Schofar

Resonanz der Seele

Doppelt hält besser. Foto: Flash 90

Eine Aura der Ehrfurcht und der Heiligkeit umgibt das Schofar. Sein Ton kann Herzen aus Stein erschüttern und ganze Schichten seelischer Trägheit fortspülen. Sein Ruf führt uns an Orte in uns selbst, die mit keinem anderen Mittel zu erreichen sind.

Der Baal Schem Tow sagt: »Im Palast des Königs gibt es viele Kammern, und für jede braucht man einen anderen Schlüssel. Es gibt aber ein Werkzeug, das alle Türen öffnet – die Axt. Das Schofar ist eine Axt. Wenn ein Mensch vor Gott leidenschaftlich sein Herz öffnet, kann er jedes Tor im Palast des Königs der Könige sprengen.« Für den Baal Schem Tow ist das Schofar ein emotionaler, intuitiver Zugang zu den verborgensten Nischen unseres Herzens.

SChall Dem scheint König David zu widersprechen: »Glücklich das Volk, das den tru’ah (d.h. den Schall des Schofars) kennt«, heißt es in Psalmen 89,16. Nicht: »Glücklich das Volk, das den tru’ah hört.« Die Betonung liegt auf dem Intellekt: Wir müssen unseren Verstand bemühen, wenn das Schofar uns wirklich Nutzen bringen soll.

Ist das Schofar also nun ein emotionales, intuitives Erlebnis, wie der Baal Schem Tow sagt, oder ist es, wie die Worte König Davids nahelegen, eine geistige Erfahrung?

Eine Parabel des Dubner Maggid bringt uns der Antwort vielleicht näher. Ein armer Bauer hat einen reichen Onkel. Eines Tages lädt der Onkel den Bauern ein, ihn zu besuchen. Bei seiner Ankunft wird er in einen großen Speisesaal geführt. Während sie sich unterhalten, nimmt der Onkel ein Glöckchen aus Messing und läutet. Sofort erscheint ein Trupp Diener mit Tabletts voller Speisen. Nie zuvor hat der Bauer solch verführerisches Essen gesehen.

Die Diener kehren in die Küche zurück, Onkel und Neffe setzen ihre Unterhaltung fort. Kurze Zeit später klingelt der Onkel erneut, wieder erscheinen die Diener mit Essen. So geht es den ganzen Abend. Bei jedem Klingeln des Glöckchens bringen Diener neues Essen. Der arme Bauer wird immer sprachloser.

Auf dem Heimweg geht er in einen Laden und weckt, zu Hause angekommen, seine Frau: »Ich habe gerade mit unseren letzten Groschen etwas Wundervolles gekauft.« Und er holt aus seinem Beutel ein Messingglöckchen, das dem seines Onkels ähnelt.

Signal »Das«, sagt der Bauer, »ist eine Zauberglocke. Ich brauche sie nur zu läuten, und sofort kommen Diener und bringen uns leckerste Speisen, so viele, wie wir wollen.« Natürlich hatte das Glöckchen keine magische Kraft. Es funktionierte nur, um Diener herbeizurufen, die bereits auf dieses Signal warteten.

Mit dem Schofar ist es genauso. Damit es wirken kann, müssen wir vorher an uns selbst arbeiten. Wenn die innere Bereitschaft, auf den Klang des Schofars zu reagieren, nicht in uns vorhanden ist, ist seine Fähigkeit, uns zu bewegen, nicht größer als die der »Zauber«-Glocke des Bauern, Essen herbeizuschaffen.

Deshalb betont König David, wie wichtig es ist, den tru’ah zu »kennen«. Wir müssen uns selbst in die richtige Geistesverfassung versetzen, damit das Schofar seine Wirkung entfalten kann. Deshalb blasen wir das Schofar am Morgen jedes Wochentags während des Monats Elul bis zum Tag vor Rosch Haschana: um uns für seine Botschaft zu sensibilisieren.

erwachen Diese Botschaft formuliert Maimonides so: »Schlafende! Wacht auf aus eurem Schlaf! Schlummernde! Wacht auf aus eurem Schlummer! Prüft eure Taten. Gedenkt eures Schöpfers und tut Teschuwa …«

Teschuwa, oft mehr schlecht als recht mit »Buße« übersetzt, bedeutet wörtlich »Rückkehr« – zurückzukehren auf den Weg der in der Tora definierten ethischen Grundsätze und Spiritualität. Manchmal bezieht sich unsere Teschuwa nur auf ein bestimmtes Fehlverhalten und dringt nicht wirklich zu den Wurzeln des Problems vor.

