Talmudisches

Lob der Schamhaftigkeit

Schamgefühle: Bestandteil der in zivilen Gesellschaften vorhandenen sozialen Kontrolle Foto: Getty Images/iStockphoto

Die folgende Barajta (eine Tradition, die nicht in die Mischna aufgenommen wurde) interpretiert einen Vers der Tora, der nicht leicht zu verstehen ist und daher unterschiedlich ins Deutsche übersetzt worden ist: »›Damit seine Furcht euch überm Angesicht sei‹ (2. Buch Mose 20,20) – das ist die Schamhaftigkeit, ›auf dass ihr nicht sündigt‹ –, dies lehrt, dass Schamhaftigkeit Sündenscheu bringt« (Nedarim 20a). Nach dieser Auslegung besteht eine kausale Verbindung zwischen Schamhaftigkeit und der Vermeidung von Sünden.

In der angeführten Talmudstelle heißt es weiter: »Hierauf bezugnehmend sagten sie, es sei beim Menschen ein gutes Zeichen, wenn er schamhaft ist. Andere sagten: Ein Mensch, der schamhaft ist, sündigt nicht leicht, und wer keine Schamhaftigkeit besitzt, dessen Eltern standen sicherlich nicht am Berg Sinai.«

lebensführung Die Bedeutung der Schamhaftigkeit für eine fromme, möglichst sündenfreie Lebensführung sollte nicht unterschätzt werden. Sogar die folgenreiche Zerstörung Jerusalems ist mit dem Fehlen von Schamhaftigkeit in Verbindung gebracht worden. Im Talmudtraktat Schabbat (119b) erörtern die Weisen, welche Sünde die Zerstörung Jerusalems wohl herbei­geführt habe.

Der Gelehrte Ulla meinte: »Jerusalem wurde nur deshalb zerstört, weil es da an gegenseitiger Schamhaftigkeit fehlte, denn es heißt: ›Schämen sollten sie sich, dass sie Gräuel verübt haben; indes es gibt für sie keine Scham‹« (Jirmejahu 6,15).

Hätten die Leute sich voreinander geschämt, dann hätten sie nicht die Gräuel verübt, von denen der Prophet spricht. Schamgefühle sind demnach Bestandteil der in zivilen Gesellschaften vorhandenen sozialen Kontrolle.

Beachtenswert ist ein Vergleich, den ein berühmter Gelehrter gezogen hat: »Als Rabban Jochanan Ben Zakkai erkrankte, besuchten ihn seine Schüler (…). Sie sprachen zu ihm: ›Meister, segne uns!‹ Er sagte ihnen: ›Möge es sein Wille sein, dass die Furcht vor dem Himmel in euch so sei wie die Furcht vor einem Menschen aus Fleisch und Blut!‹ Die Schüler erwiderten: ›Nur so weit?‹« (Berachot 28b). Raschi (1040–1105) erklärt dieses Staunen der Jünger: »Sollten wir vor Gott nicht mehr Ehrfurcht haben als vor Menschen?«

Rabban Jochanan Ben Zakkai antwortete: »Oh, wenn dem doch so wäre! Wisset, wenn ein Mensch sündigt, so spricht er zu sich: ›Hoffentlich sieht mich niemand!‹« Mit anderen Worten: Theoretisch steht die Gottesfurcht weit höher als die Furcht vor Menschen – aber in der Praxis schämen sich Sünder eher vor ihren Mitmenschen als vor dem Ewigen.

GOTTESFURCHT Rabbiner Mosche Chajim Luzzatto (1707–1746) unterscheidet zwischen zwei Sorten von Gottesfurcht: Die Furcht vor einer Strafe bildet die eine Gattung, bei der zweiten, höheren Gattung geht es um Ehrfurcht im Gedanken an die Erhabenheit Gottes. Die Sündenscheu angesichts der Erhabenheit des Schöpfers ist eine sehr hohe Stufe der Frömmigkeit, die zu erreichen keineswegs einfach ist.

In einer Mischna heißt es: »Hillel pflegte zu sagen: Ein Unwissender wird nicht sündenscheu!« (Sprüche der Väter 2,6). Der Unwissende hat nämlich keine Ahnung, was die Tora von einem Juden verlangt; er sündigt und weiß gar nicht, dass er Sünden begeht.

Wer es gelernt hat, von Sünden Abstand zu halten, wird stets besorgt sein, nicht gegen Vorschriften der Tora zu verstoßen. Wie in der eingangs zitierten Talmudstelle (Nedarim 20a) festgestellt wurde: Schamhaftigkeit führt den Menschen zur Sündenscheu.

LOHN Welchen himmlischen Lohn es für die fromme Lebenshaltung gibt und auch zu welcher Strafe die entgegengesetzte Grundhaltung führt, hat Rabbi Jehuda Ben Tema mit einem aussagekräftigen Bild beschrieben: »Der Freche ist auf dem Weg zum Gehinnom und der Schamhafte zum Garten Eden« (Sprüche der Väter 5,24).

Warum dem Frechen eine so drastische Strafe zukommt? In seinem Kommentar bemerkt Rabbenu Menachem Hameïri (1249–1315), dass die Frechheit sowohl zum Hass gegen diejenigen, die zurechtweisen, als auch zur Verabscheuung des rechten Weges führen wird.

Beschalach

Fenster zur Welt

Selbst die Lücken zwischen den Wörtern biblischer Texte können neue Perspektiven eröffnen

von Isaac Cowhey  30.01.2026

Talmudisches

Der großzügige Elasar

Unsere Weisen über die Frage, warum echter Reichtum im Geben liegt

von Rabbiner Avraham Radbil  30.01.2026

Ethik

Tu Bischwat im Zeitalter des Klimawandels

Was das Judentum über Nachhaltigkeit weiß – und was es von uns fordert

von Jasmin Andriani  30.01.2026

Urteil

Fristlose Kündigung eines Rabbiners bestätigt

Die Jüdische Gemeinde Berlin hatte im Sommer 2023 einem Rabbiner wegen sexueller Übergriffigkeit fristlos gekündigt. Eine Klage des Mannes dagegen wurde jetzt auch in zweiter Instanz zurückgewiesen

 29.01.2026

Tagung

Europäische Rabbiner diskutieren interreligiösen Dialog in Jerusalem

Wie viel Religion braucht der Frieden? Diese Frage stand im Zentrum einer Podiumsveranstaltung der Europäischen Rabbinerkonferenz bei deren Tagung in Jerusalem

 28.01.2026

Justiz

Ehemaliger Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Berlin verurteilt

Das Amtsgericht Tiergarten verurteilte den Angeklagten wegen eines sexuellen Übergriffs und sexueller Nötigung zu zehn Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung

 23.01.2026

Talmudisches

Von hellen Tagen und dunklen Nächten

Was unsere Weisen über die Bedeutung von Licht und Dunkelheit lehren

von Vyacheslav Dobrovych  23.01.2026

Chidon Hatanach

Unser Fundament

Der Bibelwettbewerb, der nun in München in eine neue Runde geht, erinnert an den Kern der jüdischen Seele – die Texte der heiligen Schrift

von Rabbiner Dovid Gernetz  23.01.2026

Rezension

Eine Liebe in »bitterböser Zeit«

Die Briefe von Joseph Norden an Regina Jonas eröffnen einen völlig neuen Blick auf die erste Rabbinerin der Welt

von Mascha Malburg  23.01.2026