Talmudisches

Der Kaiser meint’s zu wissen

Die Idee eines einzigen allumfassenden G’ttes liegt für einen römischen Kaiser außerhalb seiner Vorstellungskraft. Foto: Getty Images / istock

Talmudisches

Der Kaiser meint’s zu wissen

Was Raban Gamliel erlebte, als er mit anderen Gelehrten nach Rom reiste

von Netanel Olhoeft  15.11.2018 18:34 Uhr

Die Könige der Erde erheben sich, und die Fürsten beraten sich zusammen gegen den Ewigen. (...) Doch Er, der im Himmel thront, lacht darüber, der Ewige spottet über sie» (Psalm 2, 2–4).

Im Talmud hören wir öfter von einer ganz besonderen Reise, die der Vorsitzende des Sanhedrins im Lande Israel, Rabban Gamliel, zusammen mit anderen Gelehrten um das Jahr 100 n.d.Z. antrat: Er ging nach Rom, um die Abschaffung verschiedener antijüdischer Dekrete zu verhandeln, die in der Hauptstadt des Im­periums verordnet worden waren.

Was man aus dem Talmud lernen kann, ist, dass die Weisen während dieser Reise ins multikulturelle Rom vielen kritischen Fragen zur jüdischen Religion und ihrem G’ttesverständnis ausgesetzt waren.

MONOTHEISMUS Wie die Gemara im Traktat Sanhedrin 39a zu berichten weiß, fing der Kaiser mit der rabbinischen Gesandtschaft eine Diskussion über den Monotheismus an, der nach damaligem polytheistischen Standard sehr ungewöhnlich war.

Einer der verbalen Schlagabtausche soll demnach folgendermaßen verlaufen sein: «Der Kaiser sprach zu Rabban Gamliel: Ich weiß, was euer G’tt treibt und wo Er weilt. Da seufzte Rabban Gamliel schwer auf. Der Kaiser fragte ihn: Warum stöhnst du? Der Rabbi erwiderte: Ein Sohn von mir ist übers Meer gefahren, ich habe Sehnsucht nach ihm und möchte, dass du ihn mir zeigst. Der Kaiser sprach: Woher soll ich wissen, wo er ist? Der Rabbi erwiderte: Was sich auf Erden zuträgt, weißt du nicht? Und du meinst zu wissen, was im Himmel geschieht?» (Sanhedrin 39a).

GÖTTER In der heidnischen römischen Welt gab es eine Vielfalt an Göttern. Dazu zählen sowohl die verschiedenen großen Naturkräfte und Bereiche des menschlichen Lebens verwaltenden Gottheiten als auch viele lokale Gottheiten, die man zum Teil als regionale Manifestationen der Hauptgötter verstand.

Darum liegt auch für den anonymen römischen Kaiser aus der Erzählung die Idee eines einzigen allumfassenden G’ttes fernab seiner Vorstellungskraft. So behauptet er, dass sich auch der jüdische G’tt (den er sich körperlich vorstellt) irgendwo einordnen müsse in die große römische Götterwelt – mit klarer Funktion und festem Sitz.

Rabban Gamliel weist die Auffassung des Kaisers mit einer gewissen Ironie zurück: Ein Mensch, der nicht einmal die Geschehnisse auf Erden genau kennt, der wird wohl umso weniger die Details des G’ttlichen kennen, das sich in Seiner Transzendenz dem menschlichen Beobachter entzieht. Auf diese Weise möchte Rabban Gamliel einer Vermenschlichung der g’ttlichen Gefilde Einhalt gebieten.

Mit dieser Form des ironischen Argu­ments, das den Gesprächspartner zum Nachdenken über seine eigene G’t­tes­auffassung bringen soll, stellen sich die Weisen in eine Tradition mit dem Tanach. Dort lernen wir (1. Könige 18,27), dass auch der Prophet Elijahu die Priester des allzu menschlichen Gottes Baal ähnlich zynisch zurückwies: Nachdem diese mehrere Stunden lang durch Selbstkasteiungen versucht hatten, dem Baal eine Offenbarung abzuringen, fängt Elijahu an, über sie zu lachen: «Schreit lauter! Er ist doch ein Gott. Vielleicht ist er ja gerade in einem Gespräch, oder er ist anders verhindert oder unterwegs. Vielleicht schläft er ja auch und wird gleich aufwachen.»

TRANSZENDENZ In Bezug auf ihr eigenes G’ttesver­ständnis war die jüdische Tradition dagegen darauf bedacht, die Unendlichkeit und gewöhnlich auch die Transzendenz G’ttes zu betonen. Die talmudischen Gelehrten benutzten in diesem Sinne regelmäßig die Bezeichnung «Hamakom», «der Ort», wenn sie über den Ewigen sprechen wollten.

Wie der Midrasch Bereschit Rabba (68,9) erklärt, bezieht sich dieser Titel auf den Umstand, dass «die Welt kein Ort für G’tt ist, sondern G’tt ein Ort für die Welt». Das bedeutet, dass G’tt in Seiner transzendenten Unendlichkeit das materielle Universum in sich fassen kann, nicht jedoch dieses Ihn.

Somit ist auch die Behauptung des Kaisers, man könne wissen, wo sich G’tt geografisch aufhalte, gegenstandslos. Dies ist es, was der weise König Schlomo gesagt hat: «Könnte G’tt etwa auf Erden wohnen? Siehe, die Himmel und auch die Himmel der Himmel können Ihn nicht fassen» (1. Könige 8,27).

Schemot

Mutige Hebammen

Die Tora lehrt, dass Zivilcourage oft im Verborgenen beginnt – bei Menschen, die keine Chronik nennt

von Rabbiner Joel Berger  09.01.2026

Talmudisches

Fledermaus

Unsere Weisen diskutieren: Handelt es sich um ein Kriechtier unter den Vögeln oder einen Vogel unter den Kriechtieren?

von Rabbinerin Yael Deusel  09.01.2026

Piraten

Ahoi vey!

Entführte Rabbiner und Sefarden auf Kaperfahrt: Ein unbekanntes Kapitel jüdischer Geschichte

von Sophie Goldblum  08.01.2026

Wajechi

Wenn Taten Segen bringen

Wie jeder einzelne Mensch durch sein Tun Engel erschaffen kann

von Vyacheslav Dobrovych  02.01.2026

Talmudisches

Sorge dich nicht!

Was unsere Weisen über den Umgang mit Angst und innerer Unruhe lehren

von Detlef David Kauschke  02.01.2026

Begegnung

»Ich sehe keinen Gegensatz zwischen Toralernen und dem Militärdienst«

Die politische Lage in Israel wirft viele halachische Fragen auf. Rabbiner Ofer Livnat versucht, differenzierte Antworten zu geben

von Peter Bollag  02.01.2026

Neujahr

Am achten Tag

Auch Jesus wurde beschnitten – für die Kirchen war das früher ein Grund zum Feiern

von Rabbiner Walter Rothschild  01.01.2026 Aktualisiert

Brauch

Was die Halacha über Silvester sagt

Warum man Nichtjuden am 1. Januar getrost »Ein gutes neues Jahr« wünschen darf

von Dovid Gernetz  01.01.2026

Tradition

Jesus und die Beschneidung am achten Tag

Am 1. Januar wurde Jesus beschnitten – mit diesem Tag beginnt bis heute der »bürgerliche« Kalender

von Rabbiner Jehoschua Ahrens  01.01.2026 Aktualisiert