Gerechtigkeit

Der Menschenrechtler

Der ideale Anführer ist ein Mensch, der einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn besitzt. Foto: imago

Mosche ist eine der wenigen Personen in der Tora, deren Geburt und frühe Kindheit ausführlich geschildert werden. Wir erfahren en détail, wie ihn die Tochter des Pharaos in einem Körbchen im Schilf fand und adoptierte.

Von der Zeit danach bis zum Zusammentreffen mit seinen versklavten Brüdern, den Hebräern, erzählt die Tora jedoch nichts. Man kann davon ausgehen, dass Mosche wusste, wie die Hebräer unterdrückt wurden. Die Tora beginnt erst wieder von ihm zu berichten, als er zu seinen Brüdern hinausgeht und sich darüber Gedanken macht, wie sein Volk behandelt wird und wohin das noch führen soll.

Dieser Moment war der Beginn seiner Führerschaft. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass er zum ersten Mal Mitleid mit den Hebräern hatte und sich zum Handeln verpflichtet fühlte. Auch nach diesem Ereignis berichtet die Tora nichts Besonderes über Mosche.

Flucht
Was uns vorliegt, sind die drei folgenden Begebenheiten: »Zu jener Zeit, als Mosche herangewachsen war, ging er zu seinen Brüdern hinaus und sah sie bei ihren Lastarbeiten. Da sah er, wie ein Ägypter einen von seinen Brüdern, einen Hebräer, schlug. Er wandte sich nach allen Seiten und sah, dass niemand zugegen war. Da erschlug er den Ägypter und verscharrte ihn im Sand. Am anderen Tag ging er wieder hinaus, und siehe, da stritten zwei Hebräer miteinander. Da sprach er zu dem, der Unrecht hatte: ›Warum schlägst du deinen Nächsten?‹ Der aber sagte: ›Wer hat dich zum Oberhaupt und Richter über uns gesetzt? Denkst du etwa, mich umzubringen, wie du den Ägypter umgebracht hast?‹ Da überkam Mosche Furcht, und er sprach: ›So ist die Sache doch bekannt geworden!‹ Auch Pharao erfuhr es und trachtete danach, Mosche zu töten. Da floh Mosche in das Land Midian und ließ sich dort nieder und wohnte bei einem Brunnen. Und der Priester von Midian hatte sieben Töchter. Diese kamen, schöpften Wasser und füllten die Rinnen, um die Schafe ihres Vaters zu tränken. Aber die Hirten kamen herbei und trieben sie hinweg. Da erhob sich Mosche und stand ihnen bei und tränkte ihre Schafe« (2. Buch Mose 2, 11–17).

In allen drei Geschichten schlägt sich Mosche auf die Seite des Schwächeren. In der ersten Geschichte will Mosche dem Hebräer das Leben retten. In der zweiten versucht er, einen Streit zwischen zwei Hebräern zu schlichten, obwohl er in Kauf nehmen muss, möglicherweise selbst entdeckt und verraten zu werden. Die dritte Geschichte erzählt bereits von der Zeit nach seiner Flucht. Schon am ersten Tag im fremden Land wird er wieder mit Ungerechtigkeit konfrontiert, und erneut stellt er sich auf die Seite der Schwächeren. In diesem Fall auf die Seite der Frauen.

Gefahren Er denkt nicht an die Gefahren, die dadurch entstehen könnten, er denkt nicht an seinen eigenen Nutzen, sondern er kämpft für Gerechtigkeit. Mosche hatte die Qualität eines Anführers. G’tt sah dies und wählte ihn als denjenigen aus, der das Volk aus der Unterdrückung herausholen und den Kampf um Gerechtigkeit führen sollte.

»Mosche aber hütete die Schafe seines Schwiegervaters Jitro, des Priesters von Midian. Er führte die Schafe über die Wüste hinaus und kam bis an den Berg G’ttes, den Horeb. Da erschien ihm ein Engel des Ewigen in einer Feuerflamme aus dem Dornbusch« (2. Buch Mose 3, 1–2).

Raschi (1040–1105) erklärt den Vers 1 in Bezug auf die Fütterung der Schafe so, dass Mosche die Schafe so weit weg zum Weiden führte, dass sie nicht auf privaten Flächen von anderen grasten. Das heißt, Mosches Gerechtigkeitssinn war derart stark ausgeprägt, dass er selbst bei der Versorgung der Schafherde darauf bedacht war, niemandem zu schaden, sogar in unbeobachteten Situationen. Genau nach diesem Ereignis offenbarte sich G’tt.

