Tischa beAw

Tröstender Besuch

Tischa beAw wird auch »Moed« genannt – weil wir an diesem Tag einen »Termin« mit G’tt haben. Foto: Thinkstock

Es gibt nur zwei Tage im ganzen Jahr, an denen wir 25 Stunden lang, von Sonnenuntergang bis zum Aufgang der Sterne am nächsten Tag, fasten. Das sind Jom Kippur und Tischa beAw, der 9. Aw. In diesem Jahr beginnt das Fasten von Tischa beAw heute Abend, und endet morgen Abend.

Diese Fastentage sind auch die einzigen Tage im Jahr, an denen es uns verboten ist, Lederschuhe zu tragen. Man könnte meinen, dass damit die Gemeinsamkeiten beendet sind. Schließlich ist Jom Kippur der höchste jüdische Feiertag und Tischa beAw der traurigste Tag, an dem wir um den Ersten und den Zweiten Tempel in Jerusalem weinen – der Tiefpunkt des jüdischen Jahres.

EICHA Jedoch stimmt das nicht ganz. In der »Megillat Ejcha« (Klagelieder), die laut unserer Tradition vom Propheten Jermijahu verfasst wurde, wird Tischa beAw »Moed« genannt. Und das ist verwunderlich, denn eigentlich werden mit dem Wort »Moed« nur die Feiertage bezeichnet.

Unsere Weisen sagen, dass diese Bezeichnung darauf hindeutet, dass in der Zukunft, wenn die messianische Ära eintritt, der Fastentag am 9. Aw zu einem Feiertag wird. Und dann soll es kein gewöhnlicher Jom Tow sein, sondern wohl der wichtigste und der bedeutendste aller Feiertage.

Laut dem Kabbalisten Arizal (Rabbi Yitzhak Ben Shlomo Luria Ashkenazi) gibt es in unserer Zeit schon neun Feste: Pessach, Lag BaOmer, Schawuot, Jom Kippur, Rosch Haschana, Sukkot, Schemini Azeret, Chanukka und Purim. Deshalb wird der 9. Aw in Zukunft der zehnte und letzte Feiertag sein.

Sefirot Bekanntlich hat die Zahl 10 in der Kabbala eine besondere Bedeutung: G’tt führt diese Welt durch zehn Sefirot (spirituelle Kanäle), die Vollkommenheit und Vollendung symbolisieren. Auch deshalb soll Tischa beAw in Zukunft das freudigste aller Feste sein.

Jedoch ist die Bezeichnung »Moed« für diesen Tag nicht nur eine schöne theologische Idee für die ferne Zukunft. Diese Eigenschaft hat auch in unseren Zeiten eine praktische Auswirkung: Obwohl wir fasten, trauern und auf dem Boden sitzen, sagen wir an diesem Tag trotzdem kein »Tachanun«-Gebet, das an freudigen Anlässen ausgelassen wird. Warum das, wenn doch dieser Trauertag zurzeit noch gar kein Feiertag ist?

Termin Das Wort »Moed« wird in der Megillat Echa für Tischa beAw natürlich nicht zufällig benutzt, sondern weist auf eine wichtige Eigenschaft dieses Tages hin. Eigentlich gibt es auch andere Bezeichnungen für einen Feiertag in der heiligen Sprache außer »Moed«, nämlich »Chag«, »Jom Tow« oder auch »Mikra Kodesch«. Jedoch hat »Moed« eine besondere Bedeutung – man könnte diesen Begriff auch als »Verabredung« und »Termin« übersetzen. In Bezug auf die Feiertage kann man ihn so verstehen: G’tt hat uns einen »Termin« gegeben, um zu Ihm zu kommen und Ihn zu treffen, zu einer ganz bestimmten Zeit. Deshalb besteht während unserer Feste die Möglichkeit, ultimative Nähe zu G’tt zu erreichen.

