Als Gʼtt Mosche zum ersten Mal ins Heiligtum rief, heißt es in der Tora: »Wajikra el Mosche« – »Und Gʼtt rief zu Mosche«. Dabei fällt auf: Der letzte Buchstabe, das Aleph, in »Wajikra« wird in der Tora kleiner geschrieben als die anderen Buchstaben. Der Baal HaTurim, Rabbiner Jakob Ben Ascher (1283–1340), ein bekannter Kommentator, erklärt, dass Mosche dieses kleine Aleph aus reiner Bescheidenheit so geschrieben hat. Obwohl er von Gʼtt ausgewählt wurde, um mit Ihm zu sprechen, wollte Mosche sich selbst nicht wichtiger machen als nötig. Er hätte es lieber so dargestellt, als sei Gʼtt ihm einfach zufällig begegnet, wie es bei den Prophezeiungen anderer Völker beschrieben wird.
Diese kleine Geste sagt viel über Mosche aus. Trotz seiner herausragenden Rolle – er führte die Israeliten aus Ägypten, teilte das Meer, empfing die Tora und führte das Volk 40 Jahre lang durch die Wüste – sah er sich selbst nie als etwas Besonderes. Er war überzeugt: Jeder andere Mensch hätte mit den gleichen Fähigkeiten vielleicht noch mehr erreicht. Diese Haltung machte Mosche zu dem, was die Tora über ihn sagt: zum bescheidensten Menschen, den es je gab.
Auch die großen Weisen des Talmuds legten Wert auf Bescheidenheit. Rav Josef, ein Gelehrter der Spätantike, sagte über sich, seine Demut stehe den großen Bescheidenen vergangener Generationen in nichts nach. Interessanterweise schmälerte diese Erkenntnis seine Demut nicht – denn wahre Bescheidenheit bedeutet nicht, die Wahrheit zu leugnen, sondern zu wissen, wo man steht, ohne sich darauf etwas einzubilden. In der jüdischen Tradition wird Demut nicht einfach als Tugend gesehen – sie ist eine Grundlage für spirituelles Wachstum.
Wahre Bescheidenheit bedeutet nicht, die Wahrheit zu leugnen
Über Bescheidenheit und Hochmut heißt es (Talmud, Sota 5b): »Wer bescheiden ist, gilt, als hätte er alle Opfergaben selbst dargebracht.« Und: »Die Gebete bescheidener Menschen haben bei Gʼtt besonderes Gewicht.« Außerdem: »Gʼtt fühlt sich denen nahe, die demütig sind.«
Trotz all seiner Größe wird Mosche in der Tora vor allem für seine Demut gelobt (4. Buch Mose 12,3). Manche sagen sogar: »Wahre Demut ist die höchste spirituelle Stufe, die ein Mensch erreichen kann« (Avoda Zara 20b). Deshalb nennt der Prophet Jeschajahu das jüdische Volk »das Volk der Bescheidenen« (61,1).
Zudem heißt es auch (Nedarim 55a): »Wer sich selbst erhöht, wird von Gʼtt erniedrigt. Wer sich selbst klein macht, wird von Gʼtt erhoben.« Und schließlich: »Ehrfurcht vor G’tt gilt zwar als Krone der Weisheit, aber Demut ist die Voraussetzung, um diese Ehrfurcht überhaupt zu erlangen« (Schir HaSchirim Rabba 1,1,9). Die künftige Welt, heißt es, gehöre den Bescheidenen – jenen, die zurückhaltend auftreten, bescheiden handeln und trotz ihrer Leistungen keinen Ruhm für sich beanspruchen (Sanhedrin 88b).
Je mehr ein Mensch Gʼtt wirklich spürt, desto kleiner fühlt er sich selbst
Interessanterweise wird sogar die Wahl des jüdischen Volkes mit seiner Demut und der Bescheidenheit der Erzväter begründet. Nur: Wie kann man echte Demut entwickeln? Ein Weg ist, sich bewusst zu machen, woher wir kommen und wohin wir gehen: Jeder Mensch stammt aus einem winzigen Tropfen und kehrt irgendwann zum Staub zurück. Was bleibt, ist das, was wir in der Zeit dazwischen gemacht haben.
Die chassidischen Meister gehen noch einen Schritt weiter: Sie lehren, dass wahre Bescheidenheit aus der direkten Begegnung mit Gʼttes Größe entsteht. Je mehr ein Mensch Gʼtt wirklich spürt, desto kleiner fühlt er sich selbst – nicht aus einem Minderwertigkeitsgefühl heraus, sondern aus ehrlicher Ehrfurcht. Besonders wenn man Gʼttes Güte und Großzügigkeit im eigenen Leben erfährt, sollte das in tiefer Bescheidenheit münden.
