Meinung

Wenn Antisemitismus normal wird

Feindschaft gegen Juden ist nicht nur bei AfD, Pegida & Co. oder im Internet anzutreffen. Das »Gerücht über die Juden« (Adorno) hat auch das Europäische Parlament erreicht. Dort beschwor Palästinenserpräsident Mahmud Abbas Ende Juni das alte Stereotyp vom jüdischen Brunnenvergifter: »Bestimmte Rabbis in Israel haben ihre Regierung klar, sehr klar dazu aufgefordert, dass unser Wasser vergiftet werden sollte, um Palästinenser zu töten.« Das Parlament spendete begeistert Beifall, sein Präsident Martin Schulz nannte die Rede »inspirierend«.

Was, so muss man sich als jemand, der den Antisemitismus erforscht, fragen, ist an der Verbreitung von klassischen judeophoben Aussagen inspirierend? Dass transparent wird, wie unverhohlen und folgenlos das alte Ressentiment wieder artikuliert wird, wenn es auf Israel bezogen wird? Dass 70 Jahre nach Auschwitz kaum jemand sensibel auf solche Verbalantisemitismen reagiert?

hassrede Die Antisemitismusforschung sieht seit Jahren eine extreme Zunahme von verbaler Gewalt gegenüber Juden, und die Hassrede gegen Israel kennt im Netz schon lange keine Grenze mehr. Zugleich sehen wir, wie sehr sich solche Exzesse im öffentlichen Kommunikationsraum ausbreiten, wie ihre Tabuisierung in den Massenmedien und im Internet immer mehr nachlässt – und wie die Sorge in den jüdischen Gemeinden zunimmt.

Allerdings gibt es doppelte Standards: Kommt so etwas aus den Reihen von AfD oder Pegida, gibt es eine gewisse Empörung; bei linken Journalisten oder Gastrednern des Europäischen Parlaments jedoch greifen reflexartig die Abwehrmechanismen (»Dies ist Kritik an Israel«). Die Antisemitismusforschung sieht all dies mit Fassungslosigkeit: Alle Bedenken werden ignoriert oder bagatellisiert. Dabei sind die Warnungen kein Zeichen von Alarmismus oder Hysterie, sondern wissenschaftliche Erkenntnisse, die belegen, dass Antisemitismus wieder salonfähig wird.

stereotype Dass nun eines der ältesten und widerwärtigsten Stereotype im Europäischen Parlament eingebracht wird und es außerhalb Israels keinen massiven Protest, keine entsetzte Kritik gibt, zeigt, wie normal, wie habitualisiert und wie akzeptiert antisemitisches Gedankengut in unserer Gesellschaft wieder ist.

Wer wird später sagen können oder behaupten wollen, man habe davon nichts gewusst?

Die Autorin ist Antisemitismusforscherin an der TU Berlin. Im März 2016 hielt sie im Bundestag einen Vortrag zur »Israelisierung des aktuellen Antisemitismus«.

Glosse

Wir stehen zum Existenzrecht Pakistans!

Absurder als im rot-rot-grünen Berlin wird’s nicht mehr

von Philip Fabian  13.10.2026

Replik

Einspruch, euer Ehren!

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ging in diesem Jahr an Philippe Sands. Ausgerechnet ein Mann, dessen Autorität auf juristischer Präzision und universellen Maßstäben gründet, nimmt es mit dem Völkerrecht erstaunlich ungenau

von Leeor Engländer  13.10.2026

9. November

Bautzen erinnert an Novemberpogrome 1938

Der Bautzener Kornmarkt war Schauplatz der Novemberpogrome von 1938. Eine temporäre Installation soll am authentischen Ort an NS-Opfer erinnern

 13.10.2026

Großbritannien

Premier Burnham: Iran steckt hinter geplantem Angriff auf US-Militärbasis

Mehrere Männer werden verdächtigt, einen Anschlag auf einen Militärstützpunkt in Großbritannien geplant zu haben. Nun sagt der britische Premier: Das waren die iranischen Revolutionsgarden

 13.10.2026

Medien

Israel verweigert »taz«-Korrespondentin Arbeitsvisum

Diaspora-Ministerium: »Antiisraelische Akteure und diejenigen, die Israel verleumden, sollten keinen Fuß in das Land setzen«

 13.10.2026

Berlin

Jüdische Kulturtage müssen Hauptausstellung absagen

Wegen einer Finanzierungslücke fällt die Ausstellung aus. Die Jüdische Gemeinde kritisiert die Förderentscheidung des Senats

 12.10.2026

Mitglieder der JSUD vor dem Eingang zum Synagogenhof der Jüdischen Gemeinde Halle

Sachsen-Anhalt

So instrumentalisiert die AfD den Eklat von Halle

AfD-Rechtsaußen Hans-Thomas Tillschneider geriert sich als Opfer »fanatisierter Studenten«. Eine Einordnung

von André Anchuelo  12.10.2026

Katharina von Schnurbein

»Ich habe das Gefühl, den richtigen Weg gegangen zu sein«

Die EU-Antisemitismusbeauftragte Katharina von Schnurbein wechselt von Brüssel nach Berlin. Sie folgt dort Felix Klein nach. Ein Porträt

von Michael Thaidigsmann  12.10.2026

Berlin

Merz fordert SPD und Grüne auf, nicht mit Linken zu koalieren

Gibt es in Berlin eine rot-rot-grüne Koalition? Der Kanzler appelliert an SPD und Grüne

 12.10.2026