Antisemitismus

Worte, Worte

Einschusslöcher am Eingang zur Synagoge zeugen von dem Terroranschlag in Halle. Foto: Reuters

»Worte! Worte! Keine Taten! ... Immer Geist und keinen Braten!« Der hellsichtige Dichter Heinrich Heine kannte seine nichtjüdischen deutschen Mitbürger und deren Neigung zu großen Versprechen – doch mangelnden Konsequenzen. Doch, wo Heine über die Liebe reimte, muss man heute – leider – Politik und Gesellschaft setzen. Dessen sollten sich die Deutschen angesichts des mörderischen Attentats eines Judenhassers in Halle bewusst sein. Denn wer heute die Juden ideell und sicherheitstechnisch im Stich lässt, gefährdet alle.

Nach dem Völkermord hatten die Deutschen wie die meisten anderen europäischen Nationen, die sich am Menschheitsverbrechen beteiligt hatten, gelobt: Nie wieder dürften Juden Opfer werden. Doch die Wirksamkeit des bußfertigen Schwurs währte nur relativ kurz. 1970 wurden bei einem Brandanschlag auf ein jüdisches Altersheim in München sieben Menschen ermordet. Damals versprachen deutsche Politiker unisono, ihre »jüdischen Mitbürger« in Zukunft wirksam zu schützen.

leichtsinn Gerade zwei Jahre später wurde durch den Leichtsinn der deutschen Sicherheitsorgane ein Anschlag palästinensischer Terroristen auf die israelische Olympiamannschaft erst ermöglicht. Alle elf israelischen Geiseln wurden ermordet. Bundespräsident Heinemann verdammte das Verbrechen und gelobte Schutz für Juden in Deutschland.

Derweil gingen in Deutschland antisemitische Untaten weiter.

Derweil gingen in Deutschland antisemitische Untaten weiter. Die DDR unterstützte massiv arabische Terroristen mit militärischer Ausbildung und Logistik. In der Bundesrepublik dagegen bemühten sich Politik und Sicherheitsorgane um den Schutz der hier lebenden Hebräer. Dennoch ließ man die offen judenfeindliche »Wehrsportgruppe Hoffmann« seit 1973 gewähren. Es »brauchte« den Mord an dem jüdischen Verleger Shlomo Levin, um die Verbrecherbande 1980 zu verbieten.

In den 80er- und 90er-Jahren lebten Juden in Deutschland relativ sicher. Der Hass von Rechtsextremen und Mitläufern konzentrierte sich damals auf Asylsuchende, Ausländer, Flüchtlinge. Davon zeugen die Anschläge von Rostock, Solingen, Hoyerswerda. Doch die Feinde hatten die Juden keineswegs vergessen. Als 2000 in Düsseldorf ein Brandanschlag auf die Synagoge verübt wurde, gelobte Bundeskanzler Gerhard Schröder: »Die Bundesregierung wird alles Erdenkliche tun, um jüdische Einrichtungen in Deutschland zu schützen.« Erdenklich? Dahinter steht gute Absicht. Doch wenig Konkretes. Diese Haltung ist überparteilich.

herausforderung Die nächste Herausforderung für die Sicherheit der deutschen Juden waren die Zuwanderer und Flüchtlinge aus den islamischen Staaten. Sie selbst wurden Opfer von Rechtsradikalen und Terroristen wie NSU. Das hindert vor allem jüngere Muslime nicht, offen ihren Hass gegen Juden auszutoben. Diese werden beschimpft und misshandelt. Während des Gaza-Krieges 2014 und später skandierten Demonstranten Rufe wie »Juden ins Gas« und ähnliche Hassparolen. Polizei und Behörden sahen tatenlos zu. Es erfolgten keine Anzeigen.

In Wuppertal verübten palästinensische Jugendliche einen Brandanschlag gegen die Synagoge. Das Gericht bescheinigte ihnen, dass sie nicht aus antisemitischen Motiven gehandelt hätten. Ignoranter geht’s nimmer!

Antisemitismusbeauftragte wurden ernannt. Eine gut gemeinte Geste.

Antisemitismusbeauftragte wurden ernannt. Eine gut gemeinte Geste. Sie mag langfristig helfen, doch unmittelbare Sicherheit kann sie nicht gewährleisten. Derweil wurden hetzende antisemitische Rapper zunächst ausgezeichnet. Ein mit einem Messer bewaffneter Syrer, der zuletzt in Berlin eine Synagoge angriff, wurde freigelassen, da die Staatsanwaltschaft keinen dringenden Verdacht einer Straftat erkennen wollte.

gewalt Die Klugen und Solidarischen melden sich durchaus zu Wort. 2014 demons­trierten wenige Tausend unter dem Motto: »Steh auf! Nie wieder Judenhass!« Später beteiligten sich gerade einmal 2000 Berliner an der Aktion »Berlin trägt Kippa«. Bundeskanzlerin Merkel bemerkte 2014: »Wir wollen, dass sich Juden in Deutschland sicher fühlen.« Sie versprach, dass die deutschen Behörden »mit aller Härte« gegen antisemitische Drohungen und Gewalt vorgehen würden.

Der Anschlag von Halle beweist leider das Gegenteil. Die Synagoge blieb an Jom Kippur ohne Polizeischutz. Nun versichern Politiker allenthalben ihre Solidarität und versprechen, Juden zu schützen. Worte, Worte. Wann werden Deutschlands Politiker, Journalisten, die Menschen inmitten der Gesellschaft begreifen, dass leere Versprechungen leere Wirkung zeitigen? Die Würde des Menschen ist unantastbar und unteilbar. Wer unwillig ist, die Sicherheit und Menschenwürde von Juden durchzusetzen, der gibt Menschlichkeit und Freiheit der Gesellschaft insgesamt auf.

Der Verfasser ist Publizist und Buchautor. Zuletzt ist von ihm erschienen: »Lauf, Ludwig, lauf! Eine Jugend zwischen Synagoge und Fußball«.

Transportbetonwerk der Firma Heidelberg Materials in München (Symbolbild)

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