Talmudisches

Sünde oder Heiligkeit?

Früher waren individuelle Fasttage üblich. Dies konnte verschiedene Gründe haben, etwa eine plötzlich eintretende Notlage oder ein Übel verheißender Traum. Foto: Thinkstock

Talmudisches

Sünde oder Heiligkeit?

Was die Rabbinen von freiwilligem Fasten hielten

von Netanel Olhoeft  15.05.2017 17:13 Uhr

Das jüdische Rechtssystem, die Halacha, gibt verschiedene öffentliche Fasttage vor, die sich je nach ihrem Hintergrund in ihrer Strenge voneinander unterscheiden. Da wären der von der Tora eingesetzte Jom Kippur und daneben die vier Tage der Trauer um die Zerstörung des Tempels und Jerusalems, deren Höhepunkt Tischa BeAw ist. In kleinerem Maße gibt es auch sekundäre, brauchtümliche Gemeinschaftsfasttage, zu deren bekannteren Taanit Esther vor Purim sowie das Fasten der Erstgeborenen vor Pessach gehören.

Allerdings lernen wir von unseren Weisen, dass einst auch individuelle Fasttage üblich waren, das heißt, ein einzelner Jude fastete ohne gemeinschaftlichen Rahmen oder Anlass. Dies konnte verschiedene Gründe haben, darunter etwa eine plötzlich eintretende Notlage oder ein Übel verheißender Traum in der Nacht.

König David Bestimmte Fromme pflegten auch reguläre Privatfastentage, wie die Tradition etwa von König David berichtet, der mancher Meinung nach durch das Fasten seinen bösen Trieb besiegte.

Im Traktat Taanit (11ab) beschäftigt sich die Gemara ausführlich mit der Frage nach der Wertigkeit und dem Sinn solcher Privatfastentage. Die Rabbinen diskutieren darüber, ob diese Art Fasten als löbliche oder schädliche Handlung zu bewerten sei.

Auf der einen Seite stehen Schmuel, der Rosch Jeschiwa von Nehardea, und der spätere Amoräer Raw Scheschet. Beide lehnen das ausufernde Fasten ab. So sagt Schmuel: »Ein jeder, der fastet, wird Sünder genannt.« Das radikal erscheinende Gegenstück dazu ist die Meinung des Tannaiten Rabbi Elasar. Er sagte über denjenigen, der individuell fastete: »Ein solcher wird Heiliger genannt.«

Wie der Talmud erklärt, kann man beide Positionen vom Fall des Nasir ableiten, einem asketischen Mann, dem die Tora erlaubt, sich bestimmter Dinge wie dem Weingenuss freiwillig zu enthalten (4. Buch Mose 6).

Nasir Die Tora versieht den Nasir sowohl mit dem Prädikat der »Heiligkeit« als auch der »Sünde«. Nach Schmuel überwiegt die »Sünde« der Abstinenz. Die »Heiligkeit«, argumentiert Schmuel, sei nur auf den kronenhaft anmutenden Haarwuchs des Nasirs bezogen.

Der Gegenseite zufolge ist der Stand des Nasirs jedoch an sich heilig. Und das Attribut »Sünde« beziehe sich nur auf etwaige Vergehen des Nasir.

Die Fastenbefürworter schließen daraus: »Wenn schon jemand Heiliger genannt wird, der sich nur einer einzigen Sache (des Weins) enthält, umso mehr (ist doch dann) derjenige (ein Heiliger), der sich aller Nahrung enthält.«

Ihre Kontrahenten ziehen daraus eine ganz andere Schlussfolgerung: »Wenn schon jemand Sünder genannt wird, der sich nur einer einzigen Sache enthält, umso mehr (ist doch) dann derjenige (ein Sünder), der sich aller Nahrung enthält.«

Diesen Zusammenstoß der Ansichten bemühen sich unsere Weisen sodann, ein wenig aufzulockern. So erklärt der große Gelehrte Resch Lakisch, dass ein Fastender durchaus ein Chassid, also ein ausgezeichneter Frommer, ist – doch solle er mit dem Fasten aufhören, wenn dadurch seine Körperkraft abnehme und ihm das Toralernen zunehmend schwerfalle.

Einen tiefer gehenden Ausgleich findet die Gemara schließlich in einem Ausspruch Rabbi Elasars: »Stets betrachte der Mensch das Innere seines Körpers so, als würde Heiligkeit in ihm weilen.« Dies impliziert: Er soll dem Körper nichts von dem entziehen, was ihm zusteht.

Doch wie ist dies vereinbar mit Rabbi Elasars früherem Lehrsatz, dass die Heiligkeit eben gerade durch das Fasten erst Einzug halte? Die Lösung des Talmuds: »Durchschnittlichen« Menschen ist das übermäßige Fasten nicht zu empfehlen, da sie dadurch keinen geistigen Vorteil erlangen, sondern eher Schaden erleiden könnten.

Den großen Toragelehrten erschien eine leichte Neigung zur Abstinenz im Alltag jedoch durchaus angemessen. Denn an anderer Stelle im Talmud lehren sie: »Brot mit Salz und Wasser nach Maß – das ist die Weise der Tora« (Awot 6,4).

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