Betrachtung

Eine Frage der Kommunikation

Es wird erzählt, dass der berühmte österreichische Pianist Artur Schnabel einmal gefragt wurde: »Wie kommt es, dass Sie so gut Klavier spielen können?« Er antwortete: »Die Noten spiele ich nicht besser als viele anderen Pianisten. Aber die Pausen zwischen den Noten, darin liegt die Kunst.«

Eine der grundlegenden Ideen, die das Judentum zur Erziehung von Kindern präsentiert, sind die stillen Pausen, die die Beziehung der ersten jüdischen Eltern zu ihren Kindern in der Bibel charakterisieren.

Lassen Sie mich eine Frage stellen: Wie viele Gespräche finden wohl in der Bibel zwischen dem ersten jüdischen Vater und seinem Sohn Isaak statt?

Wir würden so etwa mit fünf, zehn oder 15 Gesprächen zwischen den beiden rechnen. Immerhin wartete Abraham 100 Jahre auf einen Sohn. Er hatte G’tt mehrmals angefleht, ihm ein Kind zu gewähren. Endlich kommt es. Wir würden annehmen, dass er gar nicht mehr aufhören konnte, sich mit ihm zu unterhalten.

Rosch Haschana Tatsächlich wird nur ein Gespräch zwischen den beiden erwähnt. Und wann findet dieses statt? Auf dem Weg zur Opferung Isaaks in der berühmten Episode des Akeida, die herzerweichende und ehrfürchtige Geschichte, die am zweiten Tag von Rosch Haschana gelesen wird.

Wie sieht es zwischen Mutter und Sohn aus? Zwischen Sara und Isaak? Wenn schon Abraham geschwiegen hat, dann würden wir erwarten, dass wenigstens Sara mit Isaak gesprochen hat. Sie war eine typische jüdische Mamme. Aber nein! Nicht ein einziges Gespräch zwischen den beiden, in der gesamten Bibel.

Auch in der zweiten jüdischen Generation sieht es nicht anders aus. Zwischen Rebekka, Isaaks Frau, und ihrem Sohn Jakob ist in der Tora ein einziges Gespräch aufgeführt. Und zwischen Isaak und seinem Sohn Jakob? Wieder nur ein Gespräch.

Warum? Welche Bedeutung steht dahinter? Ich glaube, dass unsere Patriarchen und Matriarchinnen viele lange Gespräche mit ihren Kindern genossen haben. Was mich irritiert, ist folgendes: Welche Botschaft will uns die Tora vermitteln, indem sie kaum irgendwelche Kommunikation zwischen den ersten jüdischen Eltern und ihren Kindern erwähnt?

Es ist durch dieses Schweigen, dass uns die Tora die wichtigste Lektion zum Thema Erziehung vermittelt. Und sie wird auf eindrucksvolle Weise in der folgenden Talmudischen Geschichte vermittelt: Im Talmud steht, dass unser Vorvater Jakob auf seinem Totenbett, im Kreise all seiner Kinder, plötzlich fühlte, wie die g’ttliche Präsenz, die Schechina, von ihm wich.

Vater Er bekam Angst und sorgte sich, dass eines seiner Kinder im Raum ein unmoralisches Leben führte und die Schechina deswegen von ihm gewichen war. Der alte Vater stellte seine Kinder zur Rede und fragte, ob einer von ihnen vom Wege abgekommen war, und die Werte, die Jakob ihnen versucht hatte zu vermitteln, hintergangen hatte?

Seine Söhne antworteten ihm mit der berühmtesten jüdischen Deklaration »Schema Jisrael Haschem Elokenu Haschem Echad. Höre Israel – Jakobs Name war Israel – der Herr ist unser G’tt, der Herr ist der Einzige«.

Dies ist die Botschaft, die uns die Tora vermitteln will. Sara hat nicht gepredigt oder Isaak Reden gehalten. Sie hat nicht durch Vorträge erzogen. Sara fühlte sich wohl in ihrer Haut, sie liebte, was sie tat, sie war leidenschaftlich in ihrem Glauben und lebte danach.

Isaak brauchte nur in die Augen seiner Mutter zu schauen, wenn sie die Schabbat-Kerzen anzündete, um alles über Gelassenheit, Selbstbewusstsein, Liebe und Spiritualität zu lernen. Isaak brauchte nur seinem Vater beim Umgang mit dessen Gästen zuzuschauen, um alles über Mitgefühl und eine großzügige Geisteshaltung, über Tikkun Olam und Ehrerbietung gegenüber dem Bildnis G’ttes in anderen Menschen zu lernen.

Durch unser Schweigen – viel mehr als durch verbale Kommunikation – erziehen wir unsere Kinder. Es geht darum, wer wir sind, und nicht um das, was wir sagen. Das, woran wir wirklich glauben, in den Tiefen unserer Seele, werden unsere Kinder in sich aufnehmen.

Wir stehen jetzt am Anfang des Monats Elul. Es ist der Monat vor den Hohen Feiertagen, die Zeit der Teschuwa, der Rückkehr zu Gott, zu unserem Vater. Es ist die Zeit, in der wir viel mit Ihm zu besprechen haben: alle unsere nicht so guten Taten im zu Ende gehenden Jahr, unsere nicht gehaltenen Versprechen und unsere Versprechen, im nächsten Jahr alles besser zu machen.

Es sind viele Gespräche, die wir führen müssen. Gut und schön. Dazu ist G’tt auch da, dass wir mit ihm reden. Aber genauso wichtig, wenn nicht wichtiger, ist es, ihm zu zeigen, wer wir wirklich sind. Nicht durch Reden, sondern durch unser Tun.

Der Autor ist Direktor des Jüdischen Bildungszentrums Berlin.

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