Talmudisches

Der Junge und das Vogelnest

»Wenn du unterwegs ein Vogelnest findest auf einem Baum oder auf der Erde ...« Foto: Getty Images / istock

Talmudisches

Der Junge und das Vogelnest

Vom langen Leben in der ewigen Welt

von Vyacheslav Dobrovych  08.10.2018 19:54 Uhr

Ein kleiner Junge klettert auf Anweisung seines Vaters ein Gebäude hinauf, um Küken aus einem Nest zu holen. Oben angekommen, vertreibt er zunächst die Mutter der Küken, dann fällt er hinunter und stirbt.

Diese tragische Geschichte vom Tod des namenlosen Jungen gehört zu einem der meist studierten Abschnitte des Talmudtraktats Kidduschin. Für unsere Weisen, die Rabbinen, gibt es auch einen sehr triftigen Grund, sich mit dieser besonderen Geschichte zu befassen: Der Tod des Jungen zerstört nämlich das einfache Verständnis der biblischen Verse.

Versprechen Die Tora verspricht demjenigen, der beim Fangen der Küken zunächst ihre Mutter fliegen lässt, ein langes Leben: »Wenn du unterwegs ein Vogelnest findest auf einem Baum oder auf der Erde mit Jungen oder mit Eiern, und die Mutter sitzt auf den Jungen oder auf den Eiern, so sollst du nicht die Mutter mit den Jungen nehmen, sondern du darfst die Jungen nehmen, aber die Mutter sollst du fliegen lassen, auf dass dir’s wohl ergehe und du lange lebst« (5. Buch Mose 22, 6–7).

Auch für das Ehren der Eltern wird ein langes Leben versprochen: »Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, (...) auf dass du lange lebst und dir’s wohl ergehe« (5,16).

Der unschuldige Junge hat sowohl seinen Vater geehrt, als er dessen Anweisung folgte, als auch die Mutter der Küken fliegen lassen – und er hatte ganz offensichtlich kein langes Leben.
Der Talmud erwägt kurzzeitig die Möglichkeit, der Vorfall habe sich nicht wirklich ereignet. Diese Möglichkeit wird aber abgelehnt, da einer der talmudischen Weisen Zeuge des Vorfalls war.

Lohn Die Weisen sind gezwungen, die Verse anders zu interpretieren. Wenn die Tora das »lange Leben« erwähnt, meint sie eigentlich das ewig lange Leben in der kommenden Welt. Deshalb steht diese Geschichte nicht im Widerspruch zur Tora. Der kleine Junge wird seinen Lohn in der kommenden Welt genießen, der frühzeitige Tod hat mit den oben genannten Versen nichts zu tun.

Manche meinen, es handele sich hier um die Ausrede einiger Theologen, die sich dem Anerkennen der Realität widersetzen. So hat zum Beispiel Elischa ben Awuja, einer der talmudischen Weisen, diese Interpretation abgelehnt. Nach einer Meinung war es dieser Vorfall, der ihn dazu brachte, das religiöse Leben abzulehnen. Die Weisen des Talmuds haben ihm daraufhin den Rabbinertitel aberkannt und nannten ihn Acher – auf Deutsch: der andere.

Ich denke, dass diese Interpretation sehr viel Aufschluss gibt über den Blick der Weisen auf die Natur der Gebote und die damit verbundenen Belohnungen sowie über den Blick der Weisen auf die kommende Welt als Ganzes.

Mizwa Das hebräische Wort für »Gebot« ist »Mizwa« und kommt von dem Wort »Zawta« – deutsch: »verbinden«. Die Ausführung der Gebote schafft Verbundenheit mit dem Schöpfer. Diese Verbundenheit ist die maximale Ekstase der menschlichen Seele.

Die Mischna lehrt in den Sprüchen der Väter: »Der Lohn einer Mizwa ist eine Mizwa« (4,2). Der Lohn eines Gebotes ist das Gebot. Das heißt, der Lohn des Gebotes besteht darin, dass es eine Verbindung mit dem Ewigen herstellt. Diese Verbindung kann nicht in einer zeitlich begrenzten Welt ausgekostet werden, sondern der Ort, an dem der Lohn »ausgezahlt« wird, ist daher selbstverständlich die kommende Welt.

Ein anderer Vers in den Sprüchen der Väter sagt: »Seid nicht wie Diener, die ihrem Herrn dienen, um Lohn zu erhalten, sondern seid wie Diener, die ihrem Herrn dienen, nicht um Lohn zu erhalten« (1,3).Im Midrasch Awot des Rabbi Nathan findet dieser Vers eine Fortsetzung: »... auf dass dein Lohn in Zukunft vermehrt wird«.

Ausgehend von dem oben Gesagten, kann auch dieser Widerspruch aufgelöst werden. Wer die Gebote erfüllt, um sich mit G’tt zu verbinden und nicht, um im Diesseits belohnt zu werden, ist ein »Diener, der nicht dient, um den Lohn zu erhalten«. Tatsächlich ist der Lohn einzig und allein die Verbundenheit mit G’tt, sodass hierdurch »dein Lohn in Zukunft vermehrt wird«.

Dewarim

Mosches Vermächtnis

Im fünften Buch der Tora richtet sich die Botschaft direkt an eine neue Generation

von Jacov Rürup  17.07.2026

Talmudisches

Nähe und Liebe

Was unsere Weisen über die Herausforderungen für Paare lehren

von Detlef David Kauschke  17.07.2026

Bein Hametzarim

Die verborgene Struktur der drei Wochen

Warum die Zeit der größten Trauer zugleich auf die endgültige Erlösung verweist

von Valentin Lutset  17.07.2026

Tradition

»Frauen waren schon immer weise«

Seit vier Jahren leitet Rabbanit Yemima Mizrachi Seminare für die Frauen von europäischen Rabbinern. Und definiert damit die Rolle der Rebbetzin neu

von Mascha Malburg  16.07.2026

Streit

Welche liberalen Konversionen werden in Israel anerkannt?

Die Union progressiver Juden behauptet, künftig würden nur Giurim ihres Rabbinatsgericht für die Alija anerkannt. Nun stellt der Zentralrat dies mit Verweis auf die Jewish Agency richtig

 15.07.2026 Aktualisiert

Matot-Mass’ej

Hand in Hand

In der biblischen Erzählung von der Verteilung des Landes wird ein wichtiges Prinzip deutlich

von Rabbinerin Yael Deusel  10.07.2026

Perspektive

»Viele Juden haben das Gefühl, zwischen beiden Seiten zu stehen«

Rabbiner Ammiel Hirsch gilt als eine der bekanntesten Stimmen des Reformjudentums in den USA. Ein Gespräch über Zionismus, Proteste vor Synagogen und den Bruch mit liberalen Milieus

von Alexandra Farkas Bandl  10.07.2026

Talmudisches

Der Garten Eden

Was unsere Weisen über das Paradies lehrten

von Vyacheslav Dobrovych  09.07.2026

Rabbinerausbildung

Levinson-Stiftung als Institut an der Uni Potsdam anerkannt

Neuer Meilenstein für die Ausbildung liberaler und konservativer Rabbinerinnen und Rabbiner sowie Kantorinnen und Kantoren

 07.07.2026