Wieso, weshalb, warum

Haskama

Nicht alle Rabbiner, an die Autoren eine Anfrage richten, sind bereit, eine Haskama zu schreiben. Foto: Marco Limberg

Wieso, weshalb, warum

Haskama

Religiöse Begriffe aus der Welt des Judentums

von Yizhak Ahren  14.11.2016 18:42 Uhr

Es kommen heute laufend neue halachische Bücher auf den Markt. In fast jedem findet man nach der Titelseite eine Bescheinigung, ein Zeugnis, genannt Haskama. Meistens sind es sogar mehrere Haskamot. Den Rekord soll ein Werk mit 43 Haskamot halten. Auch Werke, die weltanschauliche Themen behandeln, werden manchmal mit einem Zeugnis versehen.

Beim Lesen einer Haskama, die in der Regel ein angesehener Gelehrter verfasst hat, erfährt man, warum das vorliegende Werk beachtenswert ist. Nicht selten wird der Autor der Neuerscheinung überschwänglich gelobt. Daher kann man die Haskama als ein Empfehlungsschreiben bezeichnen, das der Verkaufsförderung dienen soll.

Religionsgesetz Käufer, die eine Haskama sehen, können sicher sein, dass sie ein Buch in Händen halten, das nicht gegen das Religionsgesetz verstößt. Der Verfasser einer Haskama bezeugt, dass wir ein Werk vor uns haben, das man ohne Bedenken studieren darf. Antihalachisch orientierte Autoren werden nie eine Haskama bekommen – und sind auch nicht daran interessiert.

Der Brauch, eine Haskama in das Buch aufzunehmen, ist erst Ende des 15. Jahrhunderts aufgekommen. Er wurde von der katholischen Kirche übernommen, die von Autoren theologischer Werke verlangte, bei der Zensurbehörde eine Genehmigung der Drucklegung, eine Imprimatur, einzuholen.

Früher diente eine Haskama nicht nur als Absicherung gegen ketzerische Publikationen, sondern auch als Hinweis auf Autorenrechte (Copyright). So fasste eine Versammlung der Vertreter deutsch-jüdischer Gemeinden in Frankfurt 1603 den Beschluss, dass kein hebräisches Buch ohne Haskama gedruckt werden darf. Diese Verordnung richtete sich gegen »Piratendrucke«, die damals in der Stadt Basel hergestellt wurden.

Nicht alle Rabbiner, an die Autoren eine Anfrage richten, sind bereit, eine Haskama zu schreiben. So ist bekannt, dass der letzte Lubawitscher Rebbe, Menachem Mendel Schneerson (1902–1994), einer Bitte um eine Haskama nicht entsprochen hat. Auch der Sanz-Klausenburger Rebbe, Jekusiel Jehuda Halberstam (1905–1994), pflegte keine Haskamot zu geben. Was mag der Grund für eine solche Weigerung sein? Man hat die Vermutung geäußert, dass Gelehrte, die aus Prinzip keine Haskamot geben, sich scheuen, die üblichen Lobesworte niederzuschreiben, denn diese könnten vielleicht nicht ganz zutreffend sein.

Ovadia Josef Hingegen waren manche Rabbiner dafür bekannt, dass sie sich bei der Erteilung von Haskamot sehr großzügig verhielten. So soll der israelische Oberrabbiner Ovadia Yosef (1920–2013) mehr als 1000 Haskamot verfasst haben. Und demnächst soll ein Band mit 480 Haskamot erscheinen, die Oberrabbiner Abraham Yizhak HaKohen Kook (1865–1935) verfasste.

Mehrfach ist es vorgekommen, dass ein Gelehrter seine Haskama später zurückzog. Ein seinerzeit Aufsehen erregendes Beispiel: Der berühmte Chatam Sofer (1762–1839) gab im Jahre 1834 Ephraim Moses Pinner, der den Talmud ins Deutsche übersetzen wollte, eine Haskama. Schon am nächsten Tag bereute der Chatam Sofer seine Befürwortung des Projektes und bat Pinner um Rückgabe der Haskama, wozu dieser jedoch nicht bereit war.

Auch sind Fälle bekannt geworden, in denen der Autor einer Haskama von eifernden Kollegen unter Druck gesetzt wurde, sein Zeugnis zurückzunehmen, weil bestimmte Entscheidungen oder Ansichten im betreffenden Werk sehr umstritten waren. So schrieb Rabbiner Yitzchok Hutner (1906–1980) für ein Buch seines Schülers Yehuda Leo Levi einen Empfehlungsbrief, den er später widerrief.

Broschüre Eine Haskama kann Unruhe schaffen, mitunter aber auch die Gemüter besänftigen. Der israelische Bibelexperte Amnon Schapira hat einmal erzählt, dass er genötigt wurde, für eine Broschüre, die er über ein heikles Thema verfasst hatte, eine Haskama zu erbitten. Schapira bekam das erwünschte Zeugnis vom damaligen Oberrabbiner Schlomo Goren (1917–1994). So wurden die Wogen des Streites geglättet.

Eine Haskama ist eine Angelegenheit, die in gesetzestreuen Kreisen ernst genommen wird. Ein gewissenhafter Umgang damit dient den Interessen aller Parteien. Leser halachischer und weltanschaulicher Bücher sind gut beraten, sich die Haskamot genau anzusehen.

Talmudisches

Klassengröße

Was unsere Weisen über das Lernen in Gemeinschaft lehren

von Yizhak Ahren  09.10.2026

Erziehung

Der widerspenstige Sohn

Wer sich gegen seine Eltern auflehnt, soll laut Tora mit dem Tod bestraft werden. Die jüdische Tradition ringt mit dem Text und fragt, wie Familien miteinander verbunden bleiben

von Shoshana Ruerup  09.10.2026

Bereschit

Worte retten Leben

Rechtzeitig miteinander zu sprechen, kann Hass und Gewalt verhindern und Versöhnung möglich machen

von Rabbiner Joel Berger  08.10.2026

Dialog

Zwischen Vatikan und Juden geht nach dem 7. Oktober kaum noch was

Seit Jahrhunderten ist das Verhältnis zwischen katholischer Kirche und Juden turbulent. Nach einem Zwischenhoch unter Johannes Paul II. kühlte es wieder ab. Und seit dem Gazakrieg nähert es sich einem neuen Tiefpunkt

von Ludwig Ring-Eifel  06.10.2026

Schweiz

Ein Importverbot von koscherem Fleisch gefährdet jüdisches Leben

Ein Kommentar von Jonathan Kreutner, Generalsekretär des jüdischen Dachverbands SIG

von Jonathan Kreutner  02.10.2026

Schemini Azeret

Ende und Anfang

Nach der langen Zeit der Feiertage beginnt der neue Jahreskreis

von Chajm Guski  02.10.2026

Simchat Tora

Im eigenen Rhythmus

Die fünf Bücher Mose bilden den Herzschlag des jüdischen Volkes

von Valentin Lutset  02.10.2026

Talmudisches

Frieden mit sich selbst und anderen

Was unsere Weisen über das innere Gleichgewicht und das Miteinander lehren

von Vyacheslav Dobrovych  01.10.2026

Feiertage

Gut gefüllt

Zu Sukkot gibt es eigentlich keine traditionellen Speisen wie an Rosch Haschana oder Pessach. Und doch essen sich gefülltes Gemüse, Teigtaschen und gestopfte Weinblätter in der Laubhütte besonders gut. Steckt mehr dahinter?

von Daniela Rusowsky  29.09.2026