Brauch

Doppelt hält besser

Wenn Neumond ist, beginnt ein neuer Monat. Foto: Thinkstock

In der Diaspora haben wir an folgenden Festen einen zusätzlichen zweiten Festtag: Pessach, Schawuot und Sukkot. An Pessach bedeutet dieser zweite Feiertag für viele großen Stress – denn auch der Sederabend muss wiederholt abgehalten werden. Warum das Ganze – und weshalb gerade außerhalb Israels?

Die erste Pflicht, die die Kinder Israels empfingen, als sie noch in Ägypten waren, ist die Segnung des Neumonds. Im 2. Buch Mose 12, 1–2 lesen wir: » Und der Ewige sprach zu Mosche und Aharon im Lande Ägypten: Dieser Monat sei euch der vorzüglichste der Monate, er sei euch der erste unter den Monaten des Jahres.«

Diese Quelle bezieht sich auf den Monat Nissan, den Monat des Auszugs aus Ägypten, und findet auch Anwendung auf alle anderen Monate. Dazu die Interpretation von Raschi: »Dieser ›Neumond‹, er (G’tt) zeigte ihm den Mond bei seiner Erneuerung und sagte zu ihm: Immer, wenn der Mond sich erneuert, sei für dich der Anfang des Monats (Mechilta Schemot Rabba).«

Chodesch Das Wort »dieser« bezieht sich daher auf zwei Dinge: zum einen auf den ersten Monat im jüdischen Kalender, den Nissan, der mit einer Zeitangabe, dem Auszug aus Ägypten, verbunden ist; zum anderen auf das Wort »Chodesch« (Monat). Chodesch kommt von dem Wort »chadasch« (neu), dies wiederum steht für den Neumond. Der jüdische Kalender richtet sich nach dem Mond. Nach Erscheinung des Neumondes beginnt für uns der erste Tag des neuen Monats. Dies ist entscheidend für die Festlegung aller Daten der Feiertage.

Zur Zeit der Tempel in Jerusalem gab es ein hohes Gericht, das verkündete, wann der Monat anfing. Voraussetzung dafür war, dass mindestens zwei Zeugen den Mond in seiner Anfangsphase gesehen haben mussten. Nach Prüfung der Aussage der Zeugen und Bestätigung durch das Gericht wurde der Neumond verkündet.

Der Mond umkreist zwölfmal im Jahr die Erde, und jede Umkreisung dauert 29 Tage, zwölf Stunden und 793/1080 (Teile) einer Stunde. Ein Tag hat 24 Stunden – diese Einheit steht fest. Da die Umkreisung der Erde jedoch nicht ein Vielfaches von 24 Stunden beträgt, kann ein jüdischer Monat 29 oder 30 Tage lang sein.

Verwirrung Nachdem das Gericht den Neumond verkündet hatte, stellte sich die Frage, wie die Juden über die Landesgrenzen hinaus davon in Kenntnis gesetzt wurden. Besonders wichtig war es, zu wissen, wann die Feiertage beginnen. Zuerst nutzte man Rauchzeichen, die von Berg zu Berg weitergeleitet wurden. Die Samaritaner jedoch entzündeten zur Verwirrung auf den Bergen auch Feuer und machten Rauchzeichen, jedoch nicht zur rechten Zeit. Dadurch wurden teilweise an falschen Tagen Feste zelebriert. Dies wurde schnell aufgedeckt, und man entschloss sich, Boten zu senden, um den Neumond zu verkünden.

Doch manchmal verspäteten sich die Boten, etwa wegen Überfällen, und die Kunde vom Neumond konnte nicht rechtzeitig überbracht werden. Da der Neumond grundsätzlich erst nach dem 29. oder nach dem 30. Tag des Vormonats beginnen konnte, bestimmten die Juden in der Diaspora aus Sicherheitsgründen zwei Tage als Festbeginn, da jedenfalls einer der beiden Tage der richtige war.

Heutzutage haben wir kein hohes Gericht wie zu Zeiten der beiden Tempel. Auch die Information, wann der Neumond beginnt, ist allen bekannt. Trotzdem ist der zweite Feiertag in der Diaspora als Relikt aus diesen Zeiten geblieben. Eine Regel besagt, dass das Einhalten des zweiten Feiertages an Pessach, Schawuot und Sukkot vom Hauptwohnsitz abhängig ist. Lebt man in Israel und befindet sich an den Wallfahrtsfesten auf einer Auslandsreise, so muss man den zweiten Tag nicht einhalten. Juden hingegen, die nicht fest in Israel wohnen, sich jedoch an den Wallfahrtsfesten in Israel aufhalten, müssen auch dort den zweiten Tag einhalten.

Jerusalem Eine Sonderstellung hat Rosch Haschana. Das Neujahrsfest beginnt bereits am ersten Tag des Monats. Obwohl man nur einen Tag feiern müsste, ist für Juden auf Reisen sowohl der erste als auch der zweite Tag ein Feiertag. Das gilt gleichermaßen in der Diaspora und Israel. In diesem Falle ist der Grund ausschließlich eine eventuelle Verzögerung der Kundschaft der Zeugen vor dem Hohen Gericht in Jerusalem.

Wir lernen daraus, dass G’tt uns die Entscheidung überlässt, wann wir die Monate anfangen lassen. Der Ewige hat uns befohlen, die Feiertage einzuhalten, und uns dazu die Gesetze gegeben. Er hat uns aber auch dazu befähigt, darüber zu entscheiden, wann der neue Monat und die daraus folgenden Feste beginnen, und lässt uns die Möglichkeit, unsere Feste stets von Neuem zu erschaffen.

Ekew

Die Sieben Arten

Der Wochenabschnitt führt durch das Land der Tora, zu Quellen, Bergen und Früchten

von Yonatan Amrani  31.07.2026

Talmudisches

An die Folgen denken

Was unsere Weisen über Weitsicht lehrten

von Detlef David Kauschke  31.07.2026

Ethik

Geliehene Mütter?

Der Schmerz ungewollter Kinderlosigkeit begleitet die jüdische Tradition seit der Tora. Moderne Reproduktionsmedizin eröffnet heute neue Möglichkeiten – stellt die Halacha jedoch vor grundlegende Fragen

von Chajm Guski  30.07.2026

Feiertag Tu beAw

Das Ende des Krieges und der Beginn der Liebe

Am Dienstagabend beginnt der »jüdische Valentinstag«. Der fünfzehnte Tag des hebräischen Monats Aw steht für einen alten Brauch der Liebe und der zeitlosen Kraft menschlicher Verbundenheit

von Daniela Rusowsky  28.07.2026

Wa’etchanan

Die Kraft des Gebets

Wie wir Enttäuschungen verarbeiten und unser Gottvertrauen bewahren können

von Rabbiner Salomon Almekias-Siegl  24.07.2026

Talmudisches

Töchter Jerusalems

Was unsere Weisen über Tu beAw und die Partnersuche lehren

von Rabbiner Avraham Radbil  23.07.2026

Tischa beAw

Nach der Zerstörung

Der Tag der Trauer um den Tempel steht heute auch im Schatten von Schoa und 7. Oktober

von Rabbiner Yehoyada Amir  23.07.2026

Dewarim

Mosches Vermächtnis

Im fünften Buch der Tora richtet sich die Botschaft direkt an eine neue Generation

von Jacov Rürup  17.07.2026

Talmudisches

Nähe und Liebe

Was unsere Weisen über die Herausforderungen für Paare lehren

von Detlef David Kauschke  17.07.2026