Annäherung

Warum die FPÖ auf ein Gütesiegel aus Israel hofft - Österreichs Rechte knüpfen Verbindungen zum Likud

Illustre Gäste beim Gründungsfest der FPÖ. Auch Israels Außenminister sieht »gute Entwicklung« Foto: picture alliance / APA-Images

Angesichts der Führungskrise bei den österreichischen Sozialdemokraten kamen in den vergangenen Tagen Gerüchte um vorgezogene Neuwahlen auf. Sieger wäre dabei wohl die Freiheitliche Partei (FPÖ). Deren Anführer Herbert Kickl wähnt sich schon als nächster »Volkskanzler«. Zuletzt versuchen die Rechten immer deutlicher, ein besonderes Gütesiegel für mögliche Wahlen zu gewinnen: den politischen Segen aus Israel.

Was erstaunlich ist, wirft man einen Blick auf die Geschichte der Populisten. »Die FPÖ war historisch betrachtet ein Sammelbecken ehemaliger Nazis«, erklärt Florian Wenninger, Leiter des Instituts für Historische Sozialforschung (IHSF) in Wien. »Ihr erster Obmann war Anton Reinthaller, ein vormaliger SS-Brigadeführer. Ihr zweiter Obmann, Friedrich Peter, war Offizier einer SS-Mordbrigade, die hinter der Ostfront Juden und Kriegsgefangene massakrierte.«

Im rechtsextremen Milieu verankert

Solange man auf die Stimmen der Altnazis hoffen durfte, habe die Partei revisionistisch und teils antisemitisch agiert, sagt der Historiker. Zwar änderte sich dies mit dem Aussterben der Wählergruppe gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts. Doch ideologisch bleibt die FPÖ fest im rechten bis rechtsextremen Milieu verankert. Österreichs Innenminister Gerhard Karner (ÖVP) kritisierte, »dass sich die FPÖ unter Kickl bewusst nicht mehr von Rechtsextremen distanziert«.

Auch international pflegt die FPÖ einschlägige Allianzen - sichtbar beispielsweise beim 70-jährigen Gründungsfest der Partei im Sommer, als neben den AfD-Chefs Alice Weidel und Tino Chrupalla auch der niederländische PVV-Vorsitzende Geert Wilders und der kürzlich abgewählte ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán nach Wien reisten.

Likud-Gäste bei »Patrioten für Europa«

Die Gästeliste ist nicht neu. Für Überraschung sorgte im September eine Konferenz der rechtsextremen Europa-Fraktion »Patrioten für Europa« in Straßburg, zu der auch Vertreter der israelischen Regierungspartei Likud angereist waren. Thema des Treffens: »Islamism and Antisemitism: Threats to Europe’s Freedom« (Islam und Antisemitismus: Bedrohung für Europas Freiheit).

Israelischen Medienberichten zufolge ging FPÖ-Chef Kickl in seiner Rede nicht nur auf den Hamas-Überfall vom 7. Oktober 2023 ein, den er als »Verbrechen gegen die Menschlichkeit« verurteilte. Auch Österreichs Mittäterschaft am Holocaust sei ein Thema gewesen, wie das israelische Portal Ynet später schrieb: »Der FPÖ-Chef ging auf die NS-Vergangenheit Österreichs ein und entschuldigte sich direkt bei jüdischen Österreichern, Holocaust-Überlebenden, deren Nachkommen und dem jüdischen Volk.«

Israels Außenminister: gute Entwicklung

Auch von offizieller Seite ließ die Reaktion nicht lange auf sich warten. So begrüßte Israels Außenminister Gideon Saar Kickls Vorstoß als »wichtige und positive Entwicklung«. Seine Äußerungen ermöglichten es, einen »bedeutenden, offenen und aufrichtigen Dialog zu starten, der darauf abzielt, unser Verständnis seiner Positionen und Zielsetzungen zu vertiefen«, so Israels Chefdiplomat.

Was erhoffen sich Österreichs Rechtspopulisten von einer Allianz mit Israel? Laut dem Wiener Politologen Laurenz Ennser-Jedenastik kann Kickl so zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Auf der einen Seite die »Distanzierung von den dunklen Seiten der eigenen Vergangenheit«, auf der anderen eine Stärkung ihrer Anti-Islam-Politik.

