »Auseinandergerissen-Werden« Familien traumatisieren kann. In meiner Familie haben sie sich zum Glück wiedergefunden: Mein Vater hat seinen Bruder, der nach Israel ausgewandert war, nach dem Krieg wiedergetroffen. Und trotzdem hat mein Vater sein Judentum dann gar nicht mehr gelebt. Meine Großmutter hat nach dem Krieg vielleicht noch die Schabbeskerzen angezündet, aber sonst nichts.

Dennoch waren wir aktiv in der Jüdischen Gemeinde Heidelberg. Sie bestand während meiner Kindheit nur aus ein paar Behelfsräumen. Der Kantor leitete auch den Gottesdienst, es waren einfach nicht genug Juden da. An Schabbes waren wir vielleicht 20 Leute, und im Religionsunterricht nur eine Handvoll Kinder.

hippie Mit 17 bin ich dann mit meiner Mutter in die USA gezogen. Ihr zweiter Ehemann, mein »zweiter« Vater, war amerikanischer Jude. Erst fand ich es blöd, dass ich nach Amerika gehen musste, im Nachhinein aber war es gut. Ich fand es klasse, die Bandmitglieder von Nirvana auf der Straße zu sehen, weil wir in der Nähe von Seattle gelebt haben, oder auch, in den USA zum College gehen zu können – das waren Erfahrungen, die man als Jugendliche gut gebrauchen kann.

In Seattle habe ich auch zum ersten Mal eine Hippie-Synagoge gesehen, mit einer Rabbinerin. Das war vor über 20 Jahren, so etwas gab es damals in Deutschland nicht, das war schon besonders. Für mich war es total komisch, viel freier und offener.

Aber es hat mich nicht abgeschreckt: Jeder soll das machen, was ihm gefällt. In Chicago haben wir dann auch einmal in einem ultraorthodoxen Viertel gelebt. Ich bin damals immer gerne Inlineskates gefahren, aber dort dann doch lieber in langen Leggings. Sonst fühlt man sich doof, das ist einfach eine Frage des Respekts.

beruf Nach drei Jahren bin ich zurück nach Heidelberg gegangen. Ich hatte einfach Sehnsucht nach Deutschland. Und das ist vielleicht schon wieder etwas Jeckisches. Weil man eben schon deutsch ist. Jude zu sein, heißt nicht nichtdeutsch. Da habe ich gesehen, dass ich wohl doch irgendwie verwurzelt bin. Letztendlich war Heidelberg aber nur ein Zwischenstopp, um mir einen »Stempel« zu holen. Ich wusste nämlich, ich möchte etwas mit Film machen, wollte aber vorher schon etwas in der Tasche haben. Also habe ich in Heidelberg eine Ausbildung zur fremdsprachlichen Wirtschaftskorrespondentin gemacht. Das hört sich sehr viel cooler an, als es ist.

Nach der Ausbildung bin ich nach Köln gezogen, habe dort studiert und viele Praktika gemacht. Ich habe bei RTL gearbeitet, eine Hospitanz beim WDR gemacht und bin dann für mein Volontariat bei einem Regionalsender nach Rheinland-Pfalz gezogen.

Warum Film? Möglicherweise, weil meine Mutter Schauspielerin war, wobei sie immer zu mir sagte: »Du machst das nicht!« Also war es vielleicht Rebellion. Und für eine Bankkauffrau war ich zu chaotisch, das wäre nichts für mich gewesen. Film war absolut eine Entscheidung der Leidenschaft.

gemeinde Mein Partner und ich haben vor ein paar Jahren den »Kosher Culture Club« gegründet. Unsere Anfangsidee war eine Mischung aus Film, Café und jüdischem Leben. Wir wollten modernes, gelebtes Judentum und alte jüdische Traditionen verbinden. Auf unserer Website gibt es viele traditionelle Rezepte und Filme, in denen verschiedene Menschen, alte und junge, ihre liebsten jüdischen Rezepte vorkochen.

Ich habe das Gefühl, die Gemeinden zerfallen ein wenig. In Köln haben wir wirklich seit Langem keinen Rabbiner mehr. Zugleich muss man sagen, dass jüdisches Leben bei uns heute – im Vergleich zu dem, wie ich es im Heidelberg meiner Kindheit erlebt habe – wirklich blüht. Es gibt Schiurim, Veranstaltungen für Kinder, sogar eine jüdische Schule.

Es war mir wichtig, dass meine Kinder auf eine jüdische Schule gehen. Wenn so etwas angeboten wird, dann kann man es auch nutzen. Bei mir gab es das nicht, dabei hätte ich es gerne gehabt. Es ist doch toll, an den jüdischen Feiertagen frei zu haben und auch etwas über die Feiertage zu lernen. Sonst verkleidest du dich an Purim, wenn der Karneval längst vorbei ist. Aber Abschotten finde ich nicht gut: Unsere Kinder haben auch nichtjüdische Freunde.

identität Ich selbst war auf einer katholischen Schule, da gab es noch Nonnen, und wir mussten jede Woche zum Gottesdienst. Ich bin da auch manchmal hingegangen, blieb aber sitzen, während die anderen knieten. Wenn du in einem Religionsunterricht sitzen musst und Sachen gefragt wirst, die du gar nicht beantworten kannst, wenn sie ein Wort an die Tafel schreiben, das wir gar nicht aussprechen – dann ist das schon ein innerer Konflikt. Für mich wahrscheinlich besonders, weil ich damals schon eine jüdische Identität hatte. Später habe ich dann die Schule gewechselt, um dieses Dilemma zu lösen.

Als ich vor Kurzem meine Kinder in der Gemeinde zur Bar- und Batmizwa angemeldet habe, sprach mich plötzlich ein Mann an, der mich noch aus Heidelberg kennt, sogar seit meiner Geburt – eine typische deutsch-jüdische Geschichte.

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