Dialog

Was geboten ist

Yin und Yang – zwei Pole eines Elements, das nach Gleichgewicht verlangt. Beim »christlich-jüdischen Erbe« funktioniert dieses Prinzip nicht immer. Zeit, darüber offen zu sprechen. Foto: Marco Limberg

Es wird oft und innig beschworen, das »christlich-jüdische Erbe«. Zumal im Vorfeld des 33. Evangelischen Kirchentages, der am Mittwoch in Dresden eröffnet wurde. Doch dieses Erbe ist ein schwieriges. Denn in vielen grundlegenden Dingen, gerade religiösen, sind Christen und Juden ziemlich über Kreuz. Das beginnt bei der Interpretation des Alten Testaments im Allgemeinen und endet mit den Zehn Geboten im Besonderen. Darüber können auch die zahlreichen Veranstaltungen während des Christentreffens nicht hinwegtäuschen.

Es fängt schon mit einem grundlegenden Missverständnis an: Die Tora ist eben nicht das Alte Testament! Auch die jüdische Interpretation der Zehn Gebote ist eine gänzlich andere als die neutestamentliche. Wenn das Christentum und seine großen Denker dazu neigen, Tora und Altes Testament gleichzusetzen, ist das nichts anderes als der Ausdruck eines fortwährenden Triumphalismus.

Rachegeist Der äußert sich vor allem, wenn Politik auf Religion trifft und sich christliche Moralvorstellungen im Gutmenschentum Bahn brechen: Seht her, wir sind euch überlegen. Augenfällig wurde dies vor Kurzem bei der US-Aktion gegen den islamistischen Terroristen und Massenmörder Osama bin Laden. Sofort hieß es, wenn man einen Menschen, selbst einen bösen, einfach mal ausschalte, tue man Unrecht, ja versündige sich. Man huldige dem alttestamentlichen Rachegeist statt christlicher Feindesliebe. Schließlich laute doch das Fünfte Gebot: Du sollst nicht töten.

In der Tora ist das ganz anders zu lesen. Dort ist von morden die Rede, und zwar an sechster Stelle des Dekalogs, am Beginn der zweiten Gesetzestafel. Das hat seinen guten Grund. Die jüdische Interpretation beruft sich auf das hebräische Ur-Dokument aus der Tora und die ursprüngliche Einteilung des Dekalog-Textes in zehn einzelne Aussagen, die alle aufeinander bezogen sind. Sie folgt damit einem Muster, das bereits in der ersten Zeile der Tora deutlich wird: »Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.«

Die darin zum Ausdruck gebrachte Bipolarität setzt sich in der Schöpfungsgeschichte fort. Tag und Nacht, Meer und Land bis hin zu Mann und Frau – jeweils zwei Pole eines gemeinsamen Elements, welches nach Gleichgewicht verlangt. Wie Yin und Yang. Nur so ist die Welt vollkommen. Das betrifft auch die Einteilung in Heiliges und Profanes. Aus diesem Grund steht das Schabbat-Gebot ebenfalls im Dekalog. Es soll den Menschen helfen, zwischen Moral und Unmoral, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden.

Tafel Deshalb sind die Zehn Gebote in der jüdischen Tradition einem System entsprechend geordnet, welches dem Schöpfungsmuster entspricht. Auf der ersten Tafel werden Aussagen dargestellt, die das Verhältnis zwischen Mensch und Gott beziehungsweise göttlicher Autorität betreffen.

Die zweite Tafel mit fünf weiteren Geboten enthält Regeln menschlichen Zusammenlebens. Dieses System der beiden Tafeln steht in einem sorgsam austarierten Gleichgewicht, das durch eine gerechtere Welt zu Vollkommenheit und Frieden führen soll. Folglich muss das Mordverbot dort stehen, wo es um zwischenmenschliche Gebote geht – und zwar ganz oben.

Allerdings wollen das berühmte Christen wie der Welt-Ethiker Hans Küng so nicht gelten lassen: »Die rabbinische Version teilt das Zweite Gebot ... in zwei Gebote. Und um die Zahl zehn zu erreichen, werden das Neunte und Zehnte Gebot zu einem Gebot verschmolzen.« Seiner Auffasung nach sind es also die Juden, die teilen, verschmelzen, folglich manipulieren und sich an der universellen Moral der Menschheit eigenmächtig zu schaffen machen – ohne Einwilligung von Küng und seiner »Stiftung Weltethos«.

