Zeugnisse

Mit ganz viel Liebe

Wenn das Kind unsere (und auch seine eigenen) Erwartungen nicht erfüllt, sollten die Eltern zunächst seine individuellen Stärken betonen. Foto: Getty Images

Zum Schuljahresende sind die Zeugnisse der Kinder eines der Themen, die uns Eltern und Pädagogen umtreiben: Sollten wir die Kinder für gute Noten belohnen oder eher nicht? Und was ist, wenn die Leistungen nicht wie erwartet sind? Sollten wir streng sein, um die Kinder zu motivieren? Oder führt das eher zum Gegenteil? Auch mich als Pädagoge an einer jüdischen Schule beschäftigen diese Fragen, und ich habe in unseren Schriften viele kluge Antworten darauf gefunden.

Die jüdischen Texte zur »guten Erziehung« stellen häufig eine übergeordnete Frage, mit der wir uns vorab beschäftigen sollten: Wie muss ein Zuhause aussehen, in dem unsere Kinder so aufwachsen können, dass sie sich wohl und sicher fühlen und ihre Talente entwickeln können?

Vorbilder für unsere Kinder

Die Grundvoraussetzung für eine gute Erziehung ist, dass wir Erwachsene selbst als Vorbilder für unsere Kinder fungieren. Die Weisen des Talmuds sagen in Traktat Sukka 56b: »Die Sprache eines Kindes auf dem Markt kommt entweder von seinem Vater oder von seiner Mutter.«

Noch deutlicher sehen wir es bei Schimschon (Richter 13, 2–4): Dort teilt ein Engel einem Vater mit, dass sein Kind ein Nasiräer sein wird. Dies sind Menschen, die G’tt gegenüber einen besonderen Eid leisten und auf viele Dinge verzichten, die Juden eigentlich erlaubt sind. Der Engel sagte dem Vater, dass nun auch er aufpassen solle, keinen Wein zu trinken und nicht unrein zu werden. Dabei würden diese Regeln eigentlich nur für das Kind gelten. Warum sagte der Engel dann zum Vater, dass er selbst ebenfalls darauf achten müsse? Der Vater soll eben seinem Kind als Beispiel dienen.

Um unsere Kinder gut zu erziehen, erziehen wir an erster Stelle uns selbst.

Dies ist eine äußerst wichtige Lehre für uns Eltern: Um unsere Kinder zu erziehen, erziehen wir an erster Stelle uns selbst. Es ist offensichtlich, dass diejenigen Eltern, die wirklich das Beste für ihre Kinder wollen, ständig darum bemüht sind, sich selbst zu verändern und zu verbessern – nicht nur für das eigene Wohl, sondern mit dem Zweck, dass die Kinder keinesfalls etwas Falsches von ihnen lernen.

Jedes Kind sollte die Möglichkeit haben, in einer Umgebung aufzuwachsen, in der es viel Freude gibt, wo es Bezugspersonen gibt, die mit Freude und Verständnis auf das Kind zugehen und dafür sorgen können, dass die körperliche und seelische Gesundheit gewährleistet ist.

Jedes Kind eine Welt für sich

Dabei steht stets im Vordergrund, dass man jedes Kind ganz speziell gemäß den jeweiligen Bedürfnissen erziehen muss. Wie König Schlomo im Buch Mischlei 22,6 sagt: »Erziehe den Jungen nach seiner Weise, auch wenn er alt wird, weicht er nicht davon ab.« Unsere Weisen erklären, dass jedes Kind eine Welt für sich ist, und als Lehrer oder Eltern tragen wir die Verantwortung, diese Welt zu erkennen, seine individuellen Fähigkeiten zu fördern und es auf den für ihn richtigen Weg zu bringen.

Maimonides, der Rambam (1138–1204), schreibt in seinem Kommentar zur Mischna Sanhedrin 10,1 ganz explizit, dass man schon kleinen Kindern kleine Geschenke, zum Beispiel Süßigkeiten, geben kann, um sie zu motivieren, oder später auch etwas, was dem Alter entsprechend anfeuert.

Natürlich gehört zur richtigen Erziehung auch, den Kindern neben viel Liebe und positiven Emotionen entsprechende Grenzen aufzuzeigen, für das Wohl des Kindes. Der bekannte Rabbiner Samson Raphael Hirsch (1808–1888) sagte in Bezug auf die Kindererziehung, man solle für seine Kinder alles Mögliche tun und könne ihnen vieles erlauben unter der Bedingung, dass diese Sachen nicht schädlich sind, weder körperlich noch seelisch.

