Autobiografie

Vordenker einer jüdischen Psychologie

Wer eine neue Form der Psychotherapie entwickeln und in der Praxis erproben möchte, der braucht nicht nur viel Wissen und Lebenserfahrung, sondern auch Mut und Ausdauer. Kein Wunder, dass nur wenige hervorragende Wissenschaftler ein solches Projekt in Angriff genommen haben. Zu diesen Forschern gehört der israelische Hochschullehrer Mordechai (Manfred) Rotenberg, der rechtzeitig zu seinem 80. Geburtstag seine Autobiografie fertiggestellt hat.

Sein originelles Therapiekonzept hat er bereits in einer Reihe von Büchern in englischer und hebräischer Sprache dargelegt. Seit einigen Jahren wird in Jerusalem eine Zusatzausbildung für Psychologen angeboten, die Rotenbergs Behandlungsmethode kennenlernen wollen. Auf der Umschlagseite der Autobiografie ist vermerkt, dass der Autor für sein Lebenswerk der angesehene Israel-Preis verliehen worden ist.

sozialarbeiter Ein Kenner seines Werkes hat Rotenberg als den »Vater der jüdischen Psychologie« bezeichnet. Der Jerusalemer Universitätsprofessor hat nämlich den kühnen Versuch unternommen, aus bekannten Quellen des Judentums (Midrasch, Kabbala und Chassidismus) ein psychologisches System zu konstruieren. Seine Grundlagenforschung stellt eine beachtliche Leistung dar, auf die sich bereits andere Forscher wie zum Beispiel Baruch Kahane gestützt haben. Aus der Autobiografie erfährt man, dass Rotenberg gar kein ausgebildeter akademischer Psychologe ist. Es waren Erfahrungen als Sozialarbeiter, die ihn zum Nachdenken über psychologische Fragen gebracht haben. Wir haben also das Werk eines tüchtigen Autodidakten vor uns.

In seiner Autobiografie erzählt Rotenberg viele Episoden aus seinem abwechslungsreichen Leben. Er wurde in Breslau geboren und kann sich heute noch an die Verfolgungszeit erinnern und sogar an die Tatsache, dass er Ende 1938 Hitler, Himmler und Göring im offenen Wagen vorbeifahren sah. Als Jugendlicher hat Rotenberg dann im israelischen Unabhängigkeitskrieg mitgekämpft. Zeitweise lebte Rotenberg in einem Kibbuz. Anschaulich schildert er die Schwäche dieser Gemeinschaftsform. Rotenberg spielte Theater und arbeitete für den israelischen Rundfunk, war Turnlehrer und Sozialarbeiter.

analytiker Nach einem Aufbaustudium in den USA wurde er in Jerusalem Professor für Sozialarbeit. In dem Buch erzählt er auch von Reisen nach Indien und nach Russland. Und von einer depressiven Phase nach dem Soldatentod seines Sohnes Boas. Ohne Zweifel ist Rotenberg ein guter Beobachter und ein scharfsinniger Analytiker. Dass sein Querdenken manchen Zeitgenossen nicht gefallen hat, vermerkt der Autor sogar mit einem gewissen Stolz.

Nur seine Lebensgeschichte zu erzählen, erschien Rotenberg wohl zu mager. Er hat sie daher verknüpft mit einer von ihm entwickelten Typologie von Lebensformen. Die allseits bekannte Erzählung der Bibel vom Auszug der Israeliten aus Ägypten, die nach einer Wanderung durch die Wüste in das versprochene Land kamen, überträgt Rotenberg in die Bilder einer Entwicklungspsychologie. Der Mensch müsse die Enge, Unfreiheit und Starre, für die Ägypten steht, überwinden und in der Wüste des Lebens voranschreiten und kreativ werden, um schließlich das angestrebte Stadium der Freiheit und Sesshaftigkeit zu erreichen.

Um aber der Gefahr von Routine und Philisterhaftigkeit nicht zu erliegen, empfiehlt er, gelegentlich in die »Wüstenexistenz« zurückzukehren – zur Einleitung eines Fortschritts. Es ist sowohl lehrreich als auch unterhaltsam zu sehen, wie Rotenberg diese drei Lebensformen mit seinen persönlichen Erlebnissen und Entscheidungen immer wieder in einen Austausch bringt.

Talmudisches

Der jüdische Sindbad

Wenn Wale zu Inseln werden: Was unsere Weisen über die Abenteuer des Rabba bar bar Hana erzählen

von Detlef David Kauschke  29.03.2026

Essay

Wahre Freiheit gibt es nicht geschenkt

Warum Sicherheit ohne Freiheit weder für Israel noch für den Iran eine Zukunft bietet. Gedanken zu Pessach von Rabbinerin Elisa Klapheck

 29.03.2026

Gesa Ederberg

»Globaler und vielfältiger«

Die Berliner Rabbinerin über ihre neue Präsidentschaft der »Rabbinical Assembly«, amerikanische Kollegen und europäischen Elan

von Mascha Malburg  29.03.2026

Kashrut

Nicht ganz koscher – oder doch?

Die israelische Erfindung »ReMilk« schmeckt nach Milch, kann aber ohne Bedenken mit Fleisch kombiniert werden

von Rabbiner Dovid Gernetz  26.03.2026

Geschlechter

Mehr als nur Mütterlichkeit

Über die Stellung der Frau im Judentum finden sich zahlreiche, oftmals widersprüchliche Aussagen. Der richtige Kontext schafft da Orientierung

von Vyacheslav Dobrovych  26.03.2026

Zaw

Was vom Feuer bleibt

So wie im Tempel täglich die Asche vom Altar genommen wurde, sollten auch wir uns im Alltag von lähmenden Gedanken und Gefühlen nicht bestimmen lassen

von Rabbiner Yehuda Teichtal  26.03.2026

Vatikan

Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem lädt Papst Leo nach Jerusalem ein

Rund zwei Millionen Menschen besuchen jährlich die Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem, die der versuchten Vernichtung des jüdischen Volkes in Nazi-Deutschland gewidmet ist. Nun wurde auch der Papst dorthin eingeladen

 24.03.2026

Interview

»Eine heilige Mission«

Oberstleutnant V. hat mit seiner Einheit die sterblichen Überreste von Soldaten geborgen, auch jene der letzten Geisel Ran Gvili. Hier spricht er über die Prinzipien seiner Arbeit

von Detlef David Kauschke  19.03.2026

Wajikra

Im Zentrum

So wie das Buch Wajikra die Mitte der Tora markiert, sind Gebete und Opfergaben das Herzstück des jüdischen Bewusstseins

von Gabriel Umarov  19.03.2026