Talmudisches

Gute Taten statt Tieropfer

Nach der Zerstörung des Tempels definierten die Rabbanim die Rolle des Menschen Gott gegenüber neu: Der Mensch ist nun in der Lage, auf geistiger Ebene ein Opfer zu bringen. Foto: Flash 90

Beim Anblick des zerstörten Tempels rief Rabbi Joschua: »Wehe uns, denn der Ort für Israels Sühne liegt in Ruinen!« Er beklagte, dass der Opferdienst nicht mehr möglich war, und befürchtete, die Kinder Israels würden sich nicht mehr entsühnen können. Doch sein Lehrer Jochanan ben Sakkai sah das anders und erwiderte: »Trauere nicht, mein Sohn, wir besitzen Sühnemittel, die dem Opfer gleichwertig sind. Welche das sind? – Gute Taten!«

Er entnahm diese Aussage dem Propheten Hoschea: »Ich liebe Barmherzigkeit, nicht das Opfer« (6,6). Einige Jahrhunderte später erklärte Rabbi Jitzchak gar, das Gebet stehe auf einer höheren Stufe als das Opfer.

Sühne Es ist heute schwer, einem aufgeklärten Menschen zu erklären, was im Zeitalter des Tempels ein Tieropfer bedeutete. Damals brachte man Opfer dar, um sich von seiner Sünde zu befreien. Sicherlich reichte das Tieropfer allein nicht aus – man musste sich seiner Sünde auch bewusst sein. Im Zusammenhang mit dem Tieropfer hatte man die Möglichkeit, sich zu entsühnen.

Das Opfer war auch ein Akt der Ehrerbietung gegenüber Gott. Es war möglich, es klein zu halten – selbst arme Menschen konnten es sich leisten. Eine bekannte Form der Opfergabe war ein Festmahl, an dem die Opferbringer teilnahmen. Die Tora beschreibt die Opfergabe als täglichen Bestandteil des persönlichen, familiären und bürgerlichen Lebens. Das Opfer konnte sowohl gemeinschaftlich als auch individuell dargebracht werden.

Moral Schon in den Schriften des Tanach können wir eine Hinwendung vom Ritual- beziehungsweise Tieropfer hin zur moralischen Lebensweise beobachten. So lesen wir: »Wenn ihr mir auch Brand- und Speiseopfer darbringt, will ich sie nicht annehmen und will eure Opfer von fetten Tieren nicht beachten. Vielmehr lasst das Recht wie Wasser fließen und die Gerechtigkeit wie einen nie versiegenden Bach. Habt ihr mir denn die 40 Jahre in der Wüste Opfer dargebracht, Volk Israels?« (Amos 5, 22–25).

Diese Aussage ist eindeutig. Nicht das Tieropfer ist wichtig, sondern der Mensch, der es versteht, rechtschaffen und ehrlich in dieser Welt zu wandeln. Das größte Tieropfer bringt nichts, wenn er sich gegen die Tora, gegen den Willen Gottes stellt.

Gebet Nach der Zerstörung des Tempels handelten die Rabbanim sehr klug, als sie das Gebet zum Ersatz für das Rauch- und Brandopfer bestimmten. Damit definierten sie auch die Rolle des Menschen Gott gegenüber neu: Der Mensch ist nun in der Lage, auf geistiger Ebene ein Opfer zu bringen. Das bedeutet mehr Verantwortung, denn als Voraussetzung ist nun eine innere geistige Bereitschaft vonnöten.

Man könnte meinen, der Mensch habe dadurch einen direkteren Draht zu Gott. Opfer und Gebet haben die Funktion, uns dem Ewigen näherzubringen. Ist es dann nicht eine höhere Kunst der Kommunikation mit Gott, wenn wir kein Substitut mehr benötigen, kein Tier mehr opfern? Die geistige Absicht in Form eines Gebets ist die höchste Form, in der sich Menschen Gott zuwenden. Doch sie bedarf einer geistigen und seelischen Bereitschaft während des Gebets.

Die Rabbiner der Antike erkannten, dass die Kinder Israels aus ihrem Kult herausgewachsen waren. Bereits zur Zeit unserer Vorfahren hatte der Opferkult seinen Zenit überschritten. Man benötigte dieses Ritual nicht mehr und war nunmehr bereit, den nächsten Schritt zu gehen: sich moralisch und ethisch zu verhalten. Dazu gehören auch heute noch: gute Taten, Spenden und das Lernen der Tora – damit wir auch in Zukunft vorwärtsgehen und uns entwickeln können.

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