Dort aber, wo wir sie vor einem Schaden bewahren müssen, sollten wir streng sein. So werden unsere Kinder im Laufe der Zeit für sich selbst lernen, auf ihre Körper und Seelen achtzugeben.

Am Ende ist es diese Balance, die eine gute Erziehung ausmacht: So heißt es in Sanhedrin 107b, dass man die Menschen mit der linken Hand wegtreiben und mit der rechten Hand nahebringen soll. Die rechte Hand steht für die Liebe, die linke dafür, Grenzen aufzuzeigen. So fällt es jedem Kind ein bisschen leichter, auch einmal ein Nein zu akzeptieren.

König Schlomo betont, dass man jedes Kind nach seiner Weise erziehen soll.

Wir als Eltern wünschen uns für unsere Kinder Erfolg im Leben, und wir erwarten gute Leistungen, auch bei den Schulnoten. Manchmal werden unsere Erwartungen nicht mit den Leistungen der Kinder übereinstimmen. All die aufgelisteten Grundsätze sollten wir uns dann zu Herzen nehmen: viel Liebe und positive Emotionen schenken, jedes Kind nach seinen Möglichkeiten fördern und dort Grenzen setzen, wo für das Kind ein Schaden droht.

Das Kind sollte wissen, dass Leistung wichtig ist, aber dass es ganz unabhängig davon von den Eltern geliebt wird. Auch wenn es möglicherweise unsere (oder seine eigenen) Erwartungen nicht erfüllt hat, sollte man sich auf das konzentrieren, was es erreicht und geschafft und welche Fortschritte es bereits gemacht hat. Gleichzeitig sollte man ihm zeigen, dass es bestimmte Lücken gibt, die noch aufgefüllt werden können.

Weder sollte man jemals einem Kind sagen, dass man nicht an es glaubt, dass es dumm ist oder etwas nie schaffen wird – da sind sich sicherlich alle Pädagogen einig. Im Gegenteil, es ist wichtig, Kinder zu motivieren, ihren Lernprozess hervorzuheben und ihnen mehr zuzutrauen, als sie es selbst tun.

Jedes Kind hat seine eigenen Stärken, auch wenn sie manchmal nicht sofort für alle zu sehen sind. Unsere Aufgabe als Eltern ist es, die Talente unserer Kinder individuell zu erkennen und sie zu motivieren, diese zu stärken.

Der Autor ist Rabbiner, Religionslehrer an der Lauder-Beth-Zion-Schule in Berlin und Vater von vier Kindern.

Schweiz

Eine Sukka voller Fragen

Die Israelitische Cultusgemeinde Zürich hat ihre nichtjüdischen Nachbarinnen und Nachbarn in die Laubhütte eingeladen. Zu selbstgemachtem Hummus darf alles gefragt werden. Ein Besuch

von Nicole Dreyfus  25.09.2026

Zusammenhalt

Was uns verbindet

Sieben Tage feiern Juden in der Laubhütte. Der achte aber hat eine eigene Botschaft

von Rabbiner Elischa Portnoy  25.09.2026

Sukkot

Mit Herz und Sinnen

Welche Bedeutung die Vier Arten an Sukkot haben und warum sie den Menschen erfreuen

von Rabbiner Avraham Radbil  24.09.2026

Sukkot

»… und du sollst nur fröhlich sein«

Warum die Tora gerade das Laubhüttenfest zu einer Zeit unserer Freude erklärt

von Vyacheslav Dobrovych  24.09.2026

Debatte

Wehret den Anfängen gilt rechts und links

Ein Offener Brief an Bischof Christian Stäblein vom Evangelischen Arbeitskreis der CDU Berlin/Brandenburg

von Cornelia Seibeld  24.09.2026 Aktualisiert

Laubhüttenfest

Ein Fest der Natur

Vom Feiern der Schöpfung zur Verantwortung für ihre Bewahrung

von Rabbiner Yehoyada Amir  23.09.2026

Sukkot

Wenn der Himmel unser Dach wird

Vielleicht können wir Israelis nach Jahren in Schutzräumen die Bedeutung der fragilen Laubhütte heute noch besser verstehen. Ein Essay

von Rabbiner Raphael Evers  23.09.2026

Feiertage

Chatima towa, oder was?

Was von Rosch Haschana über Jom Kippur bis Sukkot die korrekte Grußformel ist

von Rabbiner Yaacov Zinvirt  25.09.2026 Aktualisiert

Jom Kippur

Noch einen Bissen, dann ist Schluss

Für die einen ist Fasten an Jom Kippur religiöses Gebot, für die anderen eine Prüfung von Körper und Willenskraft

von Nicole Dreyfus  18.09.2026