Normalerweise empfiehlt die Tora in Sachen Charakter eine gewisse Ausgewogenheit: nicht zu geizig, nicht zu verschwenderisch; nicht jähzornig, aber auch nicht völlig emotionslos. Bei der Demut ist das anders. Hier raten die Weisen: Geh ruhig ins Extrem. Rabbi Nachman bar Jitzchak, einer der Weisen des Talmuds, geht sogar noch weiter: »Lass nicht einmal einen Hauch von Hochmut in dir aufkommen.«
Die Weisen raten: Geh ruhig ins Extrem
Ein gutes Beispiel für gelebte Demut ist Hillel, einer der größten Weisen zur Zeit des Sanhedrins. Trotz seiner herausragenden Stellung nahm er sich Zeit für jede Frage – egal, wie unverschämt sie gestellt wurde oder wie unpassend der Moment war.
Woran erkennt man nun echte Demut? Sie zeigt sich nicht in schönen Worten, sondern im Verhalten. Hier einige Zeichen, die wahre Bescheidenheit kennzeichnen: Wer ehrlich demütig ist, kann vergeben – selbst, wenn er die Macht hätte, sich zu rächen (Mischlei 24,29). Ebenso wird gesagt (Amos 5,13): »Wer schwierige Zeiten durchlebt, akzeptiert sie mit Liebe und sucht nicht nach Schuldigen, sondern nach Wegen zur persönlichen Weiterentwicklung.« Und weiter: Auch wenn andere einen ehren, bleibt man bescheiden
(1. Buch Mose 23,6). So wie Awraham, der sich tief verneigte, als die Hethiter ihn einen »Fürsten Gʼttes« nannten.
So finden wir weitere Beispiele bezüglich des Charakters und der Demut: Egal, wie erfolgreich man wird – Weisheit, Reichtum oder Macht sollten nie den Charakter verändern (Kohelet 10,4). An anderer Stelle heißt es: Wenn Probleme auftauchen, sieht ein bescheidener Mensch darin einen Anlass zur Selbstprüfung, nicht zur Selbstverteidigung (Esra 10,2). Und (1. Buch Mose 18,27): Wahre Bescheidenheit zeigt sich auch im Umgang mit Reichtum. Wer sich selbst nicht für besser hält als Bedürftige, teilt großzügig. Awraham war auch hier ein Vorbild – er nannte sich selbst »Staub und Asche« und teilte seinen Besitz ohne Zögern.
Weisheit, Reichtum oder Macht sollten nie den Charakter verändern
Wenn Demut Segen bringt, dann zieht Hochmut das Gegenteil nach sich. Die Quellen sprechen eine sehr deutliche Sprache. Gʼtt sagt: »Ich kann nicht im selben Raum mit einem Hochmütigen sein« (Sota 5a). Und: »Gʼtt verachtet Menschen mit überheblichem Herzen« (Mischle 16,5).
Das Fazit lautet also: Demut ist der Schlüssel zu wahrer Größe und kein Zeichen von Schwäche – im Gegenteil. Wahre Größe zeigt sich gerade darin, dass ein Mensch sich selbst nicht zu wichtig nimmt. Wer sich selbst klein macht, gibt Gʼtt Raum, ihn zu erheben. Wer seine Erfolge nicht sich selbst zuschreibt, sondern sie als Geschenk betrachtet, lebt im Einklang mit Gʼtt. Die größten Helden der jüdischen Geschichte – Mosche, die Propheten, die Erzväter und die Weisen – haben uns diesen Weg vorgelebt. Es ist ein Weg, der nicht nur zu spiritueller Größe führt, sondern auch zu innerem Frieden.
Der Autor studiert am Rabbinerseminar zu Berlin.
inhalt
Der Wochenabschnitt Wajikra steht am Anfang des gleichnamigen dritten Buches der Tora und enthält Anweisungen dazu, wie, wo und von welchen Tieren die verschiedenen Opfer dargebracht werden sollen. Es werden fünf Arten unterschieden: das Brand-, das Schuld-, das Friedens- und das Sündenopfer sowie verschiedene Arten von Speiseopfern. Ein zentrales Thema ist die Reinheit und Heiligkeit des Opfers, das nur unter bestimmten Bedingungen den vorgeschriebenen Anforderungen entsprach.
3. Buch Mose 1,1 – 5,26