»Unbedenklichkeitsbescheinigung« aus Israel

Unterdessen betonte Kickl in Straßburg selbst: »Die Bekämpfung des Antisemitismus, der Kampf gegen Antizionismus wird Teil des Programms einer Bundesregierung sein, die ich anführen möchte.« Die nächste reguläre Nationalratswahl in der Alpenrepublik steht 2029 an. Derzeit führt die FPÖ die Umfragen mit etwa 40 Prozent an. Eine »Unbedenklichkeitsbescheinigung« aus Israel, analysiert das Wiener Magazin »profil«, könnte der FPÖ Spielraum sowohl bei Koalitionsverhandlungen mit der ÖVP als auch auf dem internationalen Politparkett geben.

Allerdings könnte sich das Kalkül mit Israel für die FPÖ auch als Fehlstrategie herausstellen. Zum einen gibt es jetzt schon Stimmen aus dem rechten Lager, die Kickl für seinen neu gefundenen »Schuldkult« und die »Unterwürfigkeit« gegenüber Israel kritisieren. Zum anderen hat er die Rechnung ohne die jüdische Gemeinde in Österreich gemacht. Für die Israelitische Kultusgemeinde sind das Gebaren der FPÖ, die Aussagen ihrer Anführer und nicht zuletzt ihre hartnäckigen Verstrickungen in den Rechtsextremismus ein rotes Tuch.

Kommentar

Ein Tag der Schande

Die Linkspartei, SPD und Grüne haben ihre Sondierungen beendet. Nun wollen sie in Berlin eine Regierung bilden

von Philipp Peyman Engel  17.10.2026

Berlin

Remmo: Koçak hat bei mir im Büro gesessen

Wie eng war der Kontakt des Linken-Bundestagsabgeordneten Koçak zur Großfamilie Remmo? Nach der Berliner Wahl kamen Chatnachrichten ans Licht, die er als Fehler bezeichnete. Gab es auch ein Treffen?

 16.10.2026

Berliner Sondierungen

Özdemir: Berliner Linke hat sich »radikalisiert«

Baden-Württembergs Ministerpräsident Cem Özdemir schaut mit Sorge auf die politischen Geschehnisse in der Bundeshauptstadt. Seiner Ansicht nach hat sich die Berliner Linke radikalisiert

 16.10.2026

Kommentar

Deutsche Iran-Politik: Urkomische Dinge und pure Realitätsverweigerung

Der neue Botschafter der Bundesrepublik in Teheran, Axel Dittmann, produziert mit seinen Instagram-Videos unfreiwillig Realsatire

von Saba Farzan  16.10.2026

Meinung

Keine Wahlen in Palästina: Armutszeugnis für den Westen

Mahmud Abbas hat die Wahlen in den Palästinensergebieten erneut um ein Jahr verschoben und bricht damit seine Zusagen. Wann zieht man in Europa endlich Konsequenzen?

von Jacques Abramowicz  16.10.2026

Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD)

Rede des Bundesratspräsidenten

Bovenschulte zu AfD-Verbot: »Prüfen heißt nicht verbieten«

Seine letzte Rede als Bundesratspräsident nutzt Andreas Bovenschulte für einen Appell. Es geht darum, wie weit die Demokratie im Umgang mit der AfD gehen sollte – und warum kein Fehler passieren darf

 16.10.2026

München

Oberrabbiner Goldschmidt: »Wir können nicht immer wegrennen«

Jüdisches Leben in Europa hat eine Zukunft, aber nicht von allein. Dafür braucht es nach den Worten des Oberrabbiners Pinchas Goldschmidt Partner in den Regierungen und in der Zivilgesellschaft

von Barbara Just  16.10.2026

Steffen Alisch

Meinung

Die Berliner Linke und ihr DDR-Vorleben

Linker Antisemitismus, Israelfeindschaft und Genozid-Vorwurf – all das gab es bereits in der DDR unter dem Regime der Linkspartei-Vorläuferin SED

von Steffen Alisch  16.10.2026

Staatsanwaltschaft

Der Bundestag hebt die Immunität von SPD-Abgeordnetem Adis Ahmetovic auf

Ermittler durchsuchen sein Büro und Wohnungen wegen des Verdachts verbotener Absprachen

von Leonard Fischer  16.10.2026