Das Schofar erinnert uns daran, uns mit dem Kern der Sache zu befassen – »des Schöpfers zu gedenken«, wie Maimonides sagt. Jede Sünde ist letztendlich eine Art des Vergessens: Wir vergessen, dass wir in der Gegenwart Gottes leben. Teschuwa bedeutet, zur Wurzel des Problems vorzudringen und unser Bewusstsein von Gott zu vertiefen.

Hören Deshalb lautet die Bracha für das Schofar: »Gesegnet seist Du … der uns geboten hat, die Stimme des Schofars zu hören.« Nicht »das Schofar zu blasen« (lit’koa), sondern »das Schofar zu hören« (lischmoa). Wir müssen es hören. Sein Schall muss in den verborgensten Kammern der vergessenen Tiefen unserer Seele widerhallen.

Gott, der den ersten Menschen an Rosch Haschana schuf, formte ihn zunächst »aus dem Staub der Erde«. Der Mensch war rein körperlich. Danach aber, so die Tora, hauchte Gott ihm den »Lebensatem« ein – und der Mensch wurde ein spirituelles Wesen. Das Schofar zu hören, heißt, wieder in Kontakt mit unserem Seelen-Selbst zu kommen, unserer tiefsten, ursprünglichen Gestalt, geschaffen »b’tzelem Elokim«, im Ebenbild Gottes.

Gekürzter Abdruck mit freundlicher Genehmigung von www.aish.com

Antwerpen

Belgien: Empörung über Anklage gegen jüdische Beschneider

Wegen Anklagen gegen zwei jüdische Beschneider kritisieren jüdische Vertreter die belgischen Behörden scharf. Die European Jewish Association wirft der Staatsanwaltschaft vor, die Religionsfreiheit zu verletzen - Belgien weist dies zurück

von Marlene Brey  27.05.2026

Nasso

Raum für die g’ttliche Präsenz

Warum das Lesen dieses Wochenabschnitts beim Finden eines Ehepartners hilfreich sein soll

von Vyacheslav Dobrovych  24.05.2026

Essay

Erinnerungen an Schawuot in Be’eri

Unsere Autorin ist in dem Kibbuz aufgewachsen, der durch das Massaker traurige Bekanntheit erlangte. Eines der prägendsten Feste ihrer Kindheit war das Wochenfest – wird jene Freude je wieder zurückkehren?

von Eshkar Eldan Cohen  21.05.2026

Schawuot 2

Mit offener Hand

Das Gebot des Zehnten ist weit mehr als eine soziale Maßnahme. Es ist eine geistige Übung

von Rabbiner Joel Berger  21.05.2026

Jerusalem

Auf den Spuren der Pilger

Seit Januar kann man auf jener Straße gehen, auf der zu Schawuot einst Juden ihre Früchte zum Tempel brachten. Die Ausgrabungen bekräftigen religiöse Überzeugungen – und entfachen politische Konflikte

von Detlef David Kauschke  21.05.2026

Schawuot

Sei wie ein kleiner Berg

Der Ewige wählte nicht den höchsten Gipfel der Wüste Sinai für die Offenbarung der Tora. Dahinter steckt eine Botschaft

von Rabbiner Avraham Radbil  21.05.2026

Religionen

Rabbiner: Juden, Christen und Muslime können einander stärken

Der Nahostkrieg hat auch Auswirkungen auf Gesellschaften in Europa und den USA. Ein niederländischer Rabbiner schreibt, was Juden, Christen und Muslime dennoch einander bedeuten können - und welche Werte sie teilen

von Leticia Witte  21.05.2026

Interreligiöser Dialog

Evangelische Kirche und Zentralrat der Juden wollen mehr Austausch

Evangelische Kirche und Zentralrat der Juden wollen sich intensiver austauschen. Am Mittwoch kamen Delegationen in Berlin zusammen, um einen festen Turnus festzulegen

 20.05.2026

Fest

Magdeburger Synagogen-Gemeinde hat neue Torarolle eingeweiht

Mit dem Fest der Toravollendung konnte die neue Torarolle der Magdeburger Synagogen-Gemeinde eingeweiht werden. Traditionell wurden die 5 Bücher Mose von einem Sofer genannten Schreiber in Israel angefertigt

von Thomas Nawrath  20.05.2026