NS-Zeit

»Papst der Deutschen«? »Papst der Juden«?

Pius XII. (bürgerlicher Name: Eugenio Pacelli) war von 1939 bis zu seinem Tod 1958 Papst. Foto: imago

Zwischenergebnisse zur Forschung über Papst Pius XII. (1939-1958) haben Historiker am Mittwochabend in Rom vorgestellt. Rund ein Jahr nach Öffnung der vatikanischen Archive zu dessen Pontifikat lasse sich schon sagen, dass weder das Klischee vom »Papst der Deutschen« noch das vom »Papst der Juden« zutreffe, so die Historikerin Nina Valbousquet von der Ecole francaise in Rom. Um ein Pontifikat zu beurteilen, müsse die Forschung über die jeweilige Person des Papstes hinausschauen und den Apparat des Vatikan betrachten.

Mit der Archivöffnung Anfang März 2020 sei dies nun gut möglich, so Valbousquet. So habe etwa der damalige Nuntius im besetzten Frankreich die von den Deutschen erlassenen Judengesetze in weiten Teilen begrüßt. Damit würde, so Nuntius Valeri, der schädliche Einfluss dieses Volkes zurückgedrängt, schrieb er an das Staatssekretariat.

Dagegen hätten etwa ein einfacher Ordensmann oder auch Bischof Pierre-Marie Theas von Montauban das weitgehende Schweigen von Kirchenvertretern zu den Deportationen kritisiert. Der katholische Philosoph Jacques Maritain schrieb 1945 an das Staatssekretariat, nach Kriegsende könne der Papst über die Gräuel der Kriegszeit frei sprechen. Im Antwortbrief vom 19. Juli 1945 hieß es, Pius XII. habe doch oft genug auf das Unrecht an Menschen, die wegen ihrer Rasse oder ihres Glaubens verfolgt wurden, hingewiesen. Die Frage des Schweigens müsse man im damaligen Kontext sehen, so Valbousquet.

Nach Ansicht von Simon Unger-Alvi vom Deutschen Historischen Institut in Rom braucht eine differenzierte Antwort auf diese »so bedeutsame Frage« noch Zeit. Dass der Papst aus Briefen sowie von Juden in Rom, die in Kirchen und Klöstern Zuflucht fanden, informiert war, sei inzwischen klar. Bei dem von der Deutschen und der Französischen Vatikan-Botschaft organisierten Gespräch trugen Valbousquet, Unger-Alvi wie auch die italienische Historikerin Lucia Ceci Ergebnisse eines vorausgegangenen Fachkongresses vor.

Unger-Alvi wies auf die Rolle des Pontifikats Pius‘ XII. bei der europäischen Einigung hin. Während Frankreich etwa ein neutrales entwaffnetes Deutschland favorisierte, habe sich der Heilige Stuhl im Sinne Konrad Adenauers klar für die Westbindung der Bundesrepublik eingesetzt. Das Bündnis von CDU und Vatikan sei etwa eine Grundlage der demokratischen Grundordnung und sozialen Marktwirtschaft gewesen.

Ceci erwartet weitere Forschungsimpulse auch durch Historiker aus anderen Kontinenten sowie einen Generationswechsel in ihrer Zunft. Dies gelte insbesondere für die Rolle der Kirche unter Pius XII. bei der Entkolonialisierung. Gleichzeitig warnte sie vor weiterem »Sensationalismus«. Dieser habe eine differenziertere Betrachtung erschwert und andere wichtige Aspekte des Pontifikats von Eugenio Pacelli überdeckt.

Justiz

Ehemaliger Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Berlin verurteilt

Das Amtsgericht Tiergarten verurteilte den Angeklagten wegen eines sexuellen Übergriffs und sexueller Nötigung zu 10 Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung

 23.01.2026

Talmudisches

Von hellen Tagen und dunklen Nächten

Was unsere Weisen über die Bedeutung von Licht und Dunkelheit lehren

von Vyacheslav Dobrovych  23.01.2026

Chidon Hatanach

Unser Fundament

Der Bibelwettbewerb, der nun in München in eine neue Runde geht, erinnert an den Kern der jüdischen Seele – die Texte der heiligen Schrift

von Rabbiner Dovid Gernetz  23.01.2026

Rezension

Eine Liebe in »bitterböser Zeit«

Die Briefe von Joseph Norden an Regina Jonas eröffnen einen völlig neuen Blick auf die erste Rabbinerin der Welt

von Mascha Malburg  23.01.2026

Bo

Funke der Hoffnung

Die Tora lehrt, wie wir auch in schweren Zeiten nie Glauben und Zuversicht verlieren

von Rabbiner Netanel Olhoeft  22.01.2026

Der Eruv kann auch teilweise aus ergänzten bei der Sigi-Feigel-Terrasse

Schweiz

Ein Eruv für Zürich

Unsichtbar im Stadtbild, spürbar im religiösen Alltag. Die größte jüdische Gemeinschaft der Schweiz spannt einen symbolischen Faden – und macht jüdisches Leben sichtbarer

von Nicole Dreyfus  20.01.2026 Aktualisiert

Talmudisches

Schlechter Atem als Scheidungsgrund

Was unsere Weisen über Mundgeruch wussten

von Detlef David Kauschke  16.01.2026

Rabbi Schalom Scharabi

Jedes Wort eine Intention

Der jemenitische Raschasch ist in unseren Breitengraden kaum bekannt. Dabei hat er schon im 18. Jahrhundert gelehrt, was auch heute wieder gefragt ist: ganz bewusst zu leben – und zu beten

von Vyacheslav Dobrovych  16.01.2026

Waera

Wahre Größe

Mosche blieb stets bescheiden – und ist damit ein Vorbild an vollkommener Demut

von Aviezer Kantor  15.01.2026