Tu Bischwat

Wurzeln im Judentum

Bäume haben ihre eigene Existenz. Foto: Fotolia

Tu Bischwat ist das Neujahrsfest der Bäume. Dieser Feiertag – den wir in diesem Jahr am Mittwoch, 8. Februar begehen – wird als eines der vier verschiedenen Neujahrsfeste im Kalender aufgeführt (Mischna Rosch Haschana, Kap. 1). Allerdings gibt es dabei einen Disput zwischen der Schule von Schammai und der von Hillel. Erstere sagt, Tu Bischwat falle auf den 1. Schwat, während letztere vom 15. Schwat spricht.

An dieser Stelle muss man eine einfache, aber entscheidende Frage stellen: Warum sollen wir überhaupt ein eigenes Neujahrsfest für Bäume begehen? Kann man sie nicht bei einem anderen Anlass würdigen?

Darauf gibt es eine einfache, allerdings eher technische Antwort: Das Rosch Haschana der Bäume ist eigentlich der Tag, an welchem wir die Entscheidung treffen, welche Früchte in diesem Jahr und welche im kommenden zum Maaser, dem ›Zehnten des Feldes‹, gehören. Die Unterscheidung wird an Tu Bischwat getroffen. Denn in dieser Jahreszeit ist in Israel schon der meiste Regen gefallen und die Bäume fangen an zu blühen.

Feld Schauen wir uns nun die innere Perspektive an. Es gibt viele Hinweise darauf, dass Bäume eine wichtige Rolle im Judentum spielen. Neben der Tatsache, dass ihnen ein besonderes Neujahrsfest gewidmet ist, wird der Baum auch in der Tora mehrfach erwähnt – und mit dem Menschen verglichen. So heißt es in der Parascha Ki Teze: »Wenn du hinausgehst, um Krieg zu führen, zerstöre keine Bäume!« Denn der Mensch sei wie ein Baum auf dem Feld. Der Prophet Jesaja (65, 22) sagt: »Die Tage von meiner Nation sind wie die Tage von einem Baum«.

Diese Vergleiche geben uns zu verstehen, dass Tu Bischwat eine besondere Bedeutung hat, Bäume eine wichtige Rolle spielen und der Tag eine Botschaft an jeden Einzelnen von uns enthält.

Aristoteles behauptete, dass Bäume über eine Seele verfügen. Schon bevor der griechische Philosoph zu diesem Schluss kam, gab es eine ähnliche Vorstellung bei den Kabbalisten. Sie besagt, dass alles Geschaffene in dieser Welt einen g’ttlichen Funken beinhaltet, welcher ihm die nötige Energie zukommen lässt. Jahrtausende später, in den 1970er- und 80er-Jahren, legten Forschungen in den USA und der Sowjetunion nahe, dass Pflanzen sogar Empfindungen und ein Erinnerungsvermögen besitzen.

Solche Erkenntnisse führten zu einer sehr offensichtlichen Schlussfolgerung: Das, worüber die Kabbala sprach und was später auch Aristoteles schlussfolgerte, stimmt – Pflanzen haben eine bestimmte Lebensweise, welche nicht völlig ignoriert werden kann.

Es gibt eine berühmte Geschichte des Rabbiners Kook, dem ersten Oberrabbiner des Jischuw, dem späteren Staat Israel, welcher eines Tages mit Rabbi Levin, einem Schüler und Freund von ihm, umherging. Rabbi Levin riss dabei eine kleine Blume ab, worauf Rabbi Kook sehr traurig und zugleich ernst wurde. Er fragte: »Was machst du?! Diese Blume enthält Leben! Reiße sie nicht einfach so ab.«

Kabbala Warum aber ist das jetzt so wichtig für uns? Hunderte Jahre nach der Kabbala und noch weitere Hunderte nach Aristoteles, allerdings noch vor den Erkenntnissen der Forschung, kam der Baal Schem Tov. Der Begründer des Chassidismus lehrte uns ein neues Konzept: Alles in dieser Welt ist G’ttesfügung, sogar ein Grashalm, der sich irgendwo dort bewegt, wo kein Mensch geht oder gar gehen wird.