Doch Tischa beAw scheint in dieser Hinsicht ein totaler Gegensatz zu diesem »Termin« zu sein, denn an diesem Tag erreichen unsere Trauer und unser Leiden einen absoluten Tiefpunkt. Was kann das mit »Moed« zu tun haben? Unsere Weisen geben uns einen sehr ungewöhnlichen Einblick in dieses Thema: Auch dieser Moed ist ein Treffen mit G’tt, jedoch diesmal kommen nicht wir zu G’tt, sondern G’tt kommt zu uns, um uns zu trösten und zu stärken.

Ein solches Treffen mit G’tt ist natürlich nicht ideal. Wir sollen uns mit dieser Art von »Besuch« nicht zufriedengeben und uns die Verwandlung dieses Trauertages in ein Fest wünschen. Jedoch reicht reines Wünschen sicherlich nicht. Wir müssen uns Mühe geben, etwas zu ändern und uns die messianische Zeit zu verdienen.

Kamza Bekanntlich wurde der Zweite Tempel in Jerusalem wegen grundlosen Hasses (»Sinat Chinam«) zerstört. Der Talmud bringt im Traktat Gitin eine bekannte Geschichte als Beispiel dafür. Ein reicher und nobler Jerusalemer Bürger hielt einst eine große und prunkvolle Mahlzeit ab. Unter anderem hatte er auch seinen Freund Kamza eingeladen. Jedoch verwechselte der Bote den Namen und lud statt Kamza einen Bar Kamza ein, der unglücklicherweise mit dem Veranstalter verfeindet war.

Als der zufällig eingeladene Bar Kamza zur Mahlzeit eintraf, sah ihn der Gastgeber und wurde wütend. Er verlangte, dass Bar Kamza sein Haus sofort verlassen sollte. Für Bar Kamza war das sehr beschämend, weil viele prominente Gäste bei der Mahlzeit anwesend waren. Er bat den Gastgeber um die Erlaubnis zu bleiben und bot an, die Hälfte der Kosten für diese Mahlzeit zu übernehmen. Jedoch bestand der Gastgeber weiterhin darauf, dass sein Feind sofort weggehe. Daraufhin schlug der verzweifelte Bar Kamza vor, die Kosten für die ganze Mahlzeit zu übernehmen, um nur nicht gedemütigt zu werden. Jedoch blieb der Gastgeber hart und vertrieb Bar Kamza aus seinem Haus.

Rav M. Gitik (Jerusalem) bemerkt in dieser Geschichte ein Detail, das das ganze Ausmaß der Verkommenheit dieser Gesellschaft aufdeckt: Wenn der Gastgeber einfach nur verärgert über Bar Kamza war, hätte er mit seinem Angebot, diese prachtvolle und teure Veranstaltung zu bezahlen, hochzufrieden sein können. Denn je mehr die Gäste gegessen und getrunken hätten, desto höher wäre die Rechnung. Jedoch war sein Hass so abgrundtief, dass für ihn die Beschämung des Feindes wichtiger war als eventuelle materielle Verluste.

Feindschaften Das ist genau das Thema, das uns beim Fasten am 9. Aw beschäftigen soll: Pflegen vielleicht auch wir Feindschaften, die seit Jahren schwelen und keinen Sinn mehr machen? Wäre es nicht an der Zeit, diese Konflikte zu beenden? Denn die Streitereien, die es leider auch heutzutage unter Juden gibt, schwächen uns mehr als alle unsere Feinde zusammen.

Aber solche Gedanken können wir uns nur dann ernsthaft machen, wenn wir an diesem nach wie vor traurigen Tag fasten und auf dem Boden sitzen. Erst dann können wir verstehen, dass uns etwas fehlt, dass solche Feindschaften uns Kraft und Freude nehmen. Und wenn wir diesen Tag richtig nutzen, wird G’tt uns gern besuchen, trösten und Mut zur Versöhnung spenden.

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinde zu Dessau und Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz (ORD).

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