Teschuwa

Schul statt Couch

Nach Jom Kippur können wir geläutert wieder von Neuem ansetzen. Foto: Rafael Herlich

An den Hohen Feiertagen sind die Synagogen so voll wie sonst nie im Jahr. Zu diesem Phänomen gibt es zwei Ansichten: Nach der einen sind die Hohen Feiertage die ungünstigste Gelegenheit, wieder einmal einen jüdischen Gottesdienst zu erleben, weil man gerade dann mit einer Überdosis an Religion konfrontiert wird. Nach der anderen, auch von mir vertretenen Ansicht sprechen gerade Rosch Haschana und Jom Kippur ein tiefes seelisches Bedürfnis an.

Tatsächlich sind die Hohen Feiertage so etwas wie eine Therapie. Begriffe wie »Cheschbon Nefesch« (Bilanz der Seele), »Teschuwa« (Umkehr) oder »Kippur« (Sühne, Läuterung) bezeichnen seelische Prozesse, die in jeder erfolgreichen Psychotherapie stattfinden. Es beginnt mit den »Selichot« (Entschuldigungsgebeten) im vorangehenden Monat Elul.

instanz Manche mögen ein Problem mit der Auffassung von Gott als richterlicher Instanz über uns haben. Ihnen entspricht vielleicht eher die Vorstellung, dass jeder Mensch im Ebenbild Gottes erschaffen ist. Danach ist es gerade auch das tiefere Selbst in uns, das einen Anteil an Gott hat – und somit an der beurteilenden Instanz.

Das hebräische Wort für »Sünde« bedeutet »Verfehlung«. Wenn wir sündigen, verfehlen wir diesen göttlichen Anteil – sowohl in uns selbst als auch bei den anderen. Modern gesprochen, ist das die Menschenwürde. Zu sündigen heißt somit: dem Anspruch unserer Würde und der Würde der anderen nicht gerecht zu werden.

Es bleibt im Gottesdienst jedoch nicht nur bei Entschuldigungsgebeten. Vielmehr begeben wir uns in einen seelischen Prozess, der uns fähiger machen soll, dem göttlichen Anteil in uns und in den anderen gerecht zu werden. Das ist die Teschuwa, die Umkehr, die Erneuerung unserer Beziehung zu Gott, soweit wir sie durch die Gottesebenbildlichkeit erfahren können.

Mit dem Monat Tischri kommt dieser Prozess in seine intensive Phase. Wer an Rosch Haschana das Schofar hört, erlebt geradezu physisch, wie der Ton aus dem tiefsten Urgrund die Nebel um die Seele aufbricht. Mit jedem Schofarton wird die Seele tiefer aufgerüttelt, und der seelische Prozess kann fortschreiten.

Schofar Es gibt drei Serien von Schofartönen. Sie haben jeweils einen eigenen Namen: Malchujot (Königstum), Sichronot (Erinnerung) und Schofarot (Aufbruch). Jede Serie bezeichnet ein seelisches Stadium: Im traditionellen Gottesdienst werden zu Malchujot zehn Verse aus der Hebräischen Bibel gelesen, die die Herrschaft Gottes bekräftigen. Damit ist aber auch die Souveränität von Gottes Ebenbild in jedem Einzelnen von uns ausgedrückt. Unser Anteil am göttlichen Ebenbild soll wieder souverän werden!

Zu Sichronot werden Verse gelesen, in denen sich Gott »erinnert«. Und auch wir erinnern uns. Der Gründer des Chassidismus, der Baal Schem Tow (1700–1760), sagte: »Vergessen verlängert das Exil, in der Erinnerung liegt das Geheimnis der Erlösung.« Indem wir uns erinnern, können wir die Gründe für unser Unvermögen erkennen. Damit werden wir bereit für das dritte Stadium, den Aufbruch – die Schofarot.

Der an Rosch Haschana zu einem ersten Höhepunkt gebrachte seelische Prozess steigert sich noch an Jom Kippur. Das stimmungsvolle Eingangsgebet »Kol Nidre« heißt »Alle Gelübde …«. Mit ihm lösen wir die Gelübde auf. Das Kol Nidre hatte im Laufe der Jahrhunderte verschiedene Fassungen.

Dank Rabbiner Jakob Tam (1100–1171), dem Enkel Raschis, setzte sich liturgisch das Augenmerk auf die Zukunft durch. Was zunächst paradox erscheint, spiegelt ein tiefes Wissen um seelische Vorgänge. Nicht am Vergangenen soll die Seele haften, sondern in die Zukunft hinein wirken. Nicht die Gelübde der Vergangenheit, an denen nichts mehr zu ändern ist, werden aufgelöst – sondern solche, die bis zum nächsten Jom Kippur die Seele vorschnell binden und die Teschuwa behindern könnten.

Verantwortung Teschuwa heißt »Umkehr« und »Reue«. Aber Teschuwa heißt auch »Antwort« – die Art von Antwort, die zu mehr Verantwortung befähigt. Es geht nämlich nicht nur um das individuelle Seelenheil, sondern auch um die größere gesellschaftliche Dimension. Über das Morgengebet an Jom Kippur schreibt der liberale Rabbiner Jonathan Magonet: »Dies ist der Punkt, an dem sich unsere eigene, individuelle Persönlichkeit mit der Persönlichkeit Israels verbindet.«

Auch der orthodoxe Rabbiner Joseph Dov Soloveitchik hebt in seinem Buch On Repentance (Über die Reue) die Zweiseitigkeit der Teschuwa hervor. Wir sühnen nicht nur als einzelne Menschen, sondern immer auch kollektiv, als ganzes Volk Israel. Das spiegelt die Amida – das Gebet, bei dem wir stehen. Erst spricht sie jeder leise für sich selbst, dann wird sie gemeinsam laut wiederholt. An Jom Kippur enthält die Amida verschiedene Zusätze, vor allem das Al Chet, das Sündenbekenntnis mit den langen Listen von Sünden. Jeder geht sie einmal individuell durch und prüft sich selbst; dann werden die Sünden bei der Wiederholung kollektiv auf das ganze Volk bezogen. Der damit angesprochene innere Zusammenhang besagt, dass wir sowohl als einzelne Juden als auch als jüdisches Volk in dieser Welt verantwortlich sind.

Nach Jom Kippur können wir geläutert wieder von Neuem ansetzen. Wir bauen erst einmal Hütten – also »Sukkot« –, in denen wir uns sieben Tage an der Schöpfung und ihren Früchten erfreuen, wir versammeln uns als geläutertes Volk Israel am achten Tag zu Schemini Azeret und sind fähig, die Tora neu zu empfangen. Das feiern wir an Simchat Tora – dem Abschluss dieser intensiven seelischen Reise, auf der wir Jahr um Jahr unseren Anteil an der Gottesebenbildlichkeit stärken und erneuern.

Die Autorin ist Rabbinerin des Egalitären Minjans in Frankfurt/Main.

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