Diese Predigt hätte er wohl lieber gar nicht gehalten. Am 28. Mai 1673 steht der Theologieprofessor Balthasar Raith in der evangelischen Kirche von Bad Teinach im Schwarzwald. Er soll eine »kabbalistische Lehrtafel« einweihen. Dieses dreiteilige Gemälde ist deutlich größer als Raith selbst, eingefasst in einen barocken Holzrahmen mit Dutzenden hebräischen Buchstaben. Insgesamt sechseinhalb Meter hoch.
Leider hält Balthasar Raith gar nichts von der »unmässig gerühmten« Kabbala. Wenn sie überhaupt zu etwas nütze sei, dann »zu härterer Verstockung im jüdischen Unglauben«. So steht es in einem Abdruck von Raiths Predigt, der heute in der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg zu finden ist.
Berufung auf alte jüdische Überlieferungen
Seit dem Mittelalter zieht die Kabbala ihre Betrachter in den Bann. Unter Berufung auf alte jüdische Überlieferungen entstanden damals neue Formen der Mystik, neue Methoden zur Auslegung der Tora, ein neuer Blick auf die Welt. Diese Bewegung innerhalb des Judentums fiel auch christlichen Gelehrten auf, die im 15. Jahrhundert erste kabbalistische Schriften aus dem Hebräischen ins Lateinische übersetzten.
Unterschiedlich waren ihre Absichten: Während die einen mithilfe der Kabbala das Christentum neu denken wollten, sahen andere darin ein Werkzeug, um gegen die jüdische Religion vorzugehen. Wer sich mit der kabbalistischen Lehrtafel von Bad Teinach beschäftigt, kann beiden Gruppen begegnen – den christlichen Anhängern der Kabbala und ihren ärgsten Gegnern.
Im Bild haben sich die christlichen Anhänger der Kabbala und ihre ärgsten Gegner verewigt.
Der Nebel hängt tief in dem kleinen Tal im Nordschwarzwald, das einen großen Kunstschatz birgt. Einst war der 500-Einwohner-Ort Bad Teinach Sommerresidenz und Badeort der württembergischen Herzöge. Heute zieht auch die Dreifaltigkeitskirche immer wieder Besucher an. Zu ihren Stammgästen gehört Matthias Morgenstern, Professor für Judaistik an der Universität Tübingen. Er ist nicht der erste Wissenschaftler, der sich mit dem »Bilder- und Buchstabenschrein«, wie er sagt, beschäftigt. Aber Morgenstern kann auf ein besonders breites Wissen über das Juden- und Christentum zurückgreifen, um die kabbalistische Lehrtafel zu erklären.
Morgenstern zieht sich einen weißen Stoffhandschuh an. Der soll nicht etwa seine linke Hand vor der Kälte in der Kirche schützen, die im Winter nur selten beheizt wird – er schützt das Kunstwerk vor Fingerabdrücken. Wie zwei Schranktüren schwingt Morgenstern die beiden Außenflügel zur Seite. Die geöffnete Lehrtafel ist mit über fünf Metern so breit, dass sich eine kleine Echokammer zwischen den Außenflügeln bildet. Morgensterns Worte bekommen so einen sanften Hall.
Zwei hebräische Sprüche in goldener Farbe
Auf der Ober- und der Unterkante des dunkelrot bemalten Holzrahmens stehen zwei hebräische Sprüche in goldener Farbe. Oben der vierte Vers aus Psalm 37 – »Habe deine Lust am Herrn; er wird dir geben, was dein Herz begehrt« – und unten ein Name: »Antonia, Fürstin von Württemberg und Teck«. An beiden Stellen ist außerdem die Zahl »2005« zu finden. Sie ist keine Jahresangabe, sondern das Ergebnis einer speziellen Berechnung. Jeder hebräische Buchstabe hat einen Zahlenwert. Und die Buchstaben der hebräischen Sprüche auf dem Holzrahmen ergeben in Summe beide exakt die Zahl »2005«.
Diese Rechentechnik nennt sich Gematrie und kommt in vielen kabbalistischen Werken zum Einsatz. Mehr noch: Für den spanischen Kabbalisten Josef ben Abraham Gikatilla (1248–1305) galt Psalm 37,4 als einer der 72 Namen Gottes, erklärt Matthias Morgenstern. Antonia habe Gikatillas Lehre gekannt und sich mit ihrem Zahlenspiel selbst in seine Gedankenwelt eingeschrieben.
Die Auftraggeberin war eine deutsche Prinzessin, die sich fürs Hebräische begeisterte.
Prinzessin Antonia von Württemberg (1613–1679) war die Auftraggeberin der kabbalistischen Lehrtafel. Geboren am herzoglichen Hof in Stuttgart, wurde ihre Kindheit vom Dreißigjährigen Krieg überschattet. Antonia verbrachte einige Jahre im Exil in Straßburg und fand keinen Partner. Als Württemberg sich nach dem Krieg wieder sortierte, war sie zum Heiraten zu alt und wandte sich stattdessen kulturellen und intellektuellen Themen zu. Antonia lernte Hebräisch, bis sie selbst Gebete in der fremden Sprache schreiben konnte. Und sie befasste sich mit der Kabbala.
»Schon die frühen Kabbalisten hatten den Verdacht, dass in der Schöpfung etwas schiefgegangen ist«, sagt Matthias Morgenstern. Antonia habe hier Antworten auf ihre Fragen nach dem Sinn des Lebens und des Leidens gesucht.
