Schabbat Chol Hamoed

Vorbereitung auf den Bräutigam

Kupferstich von Salomon als Dichter des Hohenlieds’ Merian, Matthäus d.Ä. 1593–1650 Foto: dpa

An diesem Schabbat, Chol Hamoed Pessach, wird in den Synagogen das Buch »Schir haSchirim« (Hohelied) gelesen. Außerdem gibt es vier weitere so genannte Megillot (Rollen) – also Bücher des Tanachs, der Hebräischen Bibel – , die während des Jahres an speziellen Feier- und Gedenktagen öffentlich vorgelesen werden.

An Schawuot ist es das Buch Ruth, am Fastentag Tischa BeAw wird die Megillat Ejcha (Klagelieder) gelesen, an Sukkot das Buch Kohelet (Prediger) und am Purimfest das Buch Esther.

Purim Eigentlich ist die Zugehörigkeit der meisten Megillot zu den Tagen, an den sie gelesen wird, offensichtlich. So wird im Buch Esther die Geschichte von Purim erzählt.

In den Klageliedern werden die Ereignisse rund um die Zerstörung des Tempels beweint, und die Ereignisse im Buch Ruth spielen sich zur Zeit des Schawuotfestes ab. Man versteht allerdings nicht sofort, worin die Verbindung zwischen Sukkot und dem Buch Kohelet besteht. Unsere Weisen erklären diesen Brauch damit, dass der latent deprimierende Text des Predigers die mitunter ausufernde Freude des Erntefestes hemmen soll.

Warum jedoch an Pessach ausgerechnet »Schir haSchirim« gelesen werden soll, leuchtet auf den ersten Blick überhaupt nicht ein. Dabei lesen viele Juden dieses Buch nicht nur am Schabbat Chol Hamoed, wie es zum Beispiel beim Buch Kohelet während des Sukkotfestes der Fall ist, sondern auch gleich nach dem Ende des Pessachseders!

Unsere Weisen haben eindringlich davor gewarnt, das Hohelied oberflächlich zu betrachten beziehungsweise weltlich oder sogar erotisch zu interpretieren. In Wirklichkeit ist dieses Buch eine Allegorie für die Beziehung zwischen G’tt und dem Volk Israel. Aber was hat das mit dem Pessachfest zu tun? Dieses Lied hätte, so scheint es zunächst, eher zu Jom Kippur gepasst, weil wir am Versöhnungstag die vollständige Vergebung der Sünde des Goldenen Kalbes feiern.

Sohar »Machzor Vitri« (ein Kompendium der Liturgie und des Ritus jüdischer Gottesdienste an besonderen Feiertagen) erklärt die Verbindung zu Pessach mit Vers 1,9 des Hohelieds: »Einer Stute an den Wagen des Pharaos vergleiche ich dich, meine Freundin!« Und im kabbalistischem Buch »Sohar« wird erklärt, dass das Hohelied die ganze Tora, die Erzählung über die Sklaverei in Ägypten, alle anderen Unterdrückungen und alle Rettungen der Juden beinhaltet.

Eine schöne Erklärung, aus der wir vieles lernen können, bietet Rav Menachem-Michael Gitik (Israel) an: Wenn man die Erzählung im Hohelied betrachtet, dann kommt einem als Leser zunächst einiges komisch vor. Zuerst lesen wir im 3. Kapitel, wie die Braut ihren Bräutigam überall sucht und nicht findet. Im 5. Kapitel kommt der Bräutigam zu seiner Braut und klopft ans Fenster (5,2). Als die Braut schließlich bereit ist, die Tür zu öffnen und den Liebsten hereinzulassen, verschwindet er plötzlich (5,6): »Ich tat meinem Freunde auf; aber mein Freund war verschwunden, vorbeigegangen…«.

Wie soll man das verstehen? Das macht doch keinen Sinn! Sogar wenn wir die Erklärung unserer Weisen anwenden, diese Geschichte sei eine Beschreibung der Beziehung zwischen G’tt und dem jüdischem Volk, stellt sich die Frage: Warum verschwindet G’tt, wenn die Juden schon bereit sind, Ihn zu akzeptieren?

Omer Genau an dieser Stelle kommt Pessach ins Spiel. Denn speziell an Pessach bekommen wir von G’tt einen Impuls, der uns aufwecken soll. Und zwischen Pessach und Schawuot müssen wir uns durch das Zählen des Omer Mühe geben, um sieben Wochen nach dem Fest der Freiheit würdig zu sein, die Tora empfangen zu dürfen.

