Interview

Fünf Minuten mit …

Hanna Liss Foto: Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg / flohagena

Interview

Fünf Minuten mit …

Hanna Liss über Quoten, Ämter und das Verhältnis von Frauen zur Sefer Tora

von Ayala Goldmann  09.03.2015 18:34 Uhr

Frau Liss, der Bundestag hat eine Frauenquote von 30 Prozent in Aufsichtsräten beschlossen. Welche Impulse können von dieser Entscheidung für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland ausgehen?
Zunächst einmal kann ich das nur begrüßen. Aber es ist doch auch so, dass die jüdischen Institutionen auf politischer Ebene damit kein Problem haben – im Präsidium des Zentralrats der Juden sitzen jetzt vier Frauen. Es gibt auch genügend weibliche Gemeindevorsitzende. Der Impuls für die religiöse Gemeinschaft kann darin liegen, dass die Frauen hier intensiver mittun wollen, als dies bisher der Fall war.

Inwiefern?
So, wie sich heute auch jüdische Männer in der Küche um die Kaschrut kümmern dürfen, möchte ich vorschlagen, dass wir Frauen die Tora nicht nur aus gedruckten Büchern lesen, sondern uns unser heiligstes Buch, die Sefer Tora, auch im rituellen Lesen aneignen: entweder in einem eigenen Minjan der Frauen oder in einem egalitären Minjan. Zur jüdischen Sefer Tora wird der Toratext nämlich erst als handgeschriebene Torarolle in diesem vom rabbinischen Judentum so festgelegten Umgang mit ihr. Deshalb dürfen wir es uns als jüdische Frauen nicht nehmen lassen, dem jüdischsten aller Bücher auch im rituell gestalteten Umgang unsere Referenz zu erweisen.

In der Orthodoxie ist das Rabbineramt für Frauen immer noch tabu, obwohl viele orthodoxe Frauen im Berufsleben sehr erfolgreich sind und einzelne orthodoxe Institutionen auch Frauen ordinieren. Wie erklären Sie sich diese Scheu?
Teile der Orthodoxie sehen in der Anerkennung der Frau als Rechtssubjekt in bestimmten Rechtsräumen (Zeugenschaft, Minjan, Rabbinat) noch immer ein Problem. Es ist keine Scheu, sondern der Widerstand, das Recht an diesem Punkt zu ändern. Die Masorti-Bewegung und die Reformbewegung haben sich hier halachisch anders positioniert. Eine Begründung dafür wird aber weder aus der Bibel noch aus den frühen rabbinischen Schriften abgeleitet, sondern innerhalb des halachischen Diskurses seit dem Schulchan Aruch begründet.

Welche religiösen und politischen Ämter haben Frauen in der Tora und anderen Büchern des Tanach ausgeübt?
Diese Frage sollte gar nicht an die Tora gestellt werden, denn das wäre ein zu einfacher Historismus. Es gibt ja auch keine Rabbiner in der Tora. Biblische Frauen haben keine Ämter, außer vielleicht das der Richterin Deborah. Sie sind literarische Figuren, die wir nur eingeschränkt zum Politikmachen heranziehen sollten. Wenn wir uns heute in der alten Gewissheit wiegen wollen, dass Frauen zwar zusätzliches Geld verdienen, sich aber in der Synagoge möglichst unauffällig bewegen sollen, dann können wir – oder besser: die Rabbiner – das weiterhin so festschreiben. Mit einer Auslegung der Tora hat das natürlich nichts zu tun.

Sie sind Professorin für Bibel und jüdische Bibelauslegung. Wie erfolgreich sind Frauen in diesem akademischen Bereich?
Es gibt viele Professorinnen für Bibel wie auch für Talmud, und die Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg, deren Träger der Zentralrat ist, hat von den elf Lehrstühlen vier mit Frauen besetzt, das sind immerhin 36 Prozent – schon mehr als in der Quotenforderung formuliert. Im akademischen Bereich der Jewish Studies und auch im theologisch-erzieherischen Bereich wie dem Hebrew Union College, dem Jewish Theological Seminary und dem Hartman Institute gibt es selbstverständlich Frauen in der Fakultät. Ich würde keine explizite Frauenquote an akademischen Institutionen befürworten. Man hat sich das implizit schon längst auferlegt in allen möglichen Gremien. Da braucht man den Staat nicht.

Mit der Professorin für Bibel und Jüdische Bibelauslegung an der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg sprach Ayala Goldmann.

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