Unterschiede Kann diese konträr interpretierte religiöse Grundlage des Dekalogs als Basis für ein gemeinsames Grundethos von Judentum, Christentum und Islam herhalten? Die Antwort lautet: Geht’s auch eine Nummer kleiner? Vielleicht ist es an der Zeit, dass wir bei Kirchentagen nicht nur vermeintliche und tatsächliche Gemeinsamkeiten feiern, sondern uns stattdessen endlich die prinzipiellen Unterschiede zwischen Juden- und Christentum vor Augen führen.

Denn auch in den Differenzen liegt eine Qualität, die für alle von Gewinn sein kann. Nicht Verwischung der Profile, sondern ihre Schärfung könnte zu einem gemeinsamen moralischen Gewissen führen. Und dabei helfen, brennende gesell- schaftliche Fragen zu beantworten. Es muss ja am Ende kein Weltethos dabei herauskommen.

Der Autor ist Rabbiner der Frankfurter Budge-Stiftung. Von 2007 bis 2010 war er im Vorstand des Deutschen Koordinierungsrats der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit.

Berlin

Scholz kann sich Verhaftung Netanjahus in Deutschland nicht vorstellen

Erstmals seit dem internationalen Haftbefehl gegen ihn besucht Israels Ministerpräsident Europa. In Ungarn muss er keine Verhaftung fürchten. Aber wie wäre es, wenn er nach Deutschland kommen würde?

 03.04.2025

Bundesregierung

Baerbock kritisiert, dass Israels Premier Netanjahu in Ungarn nicht verhaftet wurde

»Das ist ein schlechter Tag für das Völkerstrafrecht«, so die geschäftsführende deutsche Außenministerin

 03.04.2025

Debatte

Boris Becker äußert sich zu seinem viel kritisierten Hitler-Tweet

Becker war einst als Tennisstar eine Legende, auch danach produzierte er noch viele Schlagzeilen. Nun sorgte ein Post zu Hitler für viel Aufregung

von Elke Richter  03.04.2025

Soziale Netzwerke

Boris Becker teilt Zweifel an Hitlers Tod im Führerbunker

Floh der Nazi-Diktator nach dem Krieg nach Südamerika? Der Ex-Tennisstar scheint den Gerüchten zu glauben

von Michael Thaidigsmann  03.04.2025

Budapest

Ungarn will Internationalen Strafgerichtshof verlassen

Die Ankündigung erfolgte kurz nachdem Israels Regierungschef Netanjahu zum Staatsbesuch eingetroffen war

 03.04.2025

Münster

NS-Überlebende Friedländer: Bin entsetzt über Entwicklung in den USA

»Warum sagen so wenige etwas?« - Margot Friedländer blickt mit Entsetzen auf die Entwicklungen in den Vereinigten Staaten. Sie fordert aktiven Einsatz für die Demokratie, ob in den USA, in Deutschland oder anderswo

von Nicola Trenz  03.04.2025

München

Claims Conference will Bayern an »Restitutions-Quote« messen

Man werde die angekündigten Restitutions-Pläne für NS-Raubkunst kritisch begleiten, so Rüdiger Mahlo

 03.04.2025

Berlin

Nach israelfeindlichem Protest an Uni: Ausweisung von vier Studenten angeordnet

Drei EU-Bürger und ein Amerikaner müssen Deutschland verlassen. Die Senatsverwaltung für Inneres sagt, sie seien »Mitglieder einer gewaltbereiten Gruppe der propalästinensischen Szene«

von Imanuel Marcus  03.04.2025

Gedenkfeier

KZ Mittelbau-Dora: Albrecht Weinberg ist einer der letzten Zeugen

Albrecht Weinberg ist 100 Jahre alt. Er gehört zu den wenigen Zeitzeugen, die noch von der Verfolgung und Ermordung der Juden berichten können. Als einziger Überlebender kommt er zum Gedenken an die Befreiung des KZ nach Mittelbau-Dora

von Karen Miether  03.04.2025