Denn die Tora sagt, dass es ab dem zweiten Tag von Pessach eine Mizwa ist, jeden Tag das Omer (wörtlich Garbe, ein Getreideopfer zu Zeiten des Tempels in Jerusalem) zu zählen: »Sieben Wochen sollst du dir zählen und damit anfangen¸ wenn man zuerst die Sichel an die Halme legt, und sollst das Wochenfest (Schawuot) feiern dem Herrn, deinem Gott, und eine freiwillige Gabe deiner Hand geben je nachdem, wie dich der Herr, dein Gott, gesegnet hat« (5. Buch Mose 16, 9-10).

Deshalb verschwindet der »Bräutigam« im Hohenlied! Er hat uns geweckt, und nun sind wir dran. Nun müssen wir uns auf das große Treffen am 6. Tag des jüdischen Monats Siwan, dem Schawuotfest, vorbereiten.

Dies kann man auch an den Sternzeichen ablesen, die wie alles in dieser Welt ihren Ursprung im Judentum haben. Das Sternzeichen des Monats Nissan, in dem wir Pessach feiern, ist der Widder. Und der Widder ist ein Tier, das nicht selbstständig ist, sondern geführt werden muss, also symbolisch für einen Impuls durch G’tt steht.

Zwillinge Das Sternzeichen des Monats Ijar wiederum (der Monat, in den die meisten Tage des Omerzählens fallen) ist der Stier. Der Stier ist ein Tier, das selbständig ist und wuchtige Fortbewegung symbolisiert (unsere eigene Arbeit während des Monats). Das Sternzeichen des Monats Sivan wiederum ist der Zwilling.

Zwillinge symbolisieren Parität und Ebenbürtigkeit: Endlich sind wir so weit, um G’tt auf Augenhöhe zu treffen.
Und wenn wir das heilige Buch »Schir haSchirim« an Pessach aufmerksam lesen und richtig deuten, wird unser geliebter »Bräutigam« nur sieben Wochen später auf uns warten und sich nicht mehr vor uns verstecken!

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinde zu Dessau und Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz.

Talmudisches

Die Zahl 80

Was unsere Weisen über die wahre Stärke im Alter lehren

von Avi Frenkel  07.05.2026

Redaktion

Die Menschen hinter der Jüdischen Allgemeinen

Wer textet und redigiert, gestaltet, illustriert und organisiert heute die Jüdische Allgemeine? 19 Menschen, neun Ressorts – wir stellen uns vor

 07.05.2026

Essay

Brandbeschleuniger Hass auf Israel: Der Gesetzgeber darf nicht länger wegschauen

Wer auf unseren Straßen »Tod Israel« ruft, kann bislang in der Regel ohne strafrechtliche Konsequenzen bleiben. Das zermürbt die Demokratie

von Volker Beck  07.05.2026

Medien

Worte wiegen schwer

Was dürfen Journalisten? Auch Pressekodex und Gesetz kennen Grenzfälle. In der jüdischen Ethik wirft der Chafetz Chaim einen interessanten Blick auf die Frage, was an die Öffentlichkeit gehört

von Mascha Malburg  07.05.2026

Behar–Bechukotaj

Vom Joch befreit

Wie der Ewige seinem Volk die Last der Unterdrückung nimmt

von Rabbiner Avraham Radbil  07.05.2026

Jubiläum

Starke Stimme

Vor 80 Jahren erschien die erste Ausgabe der Jüdischen Allgemeinen. Mehr denn je braucht es eine präsente und selbstbewusste jüdische Zeitung in Deutschland

von Philipp Peyman Engel  07.05.2026

Interview

Josef Schuster: »Juden und Muslime sind keine Erzfeinde«

Bald startet der Katholikentag in Würzburg. Mit dabei: der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster. Welche Tipps er für Gäste hat - und wie er auf Juden, Christen und Muslime in aufgeheizten Zeiten blickt

von Leticia Witte  06.05.2026

Meinung

Wir haben ein Problem – und wir müssen endlich darüber reden

Ein Weckruf über verfehlte Migration, ausländische Einflussnahme und das ohrenbetäubende Schweigen der »Progressiven«

von Jacques Abramowicz  05.05.2026 Aktualisiert

Israel

Feiern zu Lag BaOmer am Berg Meron eingeschränkt

An Lag BaOmer gedenken Juden des Aufstands gegen Rom. Zehntausende pilgern traditionell zum Berg Meron in Nordisrael. Kriegsbedingt dürfen dieses Jahr nur 600 kommen – doch Tausende umgehen die Sperren

 05.05.2026