Der ideale Anführer ist ein Mensch, der einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn besitzt. Nur er wird den Anforderungen gerecht werden. Zuerst jedoch ist jeder der Führer seiner selbst, seines eigenen Lebensweges. Üben wir Gerechtigkeit im Kleinen und tragen sie dann nach außen. Das ist der Schlüssel zum Erfolg.

Der Autor ist Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD)

Paraschat Schemot
Der Wochenabschnitt erzählt von einem neuen Pharao, der sich an Josef nicht mehr erinnert und die Kinder Israels versklavt. Er ordnet an, alle männlichen Erstgeborenen der Hebräer zu töten.
Eine Frau aus dem Stamm Levi will ihren Sohn retten und setzt ihn deshalb in einem Körbchen im Schilf am Ufer des Nil aus. Die Tochter des Pharaos findet das Kind, adoptiert es und gibt ihm den Namen Mosche. Der Junge wächst im Haus des Pharaos auf. Erwachsen geworden, erschlägt Mosche im Eifer einen Ägypter und muss aus dem Land fliehen. Er kommt nach Midian und heiratet dort die Tochter des Priesters Jitro. Als er dessen Schafe hütet, spricht der Ewige zu ihm aus einem brennenden Dornbusch und beauftragt ihn, zum Pharao zu gehen und die Kinder Israels aus Ägypten hinauszuführen.
2. Buch Mose 1,1 – 6,1

Antwerpen

Belgien: Empörung über Anklage gegen jüdische Beschneider

Wegen Anklagen gegen zwei jüdische Beschneider kritisieren jüdische Vertreter die belgischen Behörden scharf. Die European Jewish Association wirft der Staatsanwaltschaft vor, die Religionsfreiheit zu verletzen - Belgien weist dies zurück

von Marlene Brey  27.05.2026

Nasso

Raum für die g’ttliche Präsenz

Warum das Lesen dieses Wochenabschnitts beim Finden eines Ehepartners hilfreich sein soll

von Vyacheslav Dobrovych  24.05.2026

Essay

Erinnerungen an Schawuot in Be’eri

Unsere Autorin ist in dem Kibbuz aufgewachsen, der durch das Massaker traurige Bekanntheit erlangte. Eines der prägendsten Feste ihrer Kindheit war das Wochenfest – wird jene Freude je wieder zurückkehren?

von Eshkar Eldan Cohen  21.05.2026

Schawuot 2

Mit offener Hand

Das Gebot des Zehnten ist weit mehr als eine soziale Maßnahme. Es ist eine geistige Übung

von Rabbiner Joel Berger  21.05.2026

Jerusalem

Auf den Spuren der Pilger

Seit Januar kann man auf jener Straße gehen, auf der zu Schawuot einst Juden ihre Früchte zum Tempel brachten. Die Ausgrabungen bekräftigen religiöse Überzeugungen – und entfachen politische Konflikte

von Detlef David Kauschke  21.05.2026

Schawuot

Sei wie ein kleiner Berg

Der Ewige wählte nicht den höchsten Gipfel der Wüste Sinai für die Offenbarung der Tora. Dahinter steckt eine Botschaft

von Rabbiner Avraham Radbil  21.05.2026

Religionen

Rabbiner: Juden, Christen und Muslime können einander stärken

Der Nahostkrieg hat auch Auswirkungen auf Gesellschaften in Europa und den USA. Ein niederländischer Rabbiner schreibt, was Juden, Christen und Muslime dennoch einander bedeuten können - und welche Werte sie teilen

von Leticia Witte  21.05.2026

Interreligiöser Dialog

Evangelische Kirche und Zentralrat der Juden wollen mehr Austausch

Evangelische Kirche und Zentralrat der Juden wollen sich intensiver austauschen. Am Mittwoch kamen Delegationen in Berlin zusammen, um einen festen Turnus festzulegen

 20.05.2026

Fest

Magdeburger Synagogen-Gemeinde hat neue Torarolle eingeweiht

Mit dem Fest der Toravollendung konnte die neue Torarolle der Magdeburger Synagogen-Gemeinde eingeweiht werden. Traditionell wurden die 5 Bücher Mose von einem Sofer genannten Schreiber in Israel angefertigt

von Thomas Nawrath  20.05.2026