Schabbat

Gute Taten!

Wie viel ist genug? Foto: Thinkstock

Dreimal im Jahr – am Fest der ungesäuerten Brote, am Wochenfest und am Laubhüttenfest – sollen alle Männer vor dem Ewigen, deinem Gott, erscheinen an dem Ort, den Er erwählen wird. Sie sollen nicht vor dem Ewigen mit leeren Händen erscheinen, aber jeder mit seiner eigenen Gabe, nach dem Segen, den der Herr, dein Gott, dir erwiesen hat» (5. Buch Mose 16, 16–17).

Die Frage, die sich dabei stellt, ist: Wie viel ist genug? Der eine wird wenig geben, weil er so empfindet. Ein anderer wird alles geben, weil das seinem Empfinden am nächsten ist. Eine kleine Anekdote könnte hier vielleicht das Problem näherbringen:
Treffen sich ein katholischer und ein evangelischer Pfarrer mit einem Rabbiner zum Kaffeetrinken.

Spenden Wie üblich unterhalten sie sich über die Probleme in ihren Gemeinden. Heute sprechen sie über Spendengelder. Als der katholische Pfarrer gefragt wird, wie er sie verwendet, sagt er: «Ich mache das ganz einfach. Ich male mit Kreide auf den Boden einen großen Kreis und werfe das Geld hoch in die Luft.

Alles, was in den Kreis fällt, benutze ich für die Gemeinde. Der Rest steht zu meiner freien Verfügung». Sagt sein evangelischer Kollege: «Das ist falsch, wie du es machst! Du darfst nur über alles Geld, was im Kreis landet, frei verfügen. Das, was außerhalb des Kreises fällt, gehört der Gemeinde.»

Da erwidert der Rabbiner: «Nein! Ihr seid beide auf dem Holzweg! Ich male auch so einen Kreis und werfe das Geld in die Luft. Doch was der Ewige behalten will, nimmt Er sich – und alles andere steht zu meiner Verfügung», erläutert er ihnen mit einem Augenzwinkern.

Die Problematik des Gebens ist natürlich dem Rabbiner nicht fremd geblieben. Und so gibt es einige Meinungen und Ergänzungen zu diesem Thema.

Raschi (1040–1105) erklärt in diesem Zusammenhang, dass, wer zum Beispiel einen großen Haushalt hat und große Besitztümer, viele Brand- und Friedensopfer darbringen soll (Sifrei Dewarim 143,10; Chagiga 8b).

Interpretation Rabbi Ovadja ben Jakov Sforno (1475–1550) ergänzt mit dem Hinweis, dass er nicht alles, was er besitzt, weggeben muss, damit es zur öffentlichen Wohltätigkeit wird. Diese Interpretation wird gern von törichten Menschen angeboten. Aber unsere Weisen haben vor langer Zeit postuliert, dass selbst der großzügigste Mensch nicht mehr als ein Fünftel seines Reichtums verschenken sollte (Ketuvot 50).

Seit der Zerstörung des Zweiten Tempels um 70 n.d.Z. haben wir dem Ewigen keine Opfergaben mehr darbringen können. Die Frage aber, was wir heute Gott opfern können, erklärt uns ein kleiner Midrasch.

Beim Anblick des zerstörten Tempels rief Rabbi Joschua: «Wehe uns, denn der Ort für Israels Sühne liegt in Ruinen!» Er beklagte, dass der Opferdienst nicht mehr möglich war, und befürchtete, die Kinder Israels würden sich nicht mehr entsühnen können. Doch sein Lehrer Jochanan ben Sakkai sah das anders und erwiderte: «Trauere nicht, mein Sohn, wir besitzen Sühnemittel, die dem Opfer gleichwertig sind.» Nach der Frage, welche das sein können, antwortete er: «Gute Taten!»

Bereits im Tanach lesen wir, dass das Opfern von Tieren nicht über einer moralischen Lebensweise steht: «Wenn ihr mir auch Brand- und Speiseopfer darbringt, will ich sie nicht annehmen und will eure Opfer von fetten Tieren nicht beachten. Vielmehr lasst das Recht wie Wasser fließen und die Gerechtigkeit wie einen nie versiegenden Bach. Habt ihr mir denn während der 40 Jahre in der Wüste Opfer dargebracht, Volk Israels?» (Amos 5, 22–25).

Einsicht Damit wird auch klar, welchen Stellenwert ein Opfer für Gott im eigentlichen Sinne hat: gar keines, wenn man den Grund und die Notwendigkeit des Opferbringens moralisch und ethisch verkennt. Was zählt und immer gezählt hat, ist das einsichtige Herz – ohne jegliche Gier oder Missgunst.

Doch diese hohe Gabe des richtigen Gebens verlangt ein hohes Maß an Einsicht. Diese Einsicht erreicht man aber nur, wenn man das Geschenk Gottes an uns – das Leben mit allem Drumherum – zu teilen vermag. Das ist der innere Gedanke der Schöpfung.

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und Mitglied der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK).

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