Der Segensstrom Gottes in Richtung Erde
Es gibt keine einheitliche kabbalistische Lehre. Eine klassische Vorstellung besagt aber, dass Gott die Welt erschuf, indem er Teile seines Wesens aus sich hervorgehen ließ. Diese werden meist als kosmische Gefäße (hebräisch »Sefirot«, Einzahl »Sefira«) dargestellt, die durch Röhren verbunden sind. Durch sie fließt der Segensstrom Gottes in Richtung Erde.
Die Sefira, die den Menschen am nächsten steht, mit ihnen leidet und weint, heißt Malchuta. Sie gibt das göttliche Licht und den Segen an den einzelnen Juden, das ganze Volk Israel und an die gesamte Schöpfung weiter. Sind die Gefäße beschädigt oder die Röhren einmal verstopft, kann wiederum die Buße und Frömmigkeit der Menschen dazu beitragen, dass die Segensströme wieder fließen.
Matthias Morgenstern muss vier, fünf Schritte nach hinten gehen, um das gesamte Hauptgemälde von Antonias kabbalistischer Lehrtafel zu überblicken. Hier werden die zehn Sefirot von zehn menschlichen Gestalten repräsentiert, die rund um einen prächtigen Tempel mit paradiesischer Gartenanlage stehen. Klar identifizieren lässt sich die Gestalt der zehnten Sefira, der Malchuta. Sie wird vom gekreuzigten, leidenden Jesus verkörpert, um den ein Kreis von zwölf Männern steht.
Die Apostel? Nein, es sind die zwölf Söhne Jakobs, die Stammväter Israels. »Daran sieht man, dass die Lehrtafel keine judenfeindliche Darstellung ist«, sagt Morgenstern. Mit seinem roten Laserpointer zeigt er auf den Stammesvater Juda. Der trägt auf dem Gemälde ein prächtiges Gewand und reckt ein goldenes Zepter in die Luft. Ein Herrschaftssymbol in der Hand einer eindeutig jüdischen Figur – nicht selbstverständlich in der christlichen Kunst.
»Eine christliche Kabbala gibt es, weil das Christentum auf dem Judentum basiert«
»Eine christliche Kabbala gibt es, weil das Christentum auf dem Judentum basiert«, sagt Yehuda Pushkin von der jüdischen Gemeinde in Stuttgart. Als chassidischer Rabbiner hat er sich ausführlich mit der Kabbala befasst. Vor Pushkin liegt ein Bild der kabbalistischen Lehrtafel. »Es gibt einen Haken.« Er deutet auf die Malchuta, auf Jesus, und spricht dessen Himmelfahrt an. Weil Christen meinen, dass Jesus nach seiner Auferstehung zu Gott in den Himmel aufgenommen wurde, konzentriere sich auch ihr Denken auf die oberen Sefirot.
An der Reparatur der unteren Sefira mithilfe der Mizwot, eigentlich eine wichtige Lehre der Kabbala, beteiligen sie sich nicht, erklärt Pushkin. Sollten Christen also die Finger von der Kabbala lassen, weil sie ohnehin die falschen Schlüsse aus ihr ziehen? »Nein«, sagt Pushkin. Die Kabbala könne Juden und Christen dabei helfen, eine gemeinsame Sprache zu entwickeln.
Auf seinem Schreibtisch stapeln sich mehrere Einladungen zu interreligiösen Veranstaltungen. Die besucht er gern, sagt Pushkin, er vermisse aber manchmal den inhaltlichen Tiefgang. »Ich glaube, wir müssen über die Theologie sprechen und nicht schüchtern sein, auch einmal zu streiten. Die Kabbala kann uns helfen, unter die Oberfläche zu kommen.«
Ein anderer Vorwurf gegen die »christliche Kabbala« geht auf Gershom Scholem (1897–1982) zurück: Einige ihrer Begründer hätten einen »missionarischen Fokus« und wollten die Kabbala zum Beispiel nutzen, um Juden von der Trinitätslehre zu überzeugen, schrieb der Forscher 1954.
»Es gibt einen Haken«, sagt der Rabbiner und deutet auf die Jesusfigur in der Mitte.
Für die christlichen Theologen im (heutigen) Süddeutschland des 16. und 17. Jahrhunderts passt dieses Urteil allerdings nicht, wie etwa der Jerusalemer Judaist Joseph Dan (1945–2022) feststellte. Laut ihm wollten die »christlichen Kabbalisten« eher ihre eigenen Glaubensgeschwister zur Kabbala bekehren, als Juden zu missionieren. Und Antonia von Württemberg? Sie wollte vermutlich erst einmal sich selbst von der Kabbala überzeugen. Jahrelang nutzte die Prinzessin die Lehrtafel für ihre persönlichen Andachten, bevor sie sie 1673 der Dreifaltigkeitskirche in Bad Teinach stiftete.
Nach ihrer Einweihung geriet das Kunstwerk dann immer wieder für längere Zeit in Vergessenheit. Vermutlich hat sie auch gerade deshalb die Jahrhunderte unbeschadet überstanden. Als eines Tages Nationalsozialisten auf das Kunstwerk aufmerksam wurden – so erzählt man es in Bad Teinach –, habe der damalige Pfarrer einfach behauptet, bei den sichtbaren hebräischen Buchstaben handele es sich eigentlich um griechische. So verloren die Nazis das Interesse.
Heute wird das Interesse hingegen immer größer. Am 26. April werden sich Matthias Morgenstern und andere Wissenschaftler bei einem deutsch-französischen Studientag mit ungelösten Rätseln der Lehrtafel befassen. Dazu gehören etwa Bibelszenen, die den Tempel auf dem Hauptgemälde der Lehrtafel zieren und noch nicht vollständig interpretiert sind.