So gibt es einen bestimmten Einfluss der g’ttlichen Energie und der g’ttlichen Fügung auf alle Existenz dieser Welt.

Was lehrt uns das? Etwas sehr Einfaches, ja sogar Triviales. Wir denken, dass alles in der Welt geschaffen wurde, um uns zu dienen. Deswegen reißen wir alles an uns und denken, dass alles, was wir damit tun, richtig ist. Die Wahrheit jedoch ist: Pflanzen und Bäume haben ihre eigene Existenz. Sie sind nicht nur da, um uns mit etwas zu versorgen. Nein, sie haben auch eine gewisse eigene Aufgabe in der Welt zu erfüllen.

Das bedeutet, dass wir alles daransetzen müssen, dass sie weiterhin existieren. So können sie ihre besondere, ihnen speziell zugewiesene Aufgabe auch erfüllen – beispielsweise, für die Lebewesen Sauerstoff zu produzieren.

Das ist auch die tiefe Bedeutung des Neujahrsfests der Bäume. Darum feiern wir ihr eigenes Rosch Haschana. Denn genauso, wie der Mensch seine Aufgaben in der Welt hat, so haben auch die Bäume ihre besondere Mission. Sie besitzen einen g’ttlichen Funken, welcher sie dazu bringt, ihre Aufgabe zu erfüllen.

So müssen wir stets für sie sorgen, sie schützen und sichergehen, dass die Bäume und die Natur weiter existieren, um ihre Aufgabe in der Welt erfüllen zu können. Tu Bischwat ist ein guter Anlass, sich daran zu erinnern.

Der Autor ist Rabbinerstudent der Yeshiva Gedola Berlin und Mathematikstudent an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Israel

In Deboras Fußstapfen

Seit 2018 versuchen Frauen, an den Halacha-Prüfungen des Oberrabbinats teilzunehmen. Nun ist es ihnen gelungen

von Sophie Goldblum  08.05.2026

Talmudisches

Die Zahl 80

Was unsere Weisen über die wahre Stärke im Alter lehren

von Avi Frenkel  07.05.2026

Redaktion

Die Menschen hinter der Jüdischen Allgemeinen

Wer textet und redigiert, gestaltet, illustriert und organisiert heute die Jüdische Allgemeine? 18 Menschen, neun Ressorts – wir stellen uns vor

 07.05.2026

Essay

Brandbeschleuniger Hass auf Israel: Der Gesetzgeber darf nicht länger wegschauen

Wer auf unseren Straßen »Tod Israel« ruft, kann bislang in der Regel ohne strafrechtliche Konsequenzen bleiben. Das zermürbt die Demokratie

von Volker Beck  07.05.2026

Medien

Worte wiegen schwer

Was dürfen Journalisten? Auch Pressekodex und Gesetz kennen Grenzfälle. In der jüdischen Ethik wirft der Chafetz Chaim einen interessanten Blick auf die Frage, was an die Öffentlichkeit gehört

von Mascha Malburg  07.05.2026

Behar–Bechukotaj

Vom Joch befreit

Wie der Ewige seinem Volk die Last der Unterdrückung nimmt

von Rabbiner Avraham Radbil  07.05.2026

Jubiläum

Starke Stimme

Vor 80 Jahren erschien die erste Ausgabe der Jüdischen Allgemeinen. Mehr denn je braucht es eine präsente und selbstbewusste jüdische Zeitung in Deutschland

von Philipp Peyman Engel  07.05.2026

Interview

Josef Schuster: »Juden und Muslime sind keine Erzfeinde«

Bald startet der Katholikentag in Würzburg. Mit dabei: der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster. Welche Tipps er für Gäste hat - und wie er auf Juden, Christen und Muslime in aufgeheizten Zeiten blickt

von Leticia Witte  06.05.2026

Meinung

Wir haben ein Problem – und wir müssen endlich darüber reden

Ein Weckruf über verfehlte Migration, ausländische Einflussnahme und das ohrenbetäubende Schweigen der »Progressiven«

von Jacques Abramowicz  05.05.2